Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Das Cello ist mein richtiger Freund«

Die Saarländerin Katharina Reichelt kam mit Trisomie 21 auf die Welt - heute gibt sie Konzerte auch auf größeren Bühnen

  • Von Birgit Reichert, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Katharina Reichelt hat schon als Kind gewusst, dass sie Cellistin werden möchte. Und die junge Frau mit Down-Syndrom hat es geschafft: Heute gibt sie Konzerte vor Publikum - und spielt ihr Cello auch bei der Arbeit in einem Krankenhaus.

Riegelsberg/Trier. Die eine Hand bewegt sich flink über die Saiten ihres Cellos, die andere schwingt kraftvoll den Bogen. Sie spielt Bach, Vivaldi oder Tango - mit einer Freude und Inbrunst, die die Zuhörer sofort in den Bann zieht. Ganz klar, die kleine Frau, die mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) auf die Welt kam, hat ein großes Talent: Katharina Reichelt gibt Konzerte, mal vor 200, mal vor 1000 Leuten. »Das Cello ist mein richtiger Freund«, sagt die 22-Jährige aus dem saarländischen Riegelsberg. Die Musik sei ihr Leben. »Wenn ich mit meiner Musik nur ein Herz erreiche, hat sich alle Mühe schon gelohnt.«

Gruß an die Babys

Schon als Kind hat Katharina Reichelt gewusst, dass sie Cello spielen möchte. »Ich habe einmal Freunde spielen sehen. Da wusste ich, ich will das auch«, sagt die 1,40 Meter große junge Dame. Mit zehn Jahren hat sie Unterricht bekommen - und seitdem hat das Instrument sie nicht mehr losgelassen. »Sie spielt eigentlich immer und in jedem Gemütszustand. Wenn es ihr gut geht, aber auch wenn es ihr schlecht geht«, sagt ihre Mutter Margot Reichelt. Manchmal schon morgens vor dem Frühstück. »Sie spielt, weil es ihr Freude macht.« Katharina hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. In einem Krankenhaus in Neunkirchen, der Marienhausklinik St. Josef Kohlhof, ist sie als Assistentin der Musiktherapie im Einsatz. Natürlich mit Cello. »Ich spiele zum Beispiel für alte Menschen am Bett«, sagt sie stolz. »Sie wünschen sich Lieder wie ›Marmor, Stein und Eisen bricht‹.« Ihre Stücke erklingen auch auf der Neugeborenenstation: »Als Willkommensgruß für die Babys«, sagt sie. Oder auf der Geburtshilfestation. Die Stelle wurde eigens für sie geschaffen, so etwas gab es vorher nicht, sagt ihre Mutter.

Menschen mit Down-Syndrom hätten oft ganz besondere Fähigkeiten, sagt die Geschäftsführerin des Arbeitskreises Down-Syndrom, Rita Lawrenz, in Bielefeld. Dazu gehörten beispielsweise das Malen oder Musizieren. Erstaunlich sei, dass Menschen mit Down-Syndrom kein Lampenfieber vor Auftritten hätten. »Sie leben im Hier und Jetzt.« Man gehe davon aus, dass in Deutschland rund 50 000 Menschen mit Down-Syndrom leben. Menschen mit Trisomie 21 haben in jeder ihrer Zellen ein Chromosom mehr als andere Menschen, nämlich 47 statt 46 Chromosomen. Das Chromosom 21 ist dreifach vorhanden.

Ihre ersten Konzerte hat Katharina schon mit elf Jahren gegeben. Auf größeren Bühnen steht sie seit etwa zwei Jahren, gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner, dem Pianisten Holger Queck aus Sinzig (Kreis Ahrweiler). »Wir waren als Duo schon in Berlin, Köln und Frankfurt«, sagt er. Was das Besondere an Reichelt sei? »Sie schafft es, die Zuschauer zu erreichen und emotional zu bewegen.« In Trier gaben sie gerade ihr zwölftes Konzert.

Bei einem Festakt zum 50-jährigen Bestehen des Vereins Lebenshilfe Trier belegte Reichelt zudem den 1. Platz des Zukunftspreises 2012 - für ihren »beeindruckenden Weg der Inklusion zum Traumberuf Musikerin«.

Kritische Stimmen

Einfach war der Weg aber nicht, sagt die Mutter. Immer wieder habe es Hindernisse und kritische Stimmen gegeben. »Aber Katharinas Wille war so stark, sie hat sich immer wieder durchgesetzt.« Für ihre Tochter sei das Cello »ein Schlüssel, um in die normale Welt einzutreten«, sagt die Heilpädagogin. »Mit ihrer Musik erreicht sie die Welt der Normalen und spielt sich direkt in ihre Herzen.«

Sie sei auch ein kleiner Botschafter, der deutlich mache: »Es gibt viele Menschen mit Behinderungen, die der Achtsamkeit und Wertschätzung bedürfen.« Und die auch ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Ob Katharina Reichelt noch weitere Träume hat? Ja, sie habe gerade eine sechsköpfige Band gegründet, mit der sie »richtig viel Musik« machen wollen. Und: »Vielleicht werde ich eines Tages auch Schauspielerin«, lacht sie.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln