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Hellas sei Dank!

Karl-Wilhelm Weeber lädt zu einem Besuch in das antike Griechenland

Hier wird Klartext geredet: Das alte Hellas war ein Geberland! Europa hat seine Wurzeln im antiken Griechenland. Doch gegenwärtig ist, wie Karl-Wilhelm Weeber kritisch vermerkt, »von europäischem Selbstbewusstsein und Stolz auf den gewaltigen Beitrag Europas zur Weltkultur« wenig zu hören und zu lesen. »Wer von der ›abendländischen Tradition‹ spricht, gerät, obwohl das ein präziser historischer Terminus ist, rasch unter Ideologieverdacht. Die damit verbundenen Identitätsangebote und Sicherheiten hinsichtlich einer geistigen Heimat in einer ja nicht gerade unter europäischem Vorzeichen globalisierten Welt bleiben auf diese Weise ungenutzt. Historische Bewusstseinswurzeln werden gekappt oder vertrocknen.«

Statt sich jener anzunehmen, beklagt Weeber, wird heute über Schulden gestritten und das vernünftige Miteinander in Europa durch sozio-ökonomische Egoismen und nationale Vorurteile aufgeweicht. Gerade wegen dieser wenig erfreulichen europäischen Wirklichkeit hat sich Weeber in seinem sprachmächtigen, gelehrten, zugleich heiter-kurzweiligen Buch auf die Spur der alten Griechen begeben. Der Wissenschaftler weiß: »Sie haben in zentralen Bereichen unserer Kultur die Grundlagen gelegt, haben das Abendland geistig gewissermaßen angeschoben. Sie haben uns das philosophische Staunen und Fragen gelehrt, haben das Theaterspiel und die meisten Literaturgattungen begründet und die Fundamente einer wissenschaftlichen Medizin gelegt. ›Politik‹ ist nicht zufällig ein griechisches Wort, und auch die Staatsform, die zumindest die westliche Welt für die Beste hält, ist eine griechische Erfindung: die Demokratie, in der das ›Volk‹ (démos) über die ›Macht‹ (krátos) verfügt.«

Die ersten Kapitel sind denn auch der Politik und Staatsform gewidmet. Die demokratische Ordnung des Gemeinwesens in den griechischen Stadtstaaten war eine großartige zivilisatorische Errungenschaft, betont Weeber. Und das ist nicht anzuzweifeln, auch wenn damals nur Männer Vollbürger waren, Frauen, Sklaven und Ausländer keine Mitwirkungsrechte besaßen. Die Vollbürger waren gleichsam zu aktiver Teilhabe an der politischen Selbstverwaltung und Entscheidungsfindung verpflichtet. Hier wurde erstmals das Prinzip der direkten Öffentlichkeit praktiziert. Für Weeber ist die in Mode gekommene Kritik an einzelnen Erscheinungsformen der antik-griechischen Demokratie schlicht ahistorisch; er vermutet, dass damit wohl auch von den Unzulänglichkeiten der heutigen so genannten Demokratien abgelenkt werden soll. Jedenfalls ist - schauen wir auf Deutschland - »Demokratie«, nicht mehr das, was sie im Athen des 5. Jahrhunderts v. u. Z. war, nämlich auf die Mehrheit ausgerichtet.

In weiteren Kapiteln wird über »Wahrheit und Macht des Mythos« sinniert, werden Thukydides und Herodot als »Europas Väter der Geschichte« vorgestellt, die Macht und Magie der Rede analysiert und über die Erfindung von Wissenschaft und Philosophie berichtet. Weeber lädt auf die Bühne des antiken Theaters und ins antike Stadion. Auch über erotische Vorlieben der alten Griechen wird der Leser informiert. Und schließlich enthüllt Weeber, wie arm unsere Kommunikation ohne jene wäre. Von Auto bis Zerberus - zahlreiche griechische Wörter sind in unsere Alltagssprache eingegangen.

Amüsant und aufschlussreich ist der Exkurs über den Philosoph in der Tonne, Diogenes, der als »Bürgerschreck, Clown und Himmelshund« galt und noch heute für den Widerspruch von Individualität und Kollektiv, von Freiheit und Konvention steht. Das provokative Anderssein des Diogenes konnte nur wirken, wenn es in der Öffentlichkeit, also unter Zeugen, demonstriert wurde. So wurde der nackte Arsch und die Scheiße auf Athens Marktplatz zum Ereignis. Wäre dies in der Einsamkeit der Wälder auf dem Hymettos passiert, hätte sich niemand aufgeregt.

Mit oder ohne Diogenes - das antike Griechenland war Europas Kindheit, das antike Rom dessen Jugend. Das Fundament der europäischen Zivilisation wurde im griechisch-römischen Altertum gelegt. Weeber hat ein großartiges Buch verfasst. Jeder Freund der alten Griechen und jeder, der sich als Europäer fühlt, aber auch Europaskeptiker sollten es lesen.

Karl-Wilhelm Weeber: Hellas sei Dank. Was Europa den Griechen schuldet. Siedler. 397 S., geb., 22,99 €

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