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Schmelzkäse Räucherschinken

Die Grüne Woche und ihr Umfeld sind auch zu einer Messe der Produkt- und Produktionskritik geworden

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei der Grünen Woche geht es um das große Geschäft mit Landwirtschaftsprodukten. Aber auch Tier- und Verbraucherschützer machen auf ihre Anliegen aufmerksam.

Die Internationale Grüne Woche ist nicht nur, wie der Berliner Messegeschäftsführer Christian Göke am Mittwoch stolz verkünden konnte, die weltgrößte Agrarmesse, die in diesem Jahr 1630 Aussteller aus 67 Staaten aller Kontinente anzieht, darunter erstmals auch aus Sudan und Kosovo. Die Grüne Woche ist auch eine Leistungsschau des Agrarlobbyismus und der Agrarpolitik - mit jeweils fließenden Übergängen zum Agrargeschäft. Das beginnt damit, dass der Deutsche Bauernverband, die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz als »ideelle Träger« der Messe firmieren - und kulminiert in den nach Gökes Worten rund 300 Konferenzen, Tagungen und Seminaren mit »etwa 200 nationalen und internationalen Spitzenpolitikern«, die sich unter den Augen von »5000 Journalisten aus 70 Ländern« um die Messe gruppieren.

Längst nutzen allerdings auch zahlreiche Verbände und Nichtregierungsorganisationen, die den Intentionen der »ideellen Träger« nicht besonders nahestehen, die Grüne Woche als Plattform für politische, lobbyistische und kommerzielle Vorstöße aller Art. Vor einem Jahr etwa kündigte der Deutsche Tierschutzbund während der Grünen Woche ein eigenes Handelssiegel für Fleischprodukte an, das eine tiergerechte Produktion zertifizieren soll. Nun werden tatsächlich die ersten mit dem Tierschutzsiegel versehenen Schnitzel verkauft. Mit der Initiative sollen die Lebensbedingungen von Nutztieren verbessert werden. Anfangs soll es Angebote in einzelnen Regionen geben, etwa im Ruhrgebiet und Süddeutschland, im Norden und in Berlin. Geplant ist danach auch ein bundesweites Angebot bei Discountern, Direktvermarktern und auf Wochenmärkten.

Am kommenden Dienstag wird Wolfgang Apel, der Ehrenpräsident des Deutschen Tierschutzbundes und Vorsitzender des Bio-Zertifikatsvereins Neuland, im Rahmen der Messe ein neues tierschutzbezogenes Anliegen präsentieren: das sogenannte Zweinutzungshuhn, das sowohl zum Eierlegen als auch als Schlachthähnchen in Frage kommt. Bislang werden alle männlichen Küken der Eierlegerassen, die anders als die Fleischrassen nicht innerhalb von nur einem Monat auf ein Gewicht von anderthalb Kilo gebracht werden, einen Tag nach der Geburt entsorgt.

Nicht alle ethischen, hygienischen oder ökologischen Schwierigkeiten lassen sich freilich durch Zucht beheben. Sehr grundsätzlich sind die Ausführungen des »Bundes ökologische Lebensmittelwirtschaft« (BÖLW), der Spitzenorganisation der Erzeuger, Verarbeiter und Händler im Ökobereich, die am Mittwoch im Messezentrum vorgestellt wurden. In fünf Thesen zur »Ernährungswende« fordert die Ökolobby unter anderem, Pflichtfächer wie Ernährungslehre, Kochen und Hauswirtschaft in Schulen einzuführen sowie die ökologischen und sozialen Produktionsfolgekosten dem jeweiligen Produkt durch eine betriebliche Bilanzierungspflicht zuzuschlagen. Ferner soll gemäß des Papiers, das der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein vorstellte, »mittelfristig« der Wirtschaftswachstumsindikator »Bruttoinlandsprodukt« (BIP) durch einen »Nationalen-Wohlfahrts-Indikator« (NWI) ersetzt werden.

Konkreter, unter Nahrungserzeugern aber gleichwohl als »Lebensmittelpranger« gefürchtet, ist das Projekt »Lebensmittelklarheit« des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Auf der Internetseite können sich seit 18 Monaten Nahrungsmittelkunden, die sich von der Aufmachung und Verpackung eines Produktes getäuscht sehen, beschweren. Vzbv-Chef Gerd Billen und Projektleiter Hartmut König bilanzierten nun die bisherige Resonanz: Mehr als 6600 Hinweise seien eingegangen, in jedem zweiten Fall könne man nach Prüfung tatsächlich von einer Täuschung des Kunden sprechen. Typische Beispiele für Etikettenschwindel sind die »Hirschwurst«, die nur 40 Prozent Hirsch, aber 60 Prozent Schwein enthält, die Kalorienangaben bei Fertiggerichten, die sich auf eine »Portion« und nicht die ganze Pizza beziehen, ein »Schmelzkäse Räucherschinken«, der tatsächlich keineswegs geräucherten Schinken enthält und nun erfolgreich abgemahnt wurde.

Nicht nur die Verbraucherschützer Billen und König sind zufrieden mit ihrem Projekt - sondern auch Landwirtschafts- und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU), die in diesem Fall auf beiden Seiten spielt. Vor wenigen Tagen kündigte sie an, die Förderung für »Lebensmittelklarheit« fortzusetzen.

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