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Man sollte den Gründer von IKEA entführen

Frode Grytten übt militante Kritik am Kapitalismus

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Ein Roman? Eigentlich sind es zwei Texte, durch einen Familiennamen lose verbunden. Zwei Männer, Vater und Sohn, kommen aus kleinen Verhältnissen zu Wohlstand, verlieren ihn wieder - und laufen Amok: Sie wollen die Erfahrung des eigenen Niedergangs löschen, wollen ihr Ich zurück, das Bild von sich selbst.

Die erste Geschichte: Harold M. Lunde ist Möbelhändler in der norwegischen Kleinstadt Åsane nördlich von Bergen, kennt und schätzt alle Leute im Ort. Der Vater hatte das Geschäft 1947 eröffnet, 1986 kommt IKEA nach Åsane. Der Laden geht pleite. Zur selben Zeit wird seine innig geliebte Frau Marny zum Pflegefall. Alzheimer. Auf einmal hat Lunde alles verloren, Tagesinhalt, Identität. »Mir wird klar, dass es für mein Leben keinen Beweis mehr gibt.«

Ein Trinker mit Tränensäcken, so sieht er sich selbst; die anderen sehen einen alten Trottel. Harold M. Lunde sucht einen Schuldigen für die Verluste, und so fährt er nach Schweden mit einem irrwitzigen Plan: Er will den IKEA-Gründer Ingvar Kamprad (Jahrgang 1926) entführen. Der Coup gelingt, doch die Rache misslingt, denn der alte Kamprad, scheinbar allmächtig, erweist sich als ebenso hilflos und ohnmächtig wie der alte Lunde. Kamprad entführt? Der Leser wird unruhig, blättert, sucht - die Story ist wirklich Fiktion. Laut Wikipedia lebt Mr. IKEA seit den Siebzigern in der Schweiz. Kamprad, mit seinen Milliarden der reichste Bewohner des Landes.

Die zweite Geschichte spielt in Odda, einem Ort irgendwo an einem Fjord, 100 km südöstlich von Åsane. Autor Frode Grytten, 1960 in Odda geboren, hat das Städtchen schon mehrfach porträtiert: 8000 Einwohner, sterbende Industrie, Depression. In Orten wie Odda gebe es nur Schnaps, Sex oder Selbstmord, heißt es im Roman. »Womit sollte man sich sonst die Zeit vertreiben?« 1980 zieht Arvid, ein Sohn von Möbel-Lunde, als Lehrer in das Nest, ein farbloser Vogel, karbidgrauer Anzug, Hochwasserhosen. Jahre später ist der Langweiler Lunde ein Star: Aktiengeschäfte machten ihn zum Millionär. Arvid zieht nach Oslo, denn seine Träume wurden »zu groß für eine kleine Stadt«. In Oslo lebt er das Leben eines Neureichen, schöne Frau, mächtige Freunde - bis der Börsenkrach von 1987 ihn vernichtet. Die Freunde verschwinden, die Frau verlässt ihn. Arvid überfällt Banken, um Schulden zu bezahlen und den Schein des Wohllebens zu wahren. Dann will er sich ins Ausland absetzen, er fingiert einen Suizid, er will »den Rest seines Lebens als toter Mann verbringen«. Doch bei der Flucht Anfang 1990 kommt Arvid ums Leben. Ein dummer Verkehrsunfall.

»Ein ehrliches Angebot« ist eine düstere, von Hassliebe geprägte Hommage an die typische norwegische Kleinstadt. Seht, meint der Verfasser, nicht alle sind glücklich in einem der glücklichsten Völker der Welt. Ein seltsames Buch, anrührend, widersprüchlich, befremdlich. Anrührend sind die Szenen mit Lundes Frau. »Marny. Ich sehne mich nach der, die du einmal warst.« Bisweilen kommt die Alzheimer-Kranke auf Lunde zu, legt ihm die Hände auf die Schultern und fragt tröstend: »Wie geht es eigentlich deiner Frau?« Anrührend ist auch das Psychogramm eines Rächers, der nicht weiter weiß. Als Lunde den IKEA-Gründer in seiner Gewalt hat, macht er ihm »ein ehrliches Angebot«: Er gibt Kamprad die Pistole. »Würden Sie bitte schießen.«

Widersprüchlich sind Sprache und Stil: Grytten, ein sicherer Stilist, zeigt viel Sympathie für seine eigentlich unsympathischen Spießerfiguren. Warum wird er bisweilen so ausschweifend? Befremdlich Anlage und Botschaft des Buchs. Was haben die zwei Geschichten miteinander zu tun? Warum spielen sie in ferner Zeit? Und was soll der erste Teil sein - eine Anklage gegen die Macht der Konzerne? Eine Schmähschrift gegen »die Schrottmöbel von IKEA«? - Literatur soll und darf irritieren. Und der Erzähler, mag sein, ist noch auf der Suche nach seiner Botschaft.

Frode Grytten: Ein ehrliches Angebot. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Nagel und Kimche. 304 S., geb., 19,90 €.

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