Verfrühtes Lob

Sarah Liebigt schlittert durch Berlin

Man soll ja den Morgen nicht vor dem Abend, also den Winter nicht vor dem Frühling ... Sie wissen schon. Vor gut zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle über Schneemassen, zugefrorene S-Bahntüren und Gänsemarsch-schmale Gehwege.

Bisher war der Winter ja eher nett zu den Großstädtern, sorgte ab und zu mal für weiße Parks und sauglatte Wege, aber ließ bisher sogar die gebeutelte und hypochondrische S-Bahn in Ruhe. Nun ist er wieder da und auf Bürofluren und in morgendlichen Fahrgemeinschaften herrscht Freude. Alles rollt, alles fährt. Die Autos ein bisschen vorsichtig, Im Tegeler Tunnel zeitweise gar nicht - aber diese Hindernisse sind ja nichts im Vergleich mit den Jahren zuvor. Der vorsichtige Hinweis, dass vier bis sieben Grad unter null und drei Krümel Schnee noch keine wirkliche Belastungsprobe sind, wird weggewischt. Klar macht eine Flocke einen Winter - und doch könnte man, gerade weil der ÖPNV nicht zusammengebrochen und Wege noch passierbar sind, fast vergessen, dass Winter ist.

In einer Großstadt jedoch gibt es noch einen weiteren Indikator für die Härte der kalten Jahreszeit. Die Stadtmissionen und die Kältehilfe wenden sich fast wöchentlich mit der Hilfe um Unterstützung an die Öffentlichkeit. Zu wenig Schlafplätze, zu viele Notleidende. Was die soziale Lage angeht, herrscht bei weitem kein Grund zur frühen Freude.

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