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Allgegenwärtige Wissensvernichtung

Zum Umgang mit dem kritischen Vermächtnis der DDR-Medientheorie

  • Von Detlef Kannapin
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wie, DDR-Medientheorie? So etwas hat es doch ernstlich nicht gegeben! Die Medien in der DDR waren ja wohl staatlich kontrolliert! Die dortige Medientheorie konnte doch nicht mehr, als eben dies bestätigen, also die Prämisse mit dem Analyseergebnis identifizieren!

Was heute kaum noch jemand weiß: DDR-Medientheorie hat sich auch mit Medien im Allgemeinen und mit den Medien in der kapitalistischen Gesellschaft im Besonderen beschäftigt. Die dabei entstandenen Analysen gehen uns heute an.

In meinen Besitz befinden sich vier Bücher aus der Serie »Zur Einführung« des Hamburger Junius Verlages, die im engeren Sinne mit Medien zu tun haben. Das sind, in der Reihenfolge ihres Erscheinens, die Einführungen zu Medientheorien (2006), zur Filmtheorie (2007), zu Theorien des Internet (2011) und zu Fernsehtheorien (2012). Ein eigenes Kapitel zur DDR-Medientheorie ist in keinem davon enthalten. Beim Internet wäre das zugegebenermaßen auch etwas schwierig, wenngleich nicht ganz unmöglich. Mindestens die anderen drei Abhandlungen hätten jedoch immerhin eine Erwähnung bringen müssen, wollten sie einen halbwegs objektiven Überblick über ihren jeweiligen Gegenstand geben. Im Personenregister und den Auswahlbibliografien der genannten Bücher fehlen folgende Namen: Georg Klaus, Peter Hoff, Lothar Bisky, Peter Hacks.

Das momentane Weltwahrnehmungsproblem ist ein doppeltes: Der Kapitalismus setzt sich zum einen massiv als reine und ausschließliche Gegenwart, ohne historisches Bewusstsein der eigenen Entstehung und ohne Fortschrittsperspektive auf irgendeine Zukunft jenseits des selbstgesteckten Horizontes. Die Medien spielen in dieser Konstellation als Herrschafts- und Ordnungsfaktor eine überaus bedeutende und destruktive Rolle, weil sie die Gesellschaft in die exorbitante Abhängigkeit von schwer oder nur höchst aufwendig nachzuprüfenden Informationsketten treiben.

Zum anderen schreitet die technologische Entwicklung bedeutend schneller voran als die analytische Erfassung ihrer sozialen Konsequenzen. Trotz der langwährenden Existenz traditioneller Massenmedien wie Buch, Presse, Kino, Hörfunk und Fernsehen ist die Kritik an den Medieninhalten aus emanzipatorischer Sicht eine Arbeit, die tagtäglich neu und intensiv weiter absolviert werden muss, um Wahrheit und Ideologie auseinanderhalten zu können - eine Leistung, mit der man ohnehin nie fertig werden kann. Nun greift seit zwei Jahrzehnten die neue informationelle Infrastruktur aus Digitalisierung und Internet mit ihrer nachgerade exponentiellen Datensteigerung und Beschleunigungsintensität in die Sozialstrukturen ein, woraufhin eine wirksame Diskussion um den Stellenwert der vermittelten Inhalte unterzugehen droht.

In dieser Situation kommt erschwerend hinzu, dass die geistige Lage des Kapitalismus durch die negative Dialektik von Unwissen und Wissensvernichtung gekennzeichnet ist, wie sie Markus Metz und Georg Seeßlen 2011 in ihrem Buch »Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität« diagnostiziert haben: Zu einer gewissen alltagstauglichen Abstumpfung intellektueller Fähigkeiten gesellt sich das konkrete Vergessen vormals gesicherter Erkenntnisse. Konnte Unwissen im Verfahren der Hebung des kulturellen Niveaus zumindest von Anspruch und Angebot her einige Zeit lang gebannt werden, stellt Wissensvernichtung einen direkten Anschlag auf das emanzipatorische Grundverständnis des gesellschaftlichen Lebens seit der Aufklärung überhaupt dar. Traditionelle und neue Medien haben ihren gewichtigen Anteil an diesem Zustand, da sie durch ihren ökonomischen Verwertungszwang immer weniger im öffentlichen Interesse handeln.

Wie passt die DDR-Medientheorie hier hinein? Gibt es Anzeichen dafür, dass sie in einzelnen Beiträgen bereits vorweggenommen hat, was sich erst jetzt konkreter offenbart?

