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Auf Strafe warten, die kommt

Pariser Brände, die »Fraktionen des Asozialen« und ein Abschiedsbrief

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 8.0 Min.
Es ist gefährlich, den Hass abschaffen zu wollen. So der Theaterregisseur Frank Castorf im Jahre 1996 in einem ND-Interview. Hass sei der Antikörper, an dem eine politische Ordnung ihre Gesundungskräfte trainiere. »Die Gesellschaft aber, in der wir leben, will eine ewige künstliche Immunitätssituation. Sie predigt Freiheit, stößt sich jedoch an dem, was den Konsens aufkündigt. So wie die DDR Angst vor Andersdenkenden hatte, die den Sozialismus angriffen, so hat der Westen Angst vor Andersartigen, die das Bürgerliche angreifen.« Derzeit brennen Vorstädte von Paris, und die Diskussion vor diesen Flammenwänden erneuert eine Sehnsucht, die solche Notstände stets begleitet: Man möge trennen können zwischen berechtigtem sozialem Protest und jener zügellosen Gewalt, die derartige Situationen verschärft und ins hoch Fiebrige treibt. Aber im Leben gilt der Grüne Punkt nicht. Die Dinge sind nicht zu trennen. Deshalb zum Beispiel ist das Klagen von betroffenen Bürgern, alle ausufernde Randale treffe doch lediglich Unschuldige, zwar ein verständlicher Schrei; und jedes Flehen um Mäßigung, das bei den Unruhestörern Gehör findet und damit möglicherweise Leben schont, hat hohen Sinn. Allein: Es gibt keine Unschuld mehr. Die Vernetzung der Welt zu behaupten, hat Konsequenzen. Nicht nur im Wohlgefallen darüber. Jedes Konsum-, jedes Wahl-, jedes individuelle Verhalten muss sich heute eingebunden wissen in den Grundstrom gnadenloser globaler Geschehnisse. Wer Arbeitsplätze in Deutschland fordert, beschädigt die Dritte Welt. Solidarität mit Arbeitslosen hier schafft Arbeitslose dort. Auch jede Naturkatastrophe trifft und schädigt ja lauter Unschuldige, deren Leben doch aber in irgendeiner Weise verknüpft war mit dem, was im Ursachenpaket für die Schrecknisse dieser modernen Welt geschnürt ist. Outsourcing, dieses nahezu wichtigste Prinzip des modernen Kapitalismus - es verteilt mit den Produktionskapazitäten auch sämtliche Probleme und Konflikte dieses modernen Kapitalismus auf die Welt, wie Viren, die dann irgendwo als scheinbar lokaler Krankheitsherd ihr Werk tun. Immigration und Emigration, Weltoffenheit und Fundamentalismus, Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, Balance zwischen Leistung und Wohlfahrt - die Politik steht machtlos davor, und die Vergeblichkeit, bei Ausschreitungen und Verzweiflungsausbrüchen bestimmter Gruppen darum zu bitten, Unschuldige vor Schaden zu bewahren, diese Vergeblichkeit offenbart sich im Versuch des Umkehrschlusses: Welche Schuldigen könnte man denn treffen, zur Rechenschaft ziehen, dingfest machen? Kapitalmächte sind so wenig einzuschüchtern wie Politiker, die es sich sogar noch leisten, trotz entgleister Verhältnisse, für die sie Verantwortung tragen, wie Stars durch die diversen Fernsehprogramme zu hüpfen. So bleibt Aufgewühlten, Verkümmerten, in Grobheit Aufgewachsenen nur, die eigene kleine Welt in Brand zu setzen. Das Sichtbare zu beschädigen. Und sie damit alle zu verletzen: die wohlanständigen Wegseher, die redlichen Ich-Interessler, die doch selber so Geringen, die Ohnmachtsbürger, die Gerade-mal-so-Durchkommer. Immer schlägt der Arme den Armen, immer prügelt der Schwache den Schwachen. Das ist die Tragödie, mit der die besseren Kreise ihren Ekel nach unten kultivieren. Die Jugendlichen der Banlieues indes tun in einer Mischung aus Wut und Geilheit - aufgeputscht und hochgekifft, bis das Hoolo-Gen durchschlägt - das Einzige, was ihnen blieb, um Lust zu haben: Dem Hass, der ihnen täglich entgegenkommt, sei es als aufgezwungene Perspektivlosigkeit, als Desinteresse an ihrer sozialen