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»Aufruhr, Widerstand gegen den Nestlé-Terror in diesem Land«

Neuselters-Beschäftigte bangen um ihre Zukunft - die Konzernzentrale will 40 von 75 Stellen streichen

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Belegschaft der zum Nestlé-Konzern gehörenden Neuselters Mineralquelle in Mittelhessen wehrt sich gegen Entlassungen und bekommt dabei Zuspruch aus Nah und Fern.

Der Schock war groß, als die Beschäftigten der traditionsreichen Mineralbrunnen-Abfüllanlage in Löhnberg-Selters bei einer Betriebsversammlung Ende November erfuhren, dass 40 von derzeit 75 Stellen im Betrieb vernichtet werden sollen. Die Konzernzentrale Nestlé begründet dies mit einer Umstellung der Produktion auf Einwegflaschen und »Bereinigung« der Produktpalette. Nestlé Waters betrachtet das knapper werdende Trinkwasser als profitable Anlagemöglichkeit und hat sich durch den Aufkauf von Mineralbrunnen europaweit eine starke Marktposition erobert. Der Weltkonzern möchte sich auf den Vertrieb der Marken Aquarel, Vittel und Pellegrino konzentrieren. Regionale Mineralwassermarken sollen hingegen vom Markt verschwinden. Offenbar sind auch 20 Bürojobs in der Deutschland- und Europazentrale gefährdet.

»Da ging ein Ruck durch die Belegschaft«, schildert Jürgen Hinzer, Bundesstreikbeauftragter der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), die Reaktion der Beschäftigten nach der ersten Schockstarre. Nach der Versammlung zogen sie zum Werkstor und protestierten gegen die Konzernpläne. »Aufruhr, Widerstand gegen den Nestlé-Terror in diesem Land«, skandierte Hinzer per Megafon, brandmarkte die »Brutalität des Kapitalismus« und motivierte die Belegschaft, sich »nicht wie Lämmer zur Schlachtbank führen zu lassen«. Besonders geschmacklos wirkte es auf viele, dass die Hiobsbotschaft ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit verkündet wurde.

Vielleicht haben die Nestlé-Manager die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn schon 2007 hatte die Belegschaft dem Konzern die Zähne gezeigt und in einem achttägigen Vollstreik die Tarifflucht gestoppt. Zur Streichung von Nachtzuschlägen, Altersfreizeit und Freizeittagen kam es nicht.

Die kämpferischen Arbeiter beschränkten sich damals nicht auf Streikposten im ländlichen Selters. Sie trugen den Kampf in die Metropolen des Rhein-Main-Gebiets, protestierten vor der Konzernzentrale in Mainz und suchten den Schulterschluss mit streikenden Telekom-Arbeitern in Frankfurt und Wiesbaden. Das stärkte ihren Durchhaltewillen.

Auch jetzt erfahren die Gewerkschafter breiten Zuspruch aus Nah und Fern. So erklärte sich der Gesamtbetriebsrat von Nestlé Deutschland, der rund 30 000 Beschäftigte vertritt, ebenso solidarisch wie ein Welttreffen von Nestlé-Gewerkschaftern und Aktivisten. In Brasilien stellten Vertreter der dortigen Lebensmittelarbeitergewerkschaft am Montag den Direktor von Nestlé Brasilien, João Dornellas, zur Rede und übergaben ihm ein Schreiben mit der Forderung nach Verzicht auf die Entlassungen im fernen Selters. »Euer Kampf ist unser Kampf«, erklärte Erkan Imdat vom Coca-Cola-Betriebsrat aus Liederbach bei Frankfurt. Der US-Getränkekonzern will bundesweit 450 Arbeitsplätze in Produktion und Verwaltung streichen.

Auch in der Heimatregion fühlen sich die um ihre Zukunft bangenden Neuselters-Beschäftigten nicht im Stich gelassen. So erklärten sich Politiker von SPD, Linkspartei und CDU solidarisch. Bei der Gründung eines Bürgerkomitees zur Verteidigung der Arbeitsplätze argwöhnte Löhnbergs Bürgermeister Frank Schmidt, der Konzern sei nur auf schnelles Geld aus und wolle dafür eine Traditionsmarke »platt machen«. Den Ausstieg aus der Mehrwegproduktion und Verzicht auf Glasflaschen nannte Schmidt »ökologischen Blödsinn«. Löhnberg gilt als finanziell angeschlagene Gemeinde.

Mit einem ökumenischen Gottesdienst vor dem Betrieb wollen Kirchengemeinden am 22. Dezember Beistand leisten. Darauf stimmt sich auch Hinzer mit einem Bibelzitat ein: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.« Der Gewerkschafter will nicht für Abfindungen, sondern alle Arbeitsplätze kämpfen. Er freut sich darüber, dass inzwischen fast alle im Betrieb, auch leitende Angestellte, der NGG angehören. Sollten die für diesen Freitag geplanten Einkommenstarifverhandlungen ohne Abschluss enden, dann »werden uns in einem tariflosen Zustand noch viele Sachen einfallen«, kündigt der Gewerkschafter an.

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