Beispiel 1 - Georg Klaus: Dessen Hauptwerk »Kybernetik und Gesellschaft« von 1964 ist die erste Publikation, die Fragen der Rechen- und Regulationstechnik mit dem historischen Materialismus in Verbindung bringt. Noch vor der Etablierung einer eigenständigen Forschungsrichtung Medienwissenschaft um und nach 1970 beschreibt Klaus den vermittelten Informationsprozess analog zum kybernetischen Regelkreis und nimmt damit wesentliche Elemente der informationstheoretischen Grundlagenforschung auf, um Medieninhalte, kommunikative Trägersysteme (Kanäle) und soziales Bewusstsein in ein Steuerungsmodell zu integrieren. Ähnlichkeiten mit der formalen Systemtheorie des Verwaltungsjuristen Niklas Luhmann sind nicht zu übersehen, der wesentliche Unterschied besteht allerdings darin, dass Klaus das Mediensystem nicht als selbstreferenziell betrachtet. Für ihn sind die medialen Operationen stattdessen in Bezug auf die gesellschaftliche Informationsnotwendigkeit zu bewerten. Damit wird eine Grundforderung kritischer Medientheorie ernst genommen, wonach ihr Zentrum nicht die Medien bilden, sondern der gesellschaftliche Kontext, in dem sie stehen. Bekanntlich hat auch die Netzwerktechnologie des Internet ihren Ursprung in der Kybernetik, wodurch die Klammer benannt ist, die frühere medientheoretische Schriften mit dem Netz zusammenbringt.

Beispiel 2 - Peter Hoff: In seiner 1980 geschriebenen und 1984 verteidigten Dissertation »Fernsehen als Kunst« (Typoskript der Humboldt-Universität Berlin) wird das Fernsehbild als technisch strukturierte Abfolge elektronischer Signale auf dem Bildschirm, gleichsam als synthetisiertes Schirmbild, definiert. In der Produktion von Sendungen ergänzen sich Film und Fernsehen mit ihren Methoden und bezeugen dadurch eine gesellschaftliche Symbiose der Medien, was heute unter Einbeziehung weiterer Medien »Medienkonvergenz« genannt wird. Rezeptiv entscheidend ist der Monitor, der sowohl als Programmempfangsgerät, mit steigender Tendenz aber auch als Bildschreiber in der Computertechnik eingesetzt wird. Die Digitalaufzeichnung ist in Ansätzen bereits bekannt. Soziologisch entscheidend wird die Frage, unter welchen Bedingungen das Fernsehen Aufgaben der Steuerung und Regelung gesellschaftlicher Prozesse erfüllt und wie sein »polyfunktionales Gesamtprogramm«, also der Anspruch, Medienangebot für jede Lebenslage zu sein, sozialen Leitcharakter annimmt. Nicht weniger wichtig ist Hoffs Beobachtung, dass die medienbedingte Einseitigkeit der Informationsübertragung keinesfalls mechanisch umgekehrt, sondern nur durch zusätzliche Kommunikationsakte außerhalb des Medienprozesses aufgehoben werden kann. Das gilt heute - trotz gegenläufiger Beteuerungen über die Funktion sogenannter partizipatorischer Medien im elektronischen Postverkehr oder den sozialen Medien - nach wie vor, weil Informationen erst dann wirken, wenn sie in soziale Handlungen übersetzt werden.

