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Düsteres in schwierigen Zeiten

Nordische Filmtage Lübeck: Preisträger wieder Per Fly

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
So schwierig wie die Zeiten, so düster waren die Filme: die neuen Werke skandinavischer, finnischer und baltischer Regisseure, die die Nordischen Filmtage Lübeck in ihrer 47. Ausgabe vier Tage lang zeigten, handelten von Gewissenskonfliken und Identitätsfindung, von Arbeitslosigkeit, Landflucht, Krieg, sozialer Misere und dem Verfall der Ideale, von Inzest, Drogen und Fällen von Familienzusammenführung nach kriegsbedingter Evakuierung, die heftige neue Trennungsschmerzen hervorrufen. Für ein Festival, das mit dem finanziellen Rückzug des Norddeutschen Rundfunks ganze zwei Monate vor Start seinen Hauptsponsor verlor, war es eine emblematische Filmwahl. Ästhetisch gab gleich der Eröffnungsfilm die Tonlage der Veranstaltung vor - und machte am Ende auch das Rennen um den auch weiterhin vom NDR ausgelobten Hauptpreis von 12 500 Euro. »Der Totschlag«, dritter Langfilm des dänischen Überfliegers Per Fly nach den in Lübeck ebenfalls bereits prämierten »Die Bank« und »Das Erbe« (2004 auch hier zu Lande im Kino zu sehen gewesen), ist eine Abrechnung mit den Idealen einer politisch links stehenden intellektuellen Mittelschicht. Als dritter Teil einer Trilogie über die uneingestandene Klassenstruktur der dänischen Gesellschaft - »Die Bank« handelte von einem alkoholabhängigen Sozialhilfeempfänger, »Das Erbe« von der schleichenden Entmenschlichung eines Industriellensohnes, der sich nach dem Tod seines Vaters gezwungen sieht, den Familienbetrieb fortzuführen -, stellt der Film einen Testlauf seiner eigenen politischen Überzeugungen unter erschwerten Bedingungen dar, wie der 45-jährige Regisseur betonte. In Skandinavien wurde er für sein Schaffen mit Preisen überschüttet, in Dänemark aber auch wegen der unverhohlen kritischen Haltung dieses dritten Films gegenüber den diffusen Idealen einer alt gewordenen 68er-Generation kritisiert. Auch Klaus Härö, für »Beste Mutter« mit dem Publikumspreis und dem Preis der baltischen Filmschaffenden ausgezeichnet, war schon 2002 mit seinem Kinderfilm »Elina - Als ob es mich nicht gäbe« auf den Nordischen Filmtagen vertreten, einem Film über die besonderen Lebensbedingungen von Nordschwedens finnischsprachiger Minderheit. In »Beste Mutter« erzählt er wieder eine grenzübergreifende Geschichte von Kindern: die von 70 000 kriegsflüchtig nach Schweden evakuierten Finnen, die mit ihrer Heimschickung nach Kriegsende die einzige Familie verloren, die zumindest die jüngeren von ihnen je gekannt hatten - ein lange totgeschwiegenes Drama, das 2004 mit Erja Dammerts Dokumentarfilm »Kriegskinder« zuerst auf den Filmtagen abgehandelt wurde und in diesem Jahr in noch einer weiteren finnischen Dokumentation Erwähnung fand. Unter den diesjährigen Dokumentarfilmen, einem traditionellen Highlight skandinavischer Filmproduktion und damit des Programms der Nordischen Filmtage, waren neben viel Film- und Musikhistorischem auch zwei artverwandte Einstünder über den wirtschaftlichen Niedergang einer ganzen Region zu sehen. Im litauischen »Collective Dreams« ist es die Arbeiterschaft eines ehemaligen Kolchos in der Nähe von Vilnius, die in rückwirkender Verklärung von den guten alten Zeiten berichtet, als man noch an die Zukunft glaubte, als tagsüber hart gearbeitet und abends ebenso ausdauernd gefeiert wurde, als dem kolchoseigenen Orchester noch nicht die jüngeren Mitglieder wegliefen und die älteren Einwohner zwar tranken, aber nicht ihre ganzen Tage im Suff verbrachten. Kurz vor Beginn von Litauens EU-Beitritt gedreht, hatte der Film nicht viel Gutes über die Auswirkungen von EU-Geldern und -Fördermitteln zu berichten. Wenn einer davon profitiere, so der österreichische Regisseur Sepp R. Brudermann, der während seines Wehrersatzdienstes am Jüdischen Museum von Vilnius auf die Gemeinde aufmerksam wurde, dann höchstens der örtliche Wendegewinnler, der mit Straußenfarm, hochfahrenden Plänen von Agro-Tourismus und eigenem Computer der Einzige im Dorf sei, der überhaupt Zugang zu EU-Regularien und -Antragsformularen erhalte. Dass die EU-Mitgliedschaft nicht nur Möglichkeiten und Mittel, sondern auch viel Bürokratie und europaweite Konkurrenzsituationen hervorbringt, davon handelte auch der finnische Dokumentarfilm »Der Stern von Kainuu«: hier steht gleich das wirtschaftliche Überleben des ganzen dünn besiedelten Nordfinnland auf dem Spiel, als eine an Stelle eines stillgelegten Bergwerks aus dem Boden gestampfte Eisenbahnwaggon-Manufaktur, die letzte Finnlands, vor der Schließung durch ihre neuen spanischen Eigner steht. Wie Regisseur Erkko Lyytinen die Entsendung immer neuer Delegationen von Gemeindeverwaltung und Firmenleitung zu allen Ministerien Finnlands begleitet, die Überreichung eines immer gleich symbolträchtigen Gastgeschenks in Form lokal produzierter Saunatücher dokumentiert und am Ende doch nur von einem instabilen, kurzzeitigen Sieg der Beleg...

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