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Mehr Vergessen als Erinnern

Armin Petras: »Demenz Depression und Revolution« am Gorki Theater

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Schilder am Eingang warnen vor starken Lichtblitzen im dritten Teil. Das kann noch dauern, der dritte Teil heißt »Revolution« - vorher müssen wir durch »Demenz« und »Depression«. Anders kann man diese »Studie zu drei Mythen der Gegenwart« nicht nennen: eine Qual. Das liegt einerseits am Gegenstand, andererseits an den drei - völlig unverbundenen - Textblöcken, bei denen der Verdacht der Resteverwertung aufkommt.

Petras geht in der kommenden Spielzeit nach Stuttgart. Am Gorki beginnt nun mit »Demenz Depression und Revolution« der Abschied von einer, nicht unerfolgreichen, Ära. Während Petras hier inszeniert, bereitet er dort schon die neue Spielzeit vor. Anders ist diese anfangs befremdlich-uninspirierte, unkonzentriert-zerfahrene Arbeit nicht zu erklären. An diesem Abend wird deutlich, dass es ein Problem sein kann, wenn jemand als Intendant sich selber als Regisseur einsetzt und bevorzugt seine eigenen Stücke, die er unter dem Namen Fritz Kater schreibt, inszeniert.

Es liegt keineswegs an den starken Schauspielern, die aus dem Text und der Szene herauszuholen versuchen, was herauszuholen ist. Aber viel ist das nicht: weder starke Licht- noch Blitze anderer Art sind zu bemerken. Die etwas hochtrabend als »Mythen« daher kommenden Schlagworte Demenz, Depression und Revolution vereint allerdings eine Absicht: den Verlust von Wirklichkeit zu zeigen, lauter Übergänge ins Nichts. Kann davor Kunst bewahren? Der erlösungsbedürftige Mensch bleibt eingesperrt in seinen endlichen Körper, der unaufhaltsam zerfällt. Das ist doch ein so ungeheueres Thema, dass es jeden äußeren Handlungsablauf von innen her aufsprengt! Stattdessen erleben wir die ersten beiden Teile als Mischung aus Urania-Vortrag und pädagogischem Exkurs.

Die Struktur des ersten Teils des insgesamt mehr als dreieinhalbstündigen Abends: Protokollaussagen von Demenz-Betroffenen und ihrer Angehörigen werden mit sehr stilisierten Textpassagen von Petras/Kater kompiliert. Eine eher mechanische Arbeit, die äußerlich bleibt und Gesagtes bloß bebildert. Das dringt nicht vor zum Rätselwesen Demenz, wie es Arno Geiger in »Der alte König in seinem Exil« ins Bild brachte. Und wo ist der Dritte?!, fragt sein Vater erwartungsvoll-vorwurfsvoll, nachdem er seine beiden Socken angezogen hat. Eine Frage, die es in sich hat. Mancher muss viel zurücklassen, um bei ihr anzulangen. Damit ist einiges gesagt über diese Krankheit, die noch im dramatischen Selbstverlust stellenweise ein großes Staunen gebiert, das den Menschen als fantasiebegabtes Wesen zeigt. Petras' an D' Annunzio erinnernde Dichtung über Schmetterlinge als »Sommergesichter verschwundener Toter«, die in höchster (und problematischster!) Künstlichkeit daher kommt, wird übergangslos mitten hinein in die Demenz-Protokolle geworfen - Thomas Lawinky rettet die Szene an der Grenze zur Peinlichkeit durch seine durch und durch unlyrische Person. Live-Musik auf der Bühne gibt es auch (Miles Perkin) - »Help« dröhnt es durch den Zuschauerraum.

Erinnern und Vergessen. Ein großes labyrinthisches Thema, für das man sich Zeit nehmen sollte. Der erste Teil wird in siebzig Minuten abgehandelt. Dann schließt sich die Anstaltstür, die zum Himmel gereckten Arme fallen herab. Weiter geht's zur Depression, die Demenz können wir vergessen. Dieser zweite Teil ist der ausrechenbarste des Abends. Die Geschichte, angelehnt an die des Fußballnationaltorhüters Enke, der so lange an Depressionen litt, bis er sich vor einen Zug warf. Sie ist allzu bekannt, als dass man hier seiner konventionell erzählten Karriere von Station zu Station mit etwas anderem als Langeweile zu folgen vermag. Wiederum mühen sich (wie im ersten Teil Peter Kurth und Cristin König) die Schauspieler Michael Klammer und Aenne Schwarz, dem Ganzen etwas zu geben, was nicht aufgeht in dem, was auszusprechen ist. Aber der Text gibt nichts her, da drängt nichts ans Licht, bleibt aber auch nichts im Dunkeln. Es ist auf fatale Weise alles klar.

Der dritte Teil »Revolution« lässt immerhin einiges aufblitzen von dem, was an Theater möglich scheint, wenn der Intendant Petras seinen Regisseur Petras ein Stück von dessem Alter Ego Fritz Kater inszenieren lässt. Der Riss, der durch die Zeit geht, zeigt sich hier wenigstens ansatzweise und lässt an Petras' große Arbeiten am Gorki Theater wie »Heaven (zu tristan)« oder »we are blood« denken. Dieser Künstler braucht die Verwerfungen der Geschichte als Thema, um wesentlich zu werden. Der Einzelne vor der Wahl zwischen zwei Unannehmbarkeiten stehend. Ein Schriftsteller in Prag 1968, bei dem die Weltgeschichte anklopft. Was tut so ein narzisstischer Autor, der sich selbst immer Mittelpunkt der Welt ist? Er schreibt einfach weiter. Sein Buch wird fertig, als die Geschichte auch mit einer ihrer Utopien fertig wird. Im Zusammenspiel mit Rebecca Riedels Videoprojektionen kippt das Dokumentarische immer wieder ins Traumhaft-Surreale: Der absurde Grund des Geschehens öffnet sich. Die Identitäten wechseln, alle drei Schauspieler dieses Teils spielen einmal jede der Rollen. Denn nichts anderes ist Revolution: Rollenwechsel!

Thomas Lawinky überzeugt, weil er gegen sein massiges Brutalo-Image anspielt und gleichsam die weibliche Seele in sich entdeckt. Das ist großartig, da wird es gleich grotesk, da beginnt etwas nicht im vorhinein Ausrechenbares. Neben Cristin König überrascht hier vor allem die junge Svenja Liesau (noch Schauspielstudentin an der Ernst Busch Schule!) mit ihrem großräumig-präzisen Spiel. Den Namen muss man sich merken.

Weitere Vorstellungen 19.1. u. 6.2.

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