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Es ist Totensonntag. Ein Tag, der die Verstorbenen aufruft. Aber der betont feierlichen Erinnerung an sie ist die Frage eingeschrieben, die sich Lebende aus gegebenem Anlass vielleicht ehrlicher, auch furchtsamer denn je stellen: Beim Gedenken an jene, die gestorben sind, bedenke ich da auch, ob ICH wirklich - LEBE? Möge niemand so tun, als sei die Frage selbstverständlich. In Anbetracht dessen, wie man täglich hastet, gibt es viele Gründe, die Frage zu verdrängen. Wenn sie denn aber gestellt wird, dann gewohnheitsmäßig die Abwiegelung, die Selbstberuhigung: Ja ja, später ... aber dann! ... wenn erst einmal Zeit sein wird ...

Die ersehnte Zeit, sie wird nie sein. Der Satz, es sei für das Entscheidende, das Wichtige, das wirklich Lohnende nie zu spät - das ist eine der bösesten Lügen. »Beginnen kannst du mit dem letzten Atemzug«, dichtet Brecht und lügt also kräftig mit. Denn die unauflösliche leibseelische Einheit des ganzen Menschen, sie gibt's kaum in den Endspurten einer nachholenden Erkenntnis.

Die Fotos auf dieser Seite schauen auf den Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin. Hier liegen auch Corinth, Humperdinck, Langenscheidt, Murnau, Zille. Gleichsam ein Wald, betörend schön zum Bildband geworden. Von »verwunschener Wildnis« spricht Fotograf Siegmar Brüggenthies. Er hat mit seinem poetischen Blick berückende Szenen entworfen. Denn was ist, wird erst - durch die Art, wie wir es schauen. Die Bilder sind der Tatsache zu danken, dass der 1909 eröffnete Friedhof nach dem Bau der Mauer »der Welt abhanden gekommen« ist - wie es in jenem Gedicht von Friedrich Rückert heißt, das dem Buch den Titel gab.

Hohe Bäume etwa schaffen kathedralischen Adel; oder: Äste und Strauch umwuchern den alten Stein, und das wirkt, als neige sich ungezügelte Natur der grabgestalterischen Kultur zu oder umgekehrt. Bilder also, als fände ein Verschmelzen des Leblosen mit dem Lebendigen statt, und man wachse nun gemeinsam. Und man webe verwickelt und verzopft und verknäult miteinander - unzertrennbar Blühen und Verwittern - am Geheimnis des Ortes.

Der Mensch kommt unvermeidlich ans Daseinsende, aber nicht ans Daseinsziel - »das Leben ist nie etwas, sondern nur die kurzfristige Gelegenheit zu einem Etwas« (Friedrich Hebbel). Mensch, nur ein anderes Wort für: Fragment. Bischof Markus Dröge verweist in einem Essay zum Buch auf ein Wort des Theologen Eberhard Jüngel: Der Tod sei »Verhältnislosigkeit« - Existenz sei demnach das schöne reiche Gegenteil, sie sei »Sein in Beziehung«. Der Tod tritt deshalb schon dann in Erscheinung, lautlos mitunter wie der Sand einer Uhr, wenn Beziehungen brechen, fehlen, verwehen - Beziehungen zu Lebenden wie zu Gestorbenen.

Der Tod ist in diesem Kampf gegen Beziehungen ein verflucht geschickter Stückwerkmeister; Tag für Tag, Stunde für Stunde, Augenblick für Augenblick - da ein wenig Vernichtung, und dort. Aber: Wo Beziehungen dauern dürfen, wo Glauben dauern darf (unsere Stärke ist da gefragt!), dort - aufstörendster, provokativster Satz im Buch - »dort wird der Tod getötet«. Heißt das also: Trost? Wieviel wiegt er wirklich?

Mag sein, er wiegt viel, dieser Trost. Aber der Satz, der Tod gehöre zum Leben, er ist dennoch eine Infamie. Sage einer den Satz doch bitteschön laut und heiter und einverstanden, wenn er die Sonne sieht, die Wolken, ein geliebtes Gesicht, das lebendige Treiben, die eigenen Kindeskinder oder sich selber in gemütsstärkendem Tun! Sage einer in so einem Moment: He, Leute, ein Prost auf die Vernunft und den Materialismus - der Tod gehört nun mal zum Leben!

Nein, da hilft keine Religiosität: Der Tod kommt als Feind zu uns. Sterben zu müssen, das bleibt neben der Unumstößlichkeit, dass der Mensch mit Lebensbeginn unrettbar schuldig wird, der einzig wirkliche Skandal, den es gibt!

Siegmar Brüggenthies: Der Welt abhanden gekommen. Südwestkirchhof Stahnsdorf. Bildband. Mit einem Essay von Markus Dröge und einem historischen Abriss von Arne Ziekow. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale). 112 S., geb., 16,95 Euro.


Grabspruch

Der Schlaf kann uns nicht töten,
der Tod uns nicht betrügen.
Kein Ketzer muß sterben.
Kein Reich soll bleiben.

Wenn sie irr werden, die Reichen,
dürfen sie in Demut wiederkehren.
Bis sie frei werden, die Armen,
laßt sie die Wahrheit sehen.

Den zerrissenen Statuten meinen Glauben,
den zerbrochenen Statuen meinen Segen,
dem Frieden ein Geleit
durch Paradies und Hölle.

Walter Werner (1922 bis 1995)

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