Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Brandstifter wider Wahrheit und Anstand

Heute beginnt der Prozess gegen den Holocaust-Leugner Ernst Zündel / Nach der Abschiebung aus Kanada haben Mannheimer Richter ein höchst widerliches Problem

»Meine liebste Ingrid, heute ist ein wundervoller Tag in Mannheim«, schreibt ein Untersuchungshäftling aus dem Knast der Stadt am Rhein. Um dann von einem jungen Mitgefangenen namens Fred N. zu berichten. »Rate, warum der hier ist?«, fragt der Absender seine den Brief empfangende Frau rhetorisch: »Er hat ein paar Autos beschädigt, Spiegel abgerissen ..., er war ärgerlich, denn seine 17-jährige Freundin hat ihn beschimpft.« Wer nun glaubt, der Absender in der JVA Mannheim, Herzogenrieder Str. 111, sei ein ähnlich unkontrolliert handelnder, aber letztlich harmloser Mensch, liegt meilenweit entfernt von der Anklage. Dem 66-Jährigen Ernst Christof Friedrich Zündel wird vorgeworfen, in massenweise verbreiteten Publikationen den Völkermord an den Juden systematisch geleugnet oder verharmlost zu haben. Schon als 19-Jähriger ging Zündel, geboren im baden-württemberischen Calmbach, nach Kanada, um der Einberufung zum Wehrdienst zu entgehen. Rasch hatte er Kontakt zu Anhängern des kanadischen Faschisten Adrien Arcand. Er tat sich hervor, kam mit Leuten zusammen, die gerade dabei waren, die historischen Wahrheiten über deutschen Rassenwahn, deutschen Massenmord und den von Nazi-Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieg auf den Kopf zu stellen. In den 70er Jahren begegnete Zündel verschiedenen Holocaustleugnern, übersetzte Thies Christophersens Broschüre »Die Auschwitzlüge« ins Englische und vertrieb sie. 1976 gründete der Neonazi seinen eigenen Verlag in Toronto. Aus verschiedensten Quellen sprudelte Geld in den »Laden«, der jede Menge holocaustleugnende Schriften »ausspuckte«. Auch ein so genannter »Germania-Rundbrief« wurde herausgegeben. Später verkaufte man auch Videos, die voller Hass und Lügen waren, Zündel kaufte Sendezeit in einem US-amerikanischen Kurzwellen-Sender und verschickte seine antisemitischen sowie antidemokratischen Ansichten in alle Welt. Weil in Kanada die Leugnung der Verfolgung sowie des Massenmordes an Juden und anderen Hilflosen strafbar ist, wurde die entsprechende Internetseite in den USA bestückt. Von Zündels Frau Ingrid, die jetzt so rührende Knastbriefe bekommt. Mehrmals versuchte die kanadische Justiz, den Hetzer zu verurteilen. Stets sprangen ihm prominente Gesinnungsgenossen bei. In Toronto 1988 traten unter anderem David Irving und Fred A. Leuchter - zwei weitere Exponenten der Geschichtsrevisionisten - als Entlastungszeugen auf. Anfang 2003 wurde Zündel in den USA aufgrund von »Aufenthaltsunklarheiten« verhaftet, nach Kanada abgeschoben, obwohl seine Aufenthaltsberechtigung dort abgelaufen war. Er versuchte, Flüchtlingsstatus in Kanada zu erhalten. Auslieferung in die Heimat drohte, denn bei der Staatsanwaltschaft Mannheim lag seit 2003 ein Haftbefehl wegen Verdachts auf Volksverhetzung. Am 24. Februar 2005 bestätigte die kanadische Justiz die Auslieferung Zündels nach Deutschland, man ordnete - nachdem der internationale Protest gegen dessen Treiben immer stärker geworden war - die Abschiebung Zündels an. Er stellte plötzlich eine Gefahr für die Sicherheit Kanadas dar. Bei der Ankunft in Frankfurt (Main) wurde Zündel festgenommen. Doch nicht nur mit Zündel hat sich die Staatsanwaltschaft in Mannheim auseinander zu setzen. Auch dessen Verteidigung - offiziell wird Zündel von der relativ unbekannten Rechtsanwältin Sylvia Stolz vertreten - muss sich nun gefallen lassen, dass man ihre Argumente auf Volksverhetzung prüft. Der Ausgang der Prüfung ist ungewiss, obwohl in der Verteidigungsschrift inhaltlich kaum etwas anderes steht als das, wofür Zündel angeklagt ist. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft weist jedoch darauf hin, dass das Pamphlet eigentlich nicht Öffentlich und der Inhalt somit nicht justiziabel ist. Doch die »Tagesschau« berichtete, dass der Rechtsextremist Horst Mahler die Schrift am 21. Oktober an verschiedene Adressaten verschickt hat. Auf seiner Homepage machte Mahler das Papier öffentlich. Daraufhin wurde Stolz Verteidigungsschrift im Internet auf weiteren Neonazi-Seiten und bei einem niedersächsischen NPD-Kreisverband veröffentlicht. Die Verteidigung fordert eine Einstellung des Verfahrens, denn eine Verurteilung wegen Volksverhetzung nach § 130 des Strafgesetzbuches sei nicht möglich, da dies keine Rechtsnorm, sondern eine »Anordnung einer dem Deutschen Reich feindlichen Fremdmacht« darstelle. Und weiter: Die durch den § 130 StGB »geschützte Propagandalüge« sei eines der »größten Kriegsverbrechen der Menschheitsgeschichte«. Fachleute meinen, dass vieles in der Schrift die Handschrift von Mahler trägt. So stellt sich die Frage, ob Nazi-Anwalt Mahler das gegen ihn verhängte Berufsverbot ignoriert. Der heute beginnende Prozess wird allerlei Schmutz aufwirbeln, Schmutz, der nicht nur von Zündel ausgeht.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln