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Schöne Worte helfen nicht gegen Rassismus

Durch kollektives Versagen jubelt die rechte Fangruppe »Karlsbande« weiter im Stadion der Alemannia, ihre Gegner der »Aachen Ultras« nicht mehr

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Aachener Polizei wiederholt, was schon lange kein Geheimnis mehr ist. »Die Karlsbande ist von der rechten Szene unterwandert«, bestätigte Behördensprecherin Sandra Schmitz. Rechtsextreme Bewegungen wie die verbotene »Kameradschaft Aachener Land« und NPD-Kader nutzen diese Ultragruppierung von Alemannia Aachen als Plattform. Mittlerweile will auch niemand mehr leugnen, dass der Fanstreit beim Drittligisten zwischen den »Aachen Ultras« und der »Karlsbande« ein politischer ist.

Doch jetzt es ist zu spät. Am vergangenen Sonnabend gaben die »Aachen Ultras«, die seit 1999 kein Spiel der Alemannia verpasst haben, ihren Rückzug aus dem Stadion bekannt. Nach einem langen aussichtslosen Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung in der Kurve, nach monatelangen Anfeindungen und immer wieder tätlichen Angriffen. Zuletzt wurden Mitglieder der Fangruppe sogar privat bedroht. Die »Aachen Ultras« beklagen vor allem die fehlende Unterstützung vom Klub.

Gestern versuchte der Verein, die Vorwürfe zu widerlegen. »Alemannia Aachen hat sich in der Vergangenheit klar gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt positioniert«, stand auf der Vereinshomepage. Mehr als nur schöne Worte? Gegenüber »nd« hob Holger Voskuhl, Sprecher der Sondierungsgeschäftsführung des insolventen Klubs, nochmals die weitreichenden Fanprivilegien der »Aachen Ultras« hervor: »Die Karlsbande durfte ihr Banner nicht mehr zeigen«, sagte er. Dass es nur wenig später doch wieder im Stadion hing und der Verein untätig blieb, ist ein Zeichen für die Inkonsequenz.

Viel entscheidender aber ist, dass die vorrangig politische Dimension des Fanstreits viel zu spät ernst genommen wurde. Da reicht es nämlich nicht, die »Aachen Ultras« mit »kostenlosen Räumlichkeiten, dem gewünschten Block im Stadion und Parkausweisen«, wie der Klub jetzt nochmals beteuerte, zu unterstützen. Michael Gabriel, Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS), bestätigt das: »Als der Verein begann, sich mit der politischen Dimension ernsthaft zu beschäftigen, kam die Insolvenz und viele der handelnden Personen waren weg.«

Damit ist der Klub allerdings nicht allein. In Aachen wurde kollektiv versagt. »Auch die Verantwortlichen der Stadt wollten das Problem Rechtsextremismus lange nicht wahrhaben«, sagt Gabriel. Der politische Konflikt im Stadion wurde nicht als solcher gesehen. Zudem hat die Kommune das lokale Fanprojekt lange Zeit nicht entsprechend unterstützt. Aufgrund der geringen Zuschüsse der Stadt konnte notwendiges und schon zugesagtes Geld von Land und DFB nicht abgerufen werden.

Mit dieser Gesamtsituation war Kristina Walther vom Fanprojekt Aachen letztlich überfordert. Einen dringend benötigten Mitarbeiter bekam sie erst, als die Situation bereits eskaliert war. Ihre eigentlich vermittelnde Rolle im Fanstreit konnte sie nicht mehr erfüllen. Auch sie wurde von der »Karlsbande« verfolgt und bedroht, nachdem sie auf einer Fanveranstaltung zum Thema Rassismus Mitgliedern dieser Gruppe ein Hausverbot erteilen musste. Wie die »Aachen Ultras« fühlte sich auch Walther unzureichend unterstützt. »Es ist ein fatales Zeichen, dass in einer politisch grundierten Auseinandersetzung zweier Fangruppen, die Gruppe, die für positive Grundwerte steht, allein gelassen wird«, sagt Gabriel.

Die Fußballverbände nimmt der KOS-Leiter in dieser Sache aus der Pflicht. Sie hätten dort kaum einen Handlungsspielraum, vielmehr ginge es um die Arbeit vor Ort. Patrick Gorschlüter vom Bündnis aktiver Fußballfans BAFF sieht das anders: »DFB und DFL hätten durchaus Druck auf den Verein machen können.« Die Androhung von Punktabzügen nennt der BAFF-Sprecher als mögliches Mittel - wie bei anderen Vergehen von Fans. »Dann«, ist Gorschlüter sicher, »hätte der Verein bestimmt gehandelt. Alemannia Aachen wirft er vor, die »Karlsbande« nicht komplett mit einem Stadionverbot isoliert zu haben. In diesem Fall hätte er sich die sonst unter Fans so verhasste Kollektivstrafe gewünscht. Denn durch die große Öffentlichkeit hätte jedem, der sich zur Karlsbande gesellt, klar sein müssen, dass er bei Rechten stehe.

Den Rückzug der »Aachen Ultras« sieht Gorschlüter als »Mahnung für alle anderen Vereine«. Ähnliche Probleme gibt es in Dresden, Dortmund oder Braunschweig. Wie besorgniserregend die Situation in Aachen ist, verdeutlicht die Tatsache, dass treue Fans wie die »Aachen Ultras« jetzt nicht mal mehr »privat« ins Stadion gehen können. »Allein ist es noch gefährlicher als in der Gruppe«, sagt Gorschlüter.

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