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Hausbesuch bei Obdachlosen

Jenny De la Torre-Stiftung hilft seit zehn Jahren Menschen ohne Krankenversicherung

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 5 Min.

Wenige Gehminuten vom Nordbahnhof entfernt, steht in der Pflugstraße 12 im Bezirk Mitte zwischen Wohnhäusern ein unauffälliger dreistöckiger Klinkerbau. Über der hölzernen Eingangstür hängt ein weiß-blaues Hinweisschild mit der Aufschrift »Gesundheitszentrum für Obdachlose«. Seit 2006 hat hier die Jenny De la Torre-Stiftung ihren Sitz. Im zweiten Stock sitzt die Namensgeberin. Die kleine dunkelhaarige Peruanerin mit Brille ist zugleich Gründerin der Stiftung, die gerade ihr zehnjähriges Bestehen feiert.

»Am wichtigsten ist es, die Leute von der Straße wegzuholen«, sagt Jenny De la Torre. Diesen Satz hört man von der 58-jährigen Ärztin immer wieder. Mindestens genauso häufig erklärt sie, dass man die Menschen auf ihrem Weg zurück in ein geordnetes Leben noch stärker betreuen müsse. Die Stiftung will deshalb in Zukunft auch Hausbesuche in Wohnheimen und bei ehemaligen Obdachlosen anbieten, die wieder ihre eigenen vier Wände bewohnen. Von staatlicher Seite fehle es oft an Betreuungsangeboten, sobald die Leute von der Straße weg sind. Ein Fehler, wie De la Torre meint. Viele ehemalige Obdachlose fänden sich in einem normalen Alltag allein nur schwer wieder zurecht. Es droht ein Rückfall in die Wohnungslosigkeit.

Schaut man sich im Gesundheitszentrum um, kann man sich nur schwer vorstellen, unter welchen schwierigen Bedingungen die Ärztin in ihren Anfangsjahren Obdachlose betreute. De la Torre praktizierte zu Beginn der 90er in einem wenige Quadratmeter großen Zimmer des Roten Kreuzes am Ostbahnhof. Das Haus in der Pflugstraße bietet nun ausreichend Platz für zahlreiche Hilfsangebote.

Im Erdgeschoss wurde eine Arztpraxis eingerichtet. Der Raum ist überwiegend mit weißem Mobiliar ausgestattet, der Geruch von Desinfektionsmitteln liegt in der Luft. Viele der medizinischen Geräte sind aus zweiter Hand, stammen aus aufgelösten Arztpraxen. »Nicht mehr ganz der Stand der Technik, aber sie erfüllen noch immer ihren Zweck«, erzählt Kerstin Bretschneider, Sozialarbeiterin bei der Stiftung. Wüsste man es nicht, man könnte glauben, hier würden ganz normal Kassenpatienten betreut.

Eine Etage höher befinden sich Aufenthaltsräume und eine Kleiderkammer. Pullover, Hosen und Jacken stapeln sich in Regalen bis zur Zimmerdecke. Zwei Mitarbeiter geben hier am Tag an bis zu 25 Personen Spenden aus. Auch Handtücher und Hygieneartikel sind vorrätig, denn die Bedürftigen können im Haus duschen. »Derzeit mangelt es an Schlafsäcken und Isomatten«, erzählt Bretschneider. Traditionell brachten jetzt die Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch und Dagmar Enkelmann wärmende Kleidung als Spende der Linksfraktion vorbei.

Schon seit über 18 Jahren kümmert sich Jenny De la Torre um Menschen von der Straße. Sie braucht nur wenige Augenblicke, um ihr Gegenüber mit ihrer offenen Art für sich und das Obdachlosenprojekt zu begeistern. Schon als Kind beschließt sie Ärztin zu werden. De la Torres Wunsch geht Anfang der 70er Jahre in Erfüllung. Zunächst studiert sie Medizin in ihrem Heimatland Peru, bekommt dann ein Stipendium und kann in der DDR ihre Ausbildung an der Karl-Marx-Universität in Leipzig fortsetzen. An der Berliner Charité erwirbt sie 1990 ihren Facharzt für Kinderchirurgie, promoviert schließlich. Sie arbeitet in verschiedenen Krankenhäusern. Immer stärker engagiert sie sich für die »Abgehängten der Gesellschaft«. »Schon in Peru habe ich früher viel Leid gesehen«, erinnert sich De la Torre. Sie selbst habe eine behütete Kindheit und viel Liebe durch ihre Eltern erfahren. Auf solche positiven Erfahrungen hat jeder Mensch ein Recht, fasst die Ärztin ihre Grundüberzeugung zusammen.

Längst nicht jeder Obdachlose bekommt in Berlin ein Dach über dem Kopf. Von den insgesamt 11 000 offiziell von der Statistik erfassten Wohnungslosen, sind etwa 7000 in Heimen untergebracht. Die verbliebenen 4000 Obdachlosen leben direkt auf der Straße. Nur eine Minderheit von ihnen findet im Winter Platz in einer Notunterkunft.

Spricht man Jenny De la Torre auf dieses Problem an, hört man aus der Stimme der ansonsten lebenslustigen Frau eine deutliche Frustration heraus. Zu bürokratisch sei die Obdachlosenhilfe geworden. Viele Wohnungslose litten unter starken physischen Problemen und könnten daher die Nähe zu anderen Menschen kaum ertragen. Besonders die Notunterkünfte im Winter gleichen einem Bettenlager. Einzelzimmer gibt es nur, wenn der Betroffene ein ärztliches Gutachten vorlegen kann. Viele meiden die Unterkünfte deshalb gänzlich. Mehrere physisch Erkrankte auf engen Raum ohne Rückzugsmöglichkeit führten unweigerlich zu Konflikten.

Sozialarbeiterin Bretschneider steht im zweiten Obergeschoss des Hauses, das einst ein Kindergarten war. Neben einer Augenarztpraxis beherbergt die Etage ein Anwaltsbüro. Bretschneider zieht ein Kuvert aus dem Wandschrank und deutet auf die Adresse. Die Post stammt von einer obdachlosen Mandantin. Die Briefmarken kleben quer über den Umschlag verteilt. Die Angaben zum Empfänger stimmen zwar, sind aber ähnlich chaotisch angeordnet. »Das ist ihre Vorstellung von Ordnung«, erzählt Bretschneider über die Absenderin. Die steht für zahlreiche Wohnungslose. Viele kommen mit alltäglichsten Dingen nur noch schwer zurecht.

»Das Phänomen Obdachlosigkeit ist sehr komplex«, erklärt De la Torre. Etwa 83 Prozent ihrer Patienten sind Männer. Die Gründe für Wohnungslosigkeit reichen vom Tod eines nahestehenden Verwandten, Trennung vom Partner und Familienstreitigkeiten bis hin zum finanziellen Ruin. Manchen Betroffenen kann De la Torres Team innerhalb weniger Tage helfen, zu anderen müssen sie über Monate oder Jahre erst Vertrauen aufbauen. »Ich betreue heute noch Fälle, die kenne ich bereits aus meiner Zeit am Ostbahnhof«, sagt Jenny De la Torre. Erfolge motivieren sie und ihre Kollegen, die Arbeit auch nach zehn Jahren fortzusetzen. Gelegentlich wird die Ärztin von ehemaligen Obdachlosen auf der Straße angesprochen. »Ich erkenne die Leute manchmal nicht wieder, weil sie so erholt aussehen«, freut sie sich.

www.delatorre-stiftung.de

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