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Selbstverwaltet und breit etabliert

20 Jahre »Wüste Welle«: Geschichte eines freien Radios in Baden-Württemberg

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Als 1992 das Landesmediengesetz in Baden-Württemberg geändert wurde, ergriffen ein paar Leute, die noch die Piratenradiozeit der 1980er Jahre miterlebt hatten und die Kämpfe des ältesten Freien Radio namens Dreyeckland in Freiburg, die Gelegenheit, nicht-kommerzielles lokales Radio auch im Tübinger Raum zu realisieren. Im Mai 1995 ging die »Wüste Welle - freies Radio Tübingen/ Reutlingen« nach zwei Jahren harter Verhandlungen mit der Landesanstalt für Kommunikation auf Sendung.

Aus dem Fenster des kleinen, engen, verrauchten Studios (irgendwann kam das Rauchverbot und irgendwann später wurde es tatsächlich auch eingehalten), unterm Dach des soziokulturellen Zentrums Sudhaus am Rande Tübingens, fiel der Blick idyllisch auf den ruhigen Wald. Was über den Äther ging, stand nicht selten in schönem Kontrast dazu: Der Heavy-Metal-Sendung folgten Breakbeats, klassischer Musik linksradikale Nachrichten, eine Sendung in griechischer Sprache wechselte sich mit einer brasilianischen ab, dazwischen Hip-Hop, Noise, Sendelöcher und viele Wiederholungen alter Sendungen. Bemerkenswert unvorbereitete Sendungsmachende mit vielen »Ähs« und Versprechern und manchesmal auch eine sehr gut recherchierte und produzierte Sendung, die auf »Deutschlandradio Kultur« hätten laufen können.

Im Redaktionsplenum, das, wie heute immer noch, den gesamten Radiobetrieb selbstverwaltet organisiert, saßen - der damaligen linken politischen Szene entsprechend - linksradikale MedienaktivistInnen, MännerSchwule und FrauenLesben, denen es allen irgendwie vor allem um linke Gegenöffentlichkeit ging, zusammen mit Techno-DJs und Rastafaris, denen es vor allem um ihre eigene Musiksendung ging. Dazwischen vergleichsweise bürgerliche MigrantInnen, die selbstorganisierte Radios aus ihrer Heimat kannten. Zusammen die organisatorische und technische Infrastruktur auf- und auszubauen sowie die notwendigen »unhörbaren« Tätigkeiten im Hintergrund zu organisieren, war eine große Herausforderung. Für diejenigen, die Freies Radio nicht nur als Möglichkeit sahen, die eigene Stimme und Lieblingsmusik über den Äther zu schicken, war es oft nicht leicht, ein selbstverwaltetes, emanzipatorisches Medienprojekt zu entwickeln, das nicht nur mit den herrschenden Radio-Hörgewohnheiten brechen sollte.

Die Vielfalt der Sendungen ist heute noch größer geworden, die politische und kulturelle Breite ebenso: Der Tübinger Bürgermeister berichtet von seiner Reise in die peruanische Partnerstadt Tübingens, zweimal pro Saison wird ein Erstligaspiel der Tübinger Profi-Basketballmannschaft »Walter Tigers« live kommentiert übertragen, das Landestheater nutzt die Wüste Welle ebenso wie die Tübinger Wagenburgen oder das Autonome Zentrum. Die Info- und Politikredaktion beteiligt sich seit Jahren am bundesweiten täglichen Nachrichtenmagazin zip-fm, einem halbstündigen internetbasierten Radionachrichtenformat, das beispielhaft für die Möglichkeiten linker Gegenöffentlichkeit steht.

In integrativen Medienprojekten senden Menschen mit Behinderung. Medienkompetenz ist das große Wort, die Wüste Welle wirbt inzwischen sogar damit, »Ausbildungsradio« zu sein: Monatlich finden verschiedenste Workshops statt; nicht nur weil Radio heute auch digitalen Schnitt, Livestream und Podcast bedeutet, geht es dabei inzwischen um breite technische ebenso wie redaktionelle und sprachliche Kompetenzen. Der Einfluss der Frauenbewegung ist noch zu merken: Einzelne Workshops werden nur für Frauen angeboten.

Studio und Büro sind inzwischen innerhalb des Sudhauses umgezogen, die neuen Räume sind größer, der Blick aus dem neuen Studio fällt aber noch immer auf den Wald. Die ideologischen Diskussionen sind Pragmatismus gewichen. Die Aufrechterhaltung der Infrastruktur ruht wesentlich auf bezahlten Stellen.

Von der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg hatten sich die Freien Radios mehr Unterstützung erwartet. Die Mittel, die zur Verfügung stehen, reichen seit Jahren nicht aus und sind im Vergleich zu anderen Bundesländern sogar gering. Die redaktionelle Arbeit läuft unbezahlt und ehrenamtlich, und - auch typisch Freies Radio - für jeden Sendemachenden stellt sich immer mal wieder die Frage: Wer hört mir gerade überhaupt zu?

Und wenn Neonazis durch Tübingen marschieren wollen, wie in einem der vergangenen Spätsommer, oder sich der Bundeskongress Internationalismus in Tübingen trifft, dann wird das normale Programm auch mal völlig über den Haufen geworfen: Es wird mobilisiert, informiert, organisiert und die Wüste Welle verwandelt sich plötzlich (wieder) in ein linkes Bewegungsradio: überraschend für die einen, beruhigend für die anderen.

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