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Ein Sarg als Arche

Centraltheater Leipzig: Sebastian Hartmann inszenierte »Krieg und Frieden«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Wenn der Mensch den Tod nicht mehr fürchtet, dann greift er nach der Welt, er wird maßlos. Ein Leben, dem keine Grenze aufgezeigt ist, steigert sich zur Gier. Gier tötet. Gier nach der unbedingten Wahrheit, Gier nach dem Rechthabenwollen, Gier nach Liebe. Krieg und Frieden? Nein, nur Krieg. Immer und immerfort. Wer zur Welt kommt, kommt mit dem Verdacht zur Welt, er komme von nun an zu kurz. Das ist die Geburt der Schlachten. Der Schlachten auf großen Feldern und während einer Umarmung.

Sebastian Hartmann inszenierte am Centraltheater Leipzig eine eigene Fassung von Lew Tolstois »Krieg und Frieden«; mit vierzehn großartigen Schauspielern wuchtet er fünf Stunden Streit um Liebe und Hass, Leben und Tod, Glaube und Wissen, Gott und Freidenkerei auf die Bühne. Präzis und ausufernd, albverträumt und albern, laut vehement und leise wehend. Die Welt aufgerissen wie eine Wunde und zugleich undurchdringlich - hinter einem fortwährenden Wolkenziehen, das einzig daran denken lässt: Nebel, das Wort rückwärts gelesen, heißt wohl nicht zufällig: Leben.

Krieg als Pflicht. Blutstürze als grauenhafter Kitzel. Die Toten im Schnee als Galerie für gelangweilte Augen. Jedes Miteinander: eine Überforderung, alle Güte: ein Missverständnis, jeder Kuss: eine Lüge, einzig jeder Hieb in eine Seele: ein ehrliches Handeln. Böse. Der Mensch, emsig auf Suche nach jener Alltäglichkeit, also Nichtigkeit, die sein Dasein beruhigen würde - er endet stets in vermeintlichen Wichtigkeiten, die alle Balance ruinieren. Kampf! Jedes Gewissen ist ein Gewissen des Diebstahls, das Anderen den Bodenhalt raubt, nur um das Gelände der eigenen Moral zum Herrschaftsfeld zu erweitern. Feldzug!

Hartmann inszenierte ein elegisches, heulendes, bebendes, clowneskes Szenen-Mosaik des menschlichen Zappelns in lauter selbstgeschaffenen Ordnungen, die das Chaos doch nur vergrößern.

Das schier unerfassbare Personal von Tolstois antinapoleonischem Epos, die Tiefe und Verzweigtheit dieses genial sich ausbreitenden literarischen Kontinents hat die Regie radikal benutzt, er hat es in einen Steinbruch verwandelt, hat es wahrlich zer-fetzt; vielleicht muss man das eben verwendete Wort Kontinent durch den Begriff Planet ersetzen, diesen festen, gefügten Planeten Tolstoi gibt es hier nicht mehr - zahllose Erzählpartikel, Stimmungssternschnuppen, Fragebrocken rauschen durch den Abend. Ist von Freiheit die Rede, scheint ein Mund wie unter der Folter zu schreien. Geht das Wort vom Fleisch, spricht da kein Mensch, es klingt nach einem Raubtiermaul, das reißt. Und wo es ums »Ich« geht, formt ein Menschenkörperhäuflein kauernd dieses Wort. Tote? Sich vor Kälte aneinander Schmiegende?

Jeder spielt verschiedene Rollen. Nur keine Sorgfalt darauf verwenden, wer gerade Pierre Besuchow ist, wer Andrei Bolkonski, wer Natascha, wer sonstwer! Hier werden Themen durchspielt, Bewusstseinsfragmente getürmt. Erkenntnisse zerbrüllen sich gegenseitig, zerrissene Herzen wimmern. Frank Castorf trifft gleichsam Neo Rauch. Das Bühnenbild, das Regisseur Hartmann gemeinsam mit Tilo Baumgärtel schuf: eine bühnenbreite Platte, nach allen Seiten hydraulisch drehbar, wird zur Schräge, auf der Menschen abrutschen, hochklimmen wie »blinde Zeiger gen Mitternacht« (Georg Trakl). Es ist die weite Ebene, darauf der klagende Mensch sich verliert; ist Kriegsboden, aus dem Detonationen platzen; manchmal wie ein Floß im Universum, im Strom der Zeit; unter der Maschinerie öffnet sich Raum für Sinn-Gespräche, die wohl erst des Dunkels bedürfen, um wahrhaftig zu werden. Als Bühnenhimmel eine weitere Schräge aus zahllosen Lämpchen, darauf: Videos galoppierender Soldaten, schießender Wehrmacht, verbrennender russischer Dörfer.

