Werbung

Null-Energie-Häuser sind eine Notwendigkeit

Der Architekturprofessor Claus Steffan über Energieeffizienz, den politischen Kampf darum und Hausbegrünungen

Claus Steffan ist Professor für Architektur an der Technischen Universität Berlin und Partner im Architekturbüro PSA in München. Mit ihm sprach für »nd« Ralf Hutter.
Claus Steffan
Claus Steffan

nd: Sie erforschen, wie sich Wetterhitze auf verschiedene Gebäudetypen auswirkt. Inwieweit helfen diese Forschungen, Gebäude energieeffizienter zu machen?
Steffan: Es gibt ja die winterliche und die sommerliche Energieeffizienz. In diesem Fall geht es um die sommerliche, das heißt: Gebäudekonzepte zu finden, bei denen eine Klimatisierung nicht erforderlich ist, denn für Klimatisierung braucht man sehr viel Energie.

Was ist da an den heute vorherrschenden Gebäudetypen verbesserungsbedürftig?
Das kommt darauf an, ob wir über Wohngebäude oder über Bürogebäude sprechen. Grundsätzlich spielt hier der Verglasungsanteil eine wichtige Rolle. Es kann bei Gebäuden mit sehr hohem Glasanteil natürlich sehr leicht zu Überhitzungen kommen - und das kann leichter bei Bürogebäuden passieren als bei Wohngebäuden.

Suchen Sie Lösungen nur für einzelne Häuser, oder entwerfen Sie auch ganze Null-Energie-Siedlungen?
Wir beschäftigen uns sowohl mit energieeffizienten Häusern als auch mit energieeffizienten Siedlungen. Und wir arbeiten auch auf der städtebaulichen Ebene. Ein Thema dabei ist: Wie kann man einen nachhaltigen Städtebau entwickeln, sozusagen energieeffiziente Smart Citys?

Wie sehen Sie die Zukunft von Null-Energie-Häusern und -Siedlungen oder auch von Smart Citys?
Es ist im Zusammenhang mit Klimawandel oder Energiewende eine