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In den Fängen von Peinigern

Beratungsstelle engagiert sich für Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden

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Bereits seit Juni vergangenen Jahres besucht Evrim Sommer, frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Frauenprojekte, um mehr über deren Arbeit zu erfahren. Lange verabredet war ein Termin neulich bei IN VIA, der Beratungsstelle für Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind.

Dem Abgeordnetenhaus liegt auf Initiative der Linksfraktion ein Entschließungsantrag »Gegen Gewalt an Frauen - Bleiberecht für Opfer von Menschenhandel« vor. »Gewalt gegen Frauen und deren Ausbeutung durch Menschenhandel ist ein Angriff auf weibliche Selbstbestimmung und unter keinen Umständen hinnehmbar«, sagt Evrim Sommer. Sie versichert, Kräfte aus allen Parteien zu mobilisieren, um den Antrag durchzusetzen. Dass sich die Oppositionsfraktionen LINKE, Grüne und Piraten bereits einig sind und sie auch schon die Frauenpolitikerinnen von SPD und CDU auf ihrer Seite habe, stimmt sie optimistisch.

»Wenn eine Frau bei IN VIA Rat sucht, hat sie eine Tortur hinter sich«, erklärt Barbara Eritt von der Beratungsstelle. IN VIA kümmert sich dann um die ersten Schritte in ein neues soziales Leben, vermittelt Unterkunft im Frauenhaus und Zufluchtwohnungen, sorgt für polizeiliches Geleit und Begleitung zum Gericht und vermittelt auf Wunsch Rechtsanwälte.

Zukunftsplanung ist nicht möglich

Zwei betroffene Frauen sind zum Gespräch gekommen: Valentina und Valerie, die eine stammt aus Osteuropa, die andere aus der Dritten Welt. Jung sind sie und voller Wünsche. Doch ihren Augen fehlt der Glanz. Was sie erlebt haben, macht fassungslos. Dass die Stimme bebt, dass sie mitten im Satz abbrechen und weinen, ist nicht überraschend. Ohne Hilfe von IN VIA wäre niemals Normalität für ihr Leben möglich geworden, sagt Valentina. »Hier kann ich herkommen, kann weinen und schreien, und irgendwann kann ich wieder gehen.« Barbara Eritt berichtet von der Einsamkeit der Frauen. »Sie können sich niemanden anvertrauen, unsere Beratungsstelle ist eine der wenigen Stellen, wo die Frauen reden.«

Obwohl sie sich aus den Fängen ihrer Peiniger befreien konnten und den deutschen Ermittlungsbehörden im Kampf gegen Menschenhandel und Organisierte Kriminalität wichtige Aussagen liefern, ist ihre Rechtslage als Opfer sexualisierter Gewalt hochgradig instabil. Nur solange das Verfahren läuft, um Täterinnen und Täter dingfest zu machen, erhalten sie ein davon abhängiges Aufenthaltsrecht. Zukunftsplanung ist nicht möglich, denn ihr Aufenthaltsrecht wird bislang immer nur für kurze Intervalle befristet. Wegen des befristeten Aufenthaltsrechts können die Betroffenen keine Mietverträge abschließen. Ihnen bleibt der Zugang zum Ausbildungsmarkt verschlossen. Sprachkurse werden nicht übernommen, Integration wird so zur hohlen Phrase. Als Gewaltopfer bräuchten sie dringend wirkungsvolle Therapien, doch ihnen steht überhaupt nur eine medizinische Notversorgung zu. »Ich sitze und warte. Das ist kein Leben«, sagt Valerie traurig. Und weiß, dass sie trotz ihres Mutes, gegen Menschenhändler ausgesagt zu haben, ein weiteres Mal Opfer ist.

»Was man diesen Frauen zumutet!«, sagt Anne Dietrich-Tillmann, Geschäftsführerin von IN VIA. Einerseits seien die Polizei und der Staat daran interessiert, Täter und Täterinnen zu finden und gegen sie vorzugehen. »Andererseits unterstützt man die Frauen nicht ausreichend.« Wie soll es da gelingen, den Kreislauf von Gewalt zu durchbrechen? »Wir helfen diesen Frauen mit allen uns verfügbaren Möglichkeiten, aber wichtiger ist, dass diese Problematik viel stärker ins politische Bewusstsein dringt«, so Barbara Eritt von der Beratungsstelle. Die Forderungen, die für alle Betroffenen gleich geregelt werden müssten, sind eindeutig. In Prozessen gegen Täter und Täterinnen müssen Videoaussagen zugelassen werden, um die Opfer zu schützen; unabhängig von ihrer Aussagebereitschaft vor Gericht solle den Opfern sofort eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis gewährt werden; sofortiger Zugang zu qualifizierter medizinischer Betreuung, uneingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildungs- und Integrationsangeboten. Sie brauchen juristischen Beistand, ihre Rechte auf Wiedergutmachung in Deutschland durchsetzen zu können.

Dass sich Valerie und Valentina aus der Gewalt des Menschenhandels befreien konnten und bereit waren auszusagen, ist ihrer Energie und ihrer Wut zu verdanken. »Ich wollte, dass es anderen nicht so wie mir ergeht.« Barbara Eritt bestätigt, dass sich Valentina immer wieder Gedanken mache, was aus den anderen Mädchen geworden sei. Die junge Frau lebt inzwischen länger als sechs Jahre noch immer ohne sicheren Status in Deutschland, ohne Gewissheit, hier bleiben zu können und endlich an Zukunft denken zu können. »Ich bewundere ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen«, sagt Evrim Sommer. »Es sind wertvolle Jahre, die sie in einer Warteschleife verlieren.«

Die Suche nach einem selbstbestimmten Leben

IN VIA heißt »auf dem Wege«. Seinen Ursprung hatte der Verein für katholische Mädchensozialarbeit in jenen Jahren Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als junge weibliche Arbeitskräfte vom Lande in die Städte strömten, um dort Arbeit zu finden und häufig in die Fänge von Männern gerieten, die sich ihrer Arbeitskraft als Prostituierte bedienten. Aus den Helferinnen der Bahnhofsmissionen von damals entwickelte sich eine Bewegung, die sich dem Schutz der Frauen vor Ausbeutung und der Hilfe zu einem selbstbestimmten Leben, verschrieben hat. Als IN VIA vor mehr als 100 Jahren von engagierten Frauen gegründet wurde, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, dass im November 2012 überhaupt kein Anlass besteht, ihre Arbeit für überflüssig zu halten oder zu vernachlässigen.

Im Abgeordnetenhaus stieß die Entschließung der Linkspartei diese Woche auf Zuspruch - sogar bei der CDU. Bei der hatte die Vereinsvorsitzende Gabriele Pollert auch kräftig dafür geworben.


Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen

Der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen geht zurück auf den Tod dreier Schwestern in der Dominikanischen Republik. Die Gegnerinnen der dortigen Diktatur unter Machthaber Rafael Leonidas Trujillo waren 1960 vom Geheimdienst monatelang gefoltert, vergewaltigt und am 25. November ermordet worden. 1999 erklärten die Vereinten Nationen ihren Todestag zum »Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen«. Die Organisation Terre des Femmes setzt seit 2001 mit einer Fahnenaktion unter dem Motto »Frei leben - ohne Gewalt« in Hunderten Orten in Deutschland und Nachbarländern ein Zeichen. Schwerpunktthema 2012 ist die Kampagne »Aufenthaltsrecht für Opfer von Zwangsprostitution, jetzt!« dpa

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