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Wenn die Medien schweigen, sprechen die Wände

Der Sammelband »Medien und Demokratie in Lateinamerika« beleuchtet Wandel und Zusammenhänge

Der Sammelband »Medien und Demokratie in Lateinamerika« widmet sich den politischen Neuregelungen der Medienlandschaft in Lateinamerika. Damit setzt die Rosa-Luxemburg-Stiftung ihre Reihe Manuskripte fort.

Argentiniens Mediengesetz von 2009 steht gerade auf dem Prüfstand: Ein Berufungsgericht verlängerte die am 7. Dezember ausgelaufene Verfügung der Justiz, welche die Anwendung von zwei Artikeln für drei Jahre aussetzte. Bis dahin hätte die Clarín-Gruppe einen Großteil der genutzten Radio- und Fernsehfrequenzen abgeben müssen. Die Zerschlagung des mit Abstand wichtigsten Medienkonzerns des Landes wurde somit nochmals aufgeschoben.

»Konflikte um die Kontrolle der Medien haben in den vergangenen Jahren zugenommen und politische Auseinandersetzungen werden zunehmend über die Medien und mit Medien als zentralen Akteuren ausgetragen«, heißt es im Vorwort der Herausgeber, der Lateinamerikagruppe Marburg und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Medien und Gesellschaft neu denken: Lateinamerika hat im letzten Jahrzehnt seine politische Gestalt deutlich verändert, mehr Mitte-links-Regierungen als jemals zuvor prägen die Weichenstellungen auf dem Kontinent. Dazu gehören auch gesetzliche und politische Neuregelungen der Medienlandschaft, deren Wurzeln ökonomisch und juristisch oft in den Zeiten der Militärdiktaturen liegen. Venezuela, Argentinien und Bolivien sind drei von mehreren aktuellen Beispielen, in denen neue Mediengesetze entstehen oder bereits verabschiedet wurden und auf erbitterten Widerstand der Medienkonzerne stoßen.

In Europa werden diese Konflikte fast ausschließlich als Angriffe auf Pressefreiheit und Demokratie interpretiert. Dabei machen sich hiesige Medien die Perspektive der betroffenen Konzerne zueigen, sei es Clarín in Argentinien oder RCTV in Venezuela. Oft auch aus Mangel an fundierten Informationen und Kenntnissen medienkritischer Positionen aus Lateinamerika selbst. Diese Lücke will der Sammelband »Medien und Demokratie in Lateinamerika« nun schließen und lässt dabei nicht nur Medienschaffende und WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen, sondern auch MedienaktivistInnen zu Wort kommen.

Im zweiten Teil des Bandes finden sich neben einer kritischen Analyse der deutschen Auslandsberichterstattung auch Beiträge von RedakteurInnen des Nachrichtenportals amerika21.de, der Zeitschrift »Lateinamerika Nachrichten« und des Nachrichtenpools Lateinamerika »npla«, die sich um eine »andere« Lateinamerikaberichterstattung bemühen.

Einen wichtigen Beitrag liefert Malte Daniljuk, der faktenreich Medien und Medienpolitik in Venezuela analysiert und der, hierzulande fast immer polemisch geführten, Debatte über Zensur in der Bolivarianischen Republik eine Grundlage für eine fundierte Auseinandersetzung gibt.

In »Wenn die Medien schweigen, sprechen die Wände« beschreibt Fabian Unterberger Gegenöffentlichkeit und Repression in Honduras. Griffen doch nach dem Putsch 2009 dieselben Mechanismen wie in den Militärdiktaturen der sechziger und siebziger Jahre: Zensur, Schließung verschiedener Sender, Repressionen gegen JournalistInnen bis hin zum Mord. Denn die Auseinandersetzung um die Neugestaltung der Medien in Lateinamerika darf nicht vergessen lassen, dass in vielen Ländern, die nicht im Zentrum der europäischen Öffentlichkeit stehen, Pressefreiheit nicht existiert.

Medien und Demokratie in Lateinamerika, hrsg. von Lateinamerikagruppe Marburg, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2012, 300 Seiten, 16,90 Euro.

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