Beispiel 3 - Lothar Bisky: Die 1980 und 1984 in der Reihe »nl konkret« erschienenen Bücher »Geheime Verführer« und »The show must go on« über kapitalistische Medienkultur enthalten in ihren jeweiligen Schlusskapiteln Prognosen zu deren Fortentwicklung. Die Veröffentlichung von 1980 urteilt zum Beispiel, dass die technischen Möglichkeiten zur Manipulation der Medienkonsumenten durch die Medienproduzenten bei Weitem nicht ausgeschöpft sind. Vier Jahre später stellt Bisky die These auf, dass die bürgerliche »Aufsichtskultur« durch die »neuen Medien« (Kabel, Pay-TV, Videotechnik, Computer) an ihre Grenzen gestoßen ist, weshalb eine ganzheitliche Umstrukturierung des Systems der Kommunikation unter den Bedingungen der technologischen Revolutionierung der Produktivkräfte im Kapitalismus erforderlich wird. Die Neuausrichtung der Medien im kapitalintensiven Sinne wird danach von folgenden Maßnahmen flankiert: a) Der Journalismus wird Teilsystem der ökonomiefreundlichen Berichterstattung. b) Journalisten erhalten Schulungen in Betriebswirtschaftslehre, um ökonomiebasiert zu argumentieren. c) Wirtschaftsfreundliche Berichterstattung wird mit Journalistenpreisen belohnt. d) Wirtschaftsnahe Stiftungen, Verbände und Hochschulen erhöhen ihr Engagement in der Wissenschaftstätigkeit. e) Vormals kritischer Journalismus soll publizistische Wohlverhaltenspropaganda betreiben. Der nahezu zeitgleich im Westen veröffentlichte Sammelband zur »Industrialisierung des Bewußtseins« (1985) kommt zu ähnlichen Resultaten. Es genügt ein Blick in die mediale Jetztzeit, um alle Vorannahmen von Bisky bestätigt zu finden - von der fast zwanzigjährigen medialen Lobpreisung des Neoliberalismus und der Eigenverantwortung der Individuen bis hin zur Kommerzialisierung des Journalismus.

Beispiel 4 - Peter Hacks: Als »Begründung einer Wissenschaft« versteht sich der Aufsatz »Unter den Medien schweigen die Musen« von 1990, in dem der Dramatiker der sozialistischen Klassik den Sieg der Manipulationsästhetik über jeglichen Ansatz von Kunst konstatiert. Die Generalnachricht der Medien ist die große Lüge und lautet: Die Welt ist gut so - Denken unnötig. Das Verfahren dafür heißt: Ausgewogenheit - der Tod jedes kritischen Journalismus, was im Übrigen fundamental der Logik von wahr und falsch widerspricht, denn man benötigt für eine richtige Aussage nicht deren Pendant, um ganzheitlich zu informieren. Im Gegenteil: Informationsaufstockung durch Falschheit ergibt Irreführung. Die Redundanz des Informationszeitalters bestätigend heißt es: »Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur mehr.«

Ein Brief von Hacks an André Thiele ergänzt später: »Sich ohne Vorbereitung oder Begleitung durch einen Seelensorger dem modernen Fernsehwesen auszusetzen, war hochgefährlich. Theater gab es bis zur Abschaffung des Stadttheaters, Fernsehen bis zum Beginn des Privatfernsehens. Wer diese Gattungen vor ihrem Ableben nicht gekannt hat, kann heute nicht verstehen, warum sie einmal als Künste galten.« Damit ist unter der Hand auch die Frage beantwortet, warum das kritische Vermächtnis der DDR-Medientheorie, wie so vieles, der allgegenwärtigen Wissensvernichtung verfällt.


Literatur:

● Dieter Mersch: Medientheorien zur Einführung, Hamburg 2006.

● Thomas Elsaesser/Malte Hagener: Filmtheorie zur Einführung, Hamburg 2007.

● Martin Warnke: Theorien des Internet zur Einführung, Hamburg 2011.

● Lorenz Engell: Fernsehtheorien zur Einführung, Hamburg 2012.

● Markus Metz/Georg Seeßlen: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität, Berlin 2011.

● Georg Klaus: Kybernetik und Gesellschaft, Berlin 1964.

● Peter Hoff: Fernsehen als Kunst. Grundprobleme der Gattungsspezifik sozialistischer Fernsehkunst, Berlin 1984 (Typoskript, Humboldt-Universität).

● Lothar Bisky: Geheime Verführer. Geschäft mit Shows, Stars, Reklame, Horror, Sex, Berlin 1980.

● Lothar Bisky: The show must go on. Unterhaltung am Konzernkabel. Rock, Film, Fernsehen, neue Medien, Berlin 1984.

● Klaus von Bismarck/Günter Gaus/Alexander Kluge/Ferdinand Sieger: Industrialisierung des Bewußtseins. Eine kritische Auseinandersetzung mit den »neuen« Medien, München 1985.

● Peter Hacks: Unter den Medien schweigen die Musen. Begründung einer Wissenschaft, in: Hacks Werke Band 13, Berlin 2003, S.425-461.

● Der Briefwechsel zwischen Peter Hacks und André Thiele 1997-2003, hrsg. von Felix Bartels, Berlin 2012, S.293.

Dr. Detlef Kannapin, geb. 1969, ist medienpolitischer Referent im Bundestag.

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