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Das Ende der Gemeinsamkeit

»Das Richtfest« von Lutz Hübner am Schauspiel Bochum

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Es beginnt wie im Märchen. Eine bunt zusammengewürfelte Interessengemeinschaft, bestehend aus sechs Mietparteien, will den Traum vom gemeinsamen Wohnen verwirklichen. Über Grenzen von Bildung, Besitz und Alter hinweg wollen die selbsternannten Bauherren - vom Hochschuldozenten bis zur ehemaligen Kneipenbesitzerin - in einer »Baugemeinschaft« ein Beispiel für tätige Solidarität geben.

Bei einer Vorstellung der Baupläne und der Vorbesprechung zukünftiger Nutzung der Räume brechen erste Differenzen auf: Die Wohlhabenden beanspruchen einen Raum für eine Pflegekraft sowie dickere Stützpfeiler wegen der vielen Bücher und der Musiker mahnt schalldichte Wände an. Weil eine junge Mitmieterin in spe wegen ihrer Schwangerschaft die Arbeitsstelle aufgeben will, gerät der Finanzierungsplan in Gefahr. Nachdem der Architekt ein Verhältnis mit der 17-jährigen Tochter eines Mieterpaares beginnt, gibt es handgreifliche Auseinandersetzungen. Ein Schlachtfeld bleibt übrig, die vielfach beschworene Sozialpartnerschaft bleibt eine realitätsfremde Illusion.

Regisseur Anselm Weber verzichtet in seiner Inszenierung des »Richtfests« am Schauspiel Bochum auf ein detailreiches Bühnenbild. Szenischer Ort ist die leere, weißumhängte Bühne. Erst zum Schluss gibt es ein wahre Orgie theatralischer Attraktionen. Die Wände werden heruntergerissen, es schneit, Nebel steigen auf und die Zerstrittenen erstarren zum Eisblock.

Zu Beginn sitzen die Schauspieler gemeinsam in der ersten Zuschauerreihe. Einzeln oder in Gruppen betreten sie dann die Bühne. Zweierszenen gehen ins Gruppenbild über und umgekehrt. In den besten Momenten der Inszenierung brechen in den Zweierszenen schwelende Konflikte in den einzelnen Familien auf. Der Assistenzarzt Christian erweist sich herrischer Pascha und der Soziologieprofessor als Hasenfuß, der seiner begüterten Ehefrau aufs Wort gehorcht. Die Ehe des Beamten Holger und seiner Frau Birgit erweist sich als sinnentleert und die Teilnahmeabsicht am Wohnprojekt als Flucht vor dieser Leere. Die Spielweise ist

Einseitig aufs Wort und das Argument gestellt, verbraucht sich die Spielweise, ist irgendwann leer. Die endlosen Debatten werden zum Stehkonvent, Dialoge zur Redeschlacht, und die Figurenarrangements erscheinen als ertüftelt.

Gerade in seinen letzen Stücken variiert Lutz Hübner eine dramatische Grundsituation: die scheiternde Suche nach Gemeinschaft über soziale Unterschiede hinweg. Der gelernte Schauspieler Hübner hat die Darsteller sehr ungleich mit Material für den Figurenaufbau ausgestattet. Der Darstellerin der Vera ist kaum mehr an die Hand gegeben als das Prahlen mit Besitz und elitären Kulturbedürfnissen. Die Figur der ehemaligen Kneipenbesitzerin Charlotte ist, schon durch den Autor, differenzierter angelegt, und die erfahrene Henriette Thimig nutzt das mit offensichtlicher Spielfreude. Wie sie krampfhaft darum bemüht ist, nicht als Messi entlarvt und damit vom gemeinsamen Wohnen ausgeschlossen zu werden, wie sie mit heiligem Zorn gegen den Geiz und den Mangel an Solidarität ihrer Mietgenossen zu Feld zieht und dann am Ende - nun nach einem Schlaganfall sprachbehindert - noch einmal den Traum vom solidarischen Leben aufblühen lässt, das hat emotionalen Tiefgang. Den aber hat der Abend unter dem Dauerfeuer der gegenseitigen Attacken und Wutreden nur selten.

Nächste Vorstellung: 23. Januar

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