Hartmann entwirft faszinierende Schatten-, Farb- und Denkbilder. Die Ruhmessucht, für deren Erfüllung der Mensch sogar zum Töten bereit wäre, begegnet dem Begehren, das sich nicht entscheiden kann; die Furcht vor Gott trifft auf das arrogante Elend jener Furchtlosigkeit, die bloß immer zuschlägt und Gott als Schutzglauben erst nötig macht. Pulver und Palaver, Disput und Harlekinade, Kutusow und Kasperei. Schnitt-Techniken, die Raum und Zeiten, Körper und Atmosphäre verfugen oder kontern, als wolle das Theater auch noch Film sein, und es ist auf diese Weise nur noch imposanter, betörender: Theater. Und vor der Bühne Live-Musik aus Elektroklängen, Violine, Cello (Sascha Ring/Apparat), die jeden melancholischen Schmerzenssong übergehen lässt in unerbittliches Dröhnwerk. Als sollten sämtliche Herzrhythmen im Zuschauerraum ins Flattern versetzt werden.

Frauen sind Männer, die Jungen alt, und die Toten auferstehen. Lisa, eine der Hauptgestalten, stirbt bei der Geburt - ein Theatervollschrei; ihr Baby, weit hinten im Schatten, setzt sich einen Hut auf und ist - Napoleon. Groß, wie die kleinwüchsige Jana Zöll, erkrankt an der Glasknochenkrankheit, später generalszerknirscht über die Bühne robbt, und groß auch, wie sie ihre Textpassagen spielspricht. Und zur erschütterndsten, zur grenzüberschreitendsten Szene steigert sich, als ein nackter Schauspieler Wolfsgeheul anstimmt, eine Kreaturenpreisung, und nun entkleidet er auch - sorgsam, als könne er sie zerbrechen - die kleine Zöll, nimmt sie auf den Arm, trägt sie wie Christophorus den Heiland, hockt mit ihr, umschlungen, lange auf der Schräge - ein gewagtes, in seiner Blöße atemlos machendes Bild. Und plötzlich sind wir im Märchenwunderland der armen, aber weisen, witzflinken Tiere - und der, der eben noch den strengen Fürsten spielte, ist jetzt ein plauderflinkes dreiohriges Kaninchen. Sage einer, er kenne die Welt und wisse, was gespielt wird ...

Hartmann ist, wo man Poesie erwartet, gemein; aber wo alles rettungslos verworfen, abgründig, ausweglos wird, da heiligt er Menschen. Zwei Frauen bewerten einen Heiratskandidaten, die Konversation ist ein schnippisch-spitzer Krieg zwischen Erotik und Erziehung, zwischen provokativer Lust und schwitzender Beherrschtheit. Frauen tragen Schnurrbärte, und was sich in dieser Inszenierung zunächst nur schubweise zwischen das Assoziationspanorama schiebt, die Juxerei also, die Gaukelgrobheit der Castorfschen Volksbühnenhölle - das wird am Ende zum frei flottierenden Diskurs mit Publikum; Kalauerzeit; Theater versucht quasi, Tragödie mit »Verstehen Sie Spaß?« zu koppeln. Und eine Kernbehauptung lautet: Alle wollen die Welt verändern, aber keiner macht Anstalten, sich selbst zu ändern.

Es toben Fragen. Nach dem richtigen Leben, nach dem Sinn, nach wirklicher Liebe. Es kreischt der Dominanzstreit zwischen Gut und Böse - dieser Abend kümmert sich dabei weder um Übersichtlichkeit noch allzu sehr um Tolstoi, er rumort, er turnt, er überdreht, er unterläuft, er muss Traditionalisten geradezu zwanghaft verschrecken. Aber die Schauspieler beherrschen grandios den Wechsel zwischen hochfahrenden und niedergeschmetterten Gemütern, zwischen Bewusstseinspein und aufjuchzender Clownsfreude, zwischen Existenzschmerz und grotesker Ausdruckshitze. Heike Makatsch souverän keck, Birgit Unterweger ballettös komisch, Susanne Böwe bezwingend matronenstark, Manual Harder aufgeraut heldisch, Matthias Hummitzsch quick verwandlerisch zwischen Würde und Wurstigkeit.

»Krieg und Frieden«. Nicht die erste Adaption. Tolstoi ist Kaufhaus für alles. Hartmann, der bald scheidende Intendant Leipzigs, eine intelligente Verpreller-Natur, kompromisslos (also angreifbar) in der Schlagkraft gegen das maßvoll Überlieferte - er hat hier bemerkenswert gestaltet und gewühlt. Den Schluss bildet ein Zeichentrickfilm-Angriff, die Kamera rast durch ein Schloss, immer neue Türen, als nähme Kafka kein Ende, monströse Flugapparate schwirren, das Bild öffnet sich irgendwann ins All, ein Sarg fliegt heran, alle Schauspieler legen sich jetzt in dieses Filmbild, sirren davon; ein Überblendungstrick, ein winkender Abschied; eine Arche ins Nichts - jene Heimat der Rätsel, wo Frieden ist. Weil alle Fragen verschont bleiben vom Krieg der Antwort-Gierigen.

Nächste Vorstellung: 24. Januar

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