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Mäuse im Cello

»Dark was the Night« in der Nalepastraße

Der Wintereinbruch stürzt das ehemalige DDR-Rundfunkgelände in eisige Stille. Nach dem knirschenden Gang über das weitläufige, monumental bebaute Areal an der Nalepastraße lockt am Ende jedoch der gemütliche, holzvertäfelte Sendesaal. Dort darf man sogar die Schuhe ausziehen und sich auf eine Liege betten. Langsam geht das Licht aus; und die Musiker des Solistenensembles Kaleidoskop sowie der Geräuschemacher Max Bauer entführen in die Dunkelheit.

»Dark was the Night«, das neue Stück der in Berlin lebenden Regisseurin Sabrina Hölzer, spielt im lichtlosen Raum. Von den Musikern erfordert das außergewöhnliche Anstrengungen: Sie müssen ohne Dirigenten und ohne Blickkontakte auskommen; die Verständigung erfolgt durch Atemgeräusche. Als sei das nicht genug, wird den Musikern sogar abgefordert, zwischen den Liegen der Zuhörer umherzuwandeln. Damit sie nicht stolpern oder gegen die Wand laufen, ist der Boden mit Leitlinien präpariert, die mit den Füßen erspürt werden können.

Dass die Streicher des Ensembles Kaleidoskop dennoch so lebendig und präzise musizieren, ist eine wahre Meisterleistung. Die Premiere am Freitag begann mit Paul Hindemiths »Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt«; die Musiker schmierten das skurrile Stück herrlich versoffen dahin.

Dann rieseln in Ravels Streichquartett die Töne wie Sternschnuppen aus allen Richtungen nieder; bei Prokofjews Suite »Romeo und Julia« fühlt man sich wie in einer Badewanne aus Klang. Wenn ein Cello neben der eigenen Liege brummt, gerät der ganze Körper ins Schwingen.

Man erfährt hier leibhaftig, wie stark der Höreindruck sonst visuell geprägt ist. Fällt das Sehen weg, wird der Sinn für die räumliche Dimension des Klangs geschärft; eine Fähigkeit, die in unserer Kultur der Tonkonserven vom Aussterben bedroht ist.

Bei zeitgenössischen Stücken rätselt man zudem über die Herkunft der Klänge. Woher rührt bei Helmut Lachenmanns »Pression« für Cello all das Quietschen, Prasseln oder Schnarren? Es klingt, als hätte sich eine Schar Mäuse des Instruments bemächtigt. Und wodurch wird jenes Geräusch verursacht, das anmutet, als würden nasse Wäscheballen zu Boden klatschen? Max Bauers Geräusch-Intermezzi wiederum entführen in die Natur. Mal errichtet der Klangzauberer glucksende Wasserlandschaften, dann wieder erscheint eine singende Vogelschar.

»Dark was the Night« ist der dritte und letzte Teil von Sabrina Hölzers Serie im lichtlosen Raum. Die Regisseurin ist inzwischen souveräner und zugleich heiterer im Umgang mit der Dunkelheit geworden. Dieser Abend wirkt nun besonders kurzweilig und stringent. Am Ende der 80-minütigen Liegekur steht ein ergreifender Durchbruch ins Licht. Erst wird der tröstliche Choral »Ich liege und schlafe ganz mit Frieden« gesungen; dann erhellen Lichtblitze den Saal bei José Maria Sánchez-Verdús hier uraufgeführtem Streicherkonzert »Vorgefühl der Ankunft eines Engels«. Schließlich schrammeln die Musiker feurige ungarische Tänze, während zwei Diskokugeln einen Schneeflockenwirbel aus Licht zaubern.

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