Fähigkeit, diesem Hass kommen sie zuvor - indem sie Gründe schaffen, gehasst zu werden. Das letzte mögliche Selbstwertgefühl. Die abschließende Form von Überlegenheit mitten im Dreck der Verhältnisse. Und so wird dem Staat die Lüge gestattet, er schütze mit Polizeikraft die Bürgergesellschaft. Der Staat stürzt sich beflissen in diese Lüge hinein, und er wird in seinem Feuerwehr-eifer nur noch kenntlicher in seiner Unfähigkeit, die sozialen Probleme wirklich in den Griff zu bekommen. Jugendliche, die Vorstädte anzünden, Chaostage veranstalten, Innenstädte mit ihrer Asozialität bevölkern - sie werden, wie es Frankreichs Innenminister Sarkozy jetzt tat, Gesindel genannt, ihre Biografie ist auf Randale reduziert, sie sollen ein Fall für Armee und andere Ordnungskräfte sein. Westeuropaweit. Überhaupt ist beim Blick auf die unteren Etagen des Lebens gern und bündig, und im Auftrag der Gemeinschaft, von »Ordnung schaffen« die Rede. Als seien, obwohl es noch immer um Menschen geht, zuvörderst Müllabfuhr und andere Reinigungsdienste gefragt. So entwickelt sich im öffentlichen Bild das Muster einer Kriminalität, aus der ein lädierter, zerfaserter Bürgersinn seinen letzten Funken Ethos schlägt. Aber, wenn man denn nur mal in Deutschland bleibt: Sind Ackermann, Esser, Gerster, Hartz, Landowsky, um nur einige aus den höchsten Etagen der Sozietät-Fassade zu nennen, auf ihre Weise nicht ebenfalls Gesindel, sind das nicht gleichfalls heftigste Randalierer, nämlich im Wertehaushalt einer sozial strapazierten Gesellschaft? Es gibt eine Asozialität der Wohlstandssicherheit, eine Verwahrlosung an ständischer Herrschaftsgewissheit, bei der nicht minder Ordnung zu schaffen wäre. Die Ausschreitungen der gesellschaftlich Niederen stehen also sehr wohl im Zusammenhang mit einer Enthemmung anderswo. Die Kriminalitäten und bügerrechtsverletzenden Maßlosigkeiten oben und unten sind durch ein vielfältiges wie unsichtbares Fadenwerk miteinander verbunden. Die Revolten der Achtundsechziger waren, nach den emotionalen Überstürzen ihres Beginns, mehr und mehr von einem politischen Bewusstsein beauftragt. »Macht kaputt, was euch kaputt macht«. Ton Steine Scherben. Der Ton und die Steine - erhoben, um das System in Scherben zu sehen, nicht nur Schaufenster. Das war noch Rebellion gegen die Struktur. Man zerstörte Autos, ja, aber zugleich wollte man doch Politik zerstören. Diese Illusion von revolutionierter Zukunft war es, der plötzlich die Armmuskeln schwollen für den gezielten Steinwurf. Vorbei. Unterm Pflasterstein liegt nicht mehr das Meer, nur Sartres Grab. Längst werden nur noch Autos zerstört. Dahinter ist nichts mehr. Es findet gleichsam ein Klassenkampf ohne Bewusstsein statt. Der Zerstörungsakt selber ist das einzige, was man in eine Zukunft verlängert, die keine Änderung der Zustände schaffen wird, sondern nur eine neue, bessere Generation von Autos - für die fortgesetzte Arbeit der Molotow-Cocktails. Denn die Gesellschaft zuckt doch überhaupt nur noch auf, wenn Autos und Läden brennen. Noch einmal Frank Castorf: »Nach dem Ende der 60er-Jahre-Idylle sagten im Westen Linke und Liberale ihren Eltern ins Gesicht, sie seien Teil einer Mördergesellschaft gewesen. Und jetzt? Jetzt spuckt der Computer aus: Ich bin ein toleranter Mensch, ich stelle Kerzen ins Fenster, und meine Stimme ist ganz weich. Den alltäglichen Faschismus sieht keiner mehr. Eine Völkerwanderung gen Westen steht bevor, und wir feiern unseren Waldorf-Kindergarten.« Verdunstet ist die Geschichte, für die Großintellektuelle von Marx bis Marcuse den Masterplan zeichneten. Vorbei das verzauberte Denken für die eine Revolution, in der die Gattung, wie neugeboren, staunend vor sich selber stehen würde. Es wird das Problem einer Müsli essenden, parlamentarisch integrierten Linken sein, wie sie aktive Solidarität mit aggressiven Entwurzelten und demokratische Disziplin verbinden kann. Sie wird es nicht können. Das schönste, aber zugleich traurigste Resultat gebändigter, belehrter Revolutionäre ist der domestizierte Zorn. Zwischen den traditionellen Lichterketten der Besonnenen und den spontanen Feuerbränden der Besinnungslosen werden die Lösungswege wahrscheinlich tief im Dunkel bleiben. Castorf: »Bei der pathologischen Angst vor allem, was nicht direkt dem Sicherheits- und Effektivitätsdenken unterworfen werden kann, führt jede Lösung eines Problems nur zur Wiederkehr des Problems, in noch radikalerem Ausmaß ... Man weiß nicht, welche Fraktionen des Asozialen sich irgendwann doch noch einmal zusammenschließen.« Es kommt kein Erlöser mehr auf die Welt, an die Macht; was kam, war der Terrorist, eine kriminelle Fehlgeburt, welche die letzten Hoffnungen von Aufstand und gerechtem Krieg permanent an die Gegner wahrer Veränderung verrät. Die Logik der Geschichtsbauer ist abgelöst worden von der Logistik der Bombenbauer. Diese Tatsache macht es allen leicht, die auf keinen Fall vom Gedanken geplagt werden wollen, dass auch Hochkulturen noch Revolutionen brauchen könnten, generelle Umwälzungen, totale Veränderungen, luftraubende Beben. Die Feuer von Paris haben mit solchen Revolutionen nicht zu tun. Mit dem Gedanken daran schon. Der Flächenbrand als Projektionsflächenfeuerchen. Es gibt nämlich - und auch das assoziiert Paris - eine Ungeduld mit der Welt, die sich immer wieder irgend einen Ausdruck sucht, und die in immer stärkeren Gegensatz gerät zur Frechheit des offiziellen politischen Optimismus. Philosoph Peter Sloterdijk fordert Politiker auf, sich wirklich des Halbsatzes bewusst zu werden, den sie gern benutzen: »... so wahr mir Gott helfe!« Wer die Geschichte von Jesus Christus studiert, »denkt doch unwillkürlich, wie eilig es der Mann hatte, sich in den Himmel abzusetzen«. Die wahre Christen-Lehre: Immer arbeiten wir auf ein Ende zu, wir sind apokalyptisch programmiert, das müsste uns naturgegeben bescheiden machen - nur Politiker schließen sich davon fortwährend aus. Diese Schicksal-Bestimmer, allesamt heimgesucht von einem Dämon der Überforderung. Die Brandfackler der Pariser Vorstädte sind End-Spieler, EndStationäre - und somit Vorboten einer Wahrheit, die wohl bald nicht mehr aufzuhalten ist. »Die Eliten und die anderen stehen einander gegenüber«, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und sieht auch die Lage in Deutschland als »möglicherweise ernster, als es scheint«; das intelligente Blatt blickt auf andere Staaten (etwa Kanada und Schweden): »Es sind Länder, in denen Regierung und Verwaltung dialogischer arbeiten, zur Gesellschaft hin durchlässiger operieren, mit einem großen Respekt noch für die randständigsten Einwohner, und, umgekehrt, mit einem großen ausgesprochenen Selbstbewusstsein der staatlichen Institutionen«. Paris brennt, und ich denke an einen Brief: »Wir haben uns eine heile Welt gebildet. Vor allem aber: eingebildet. Wir haben Gegensätze geleugnet. Wir haben versagt. Schlimm, wenn man, wie ich, entdecken muss, dass man mit der Lüge nicht leben kann. Weiterleben wäre nur noch: auf die verdiente Strafe warten, die kommt.« Das klingt wie Heiner Müllers Prophezeiung, eines Tages würde die Geschichte in unseren Schlafzimmern stehen, nachts, mit einem Messer zwischen den Zähnen. Der Brief ist eines der letzten Notate eines Mannes, der sich Verzweiflung im Amt eingestand. Bis hin zur bittersten Konsequenz: Freitod. Als Kommentar zur Lage der politischen Klasse. Der Brief wurde geschrieben vom französischen Premier Pierre Bérégovois, der sich 1993 das Leben nahm. Am 1. Mai. Ein Kampf- und Feiertag. Weniger ein Kampftag, aber inzwischen, auch in Deutschland, s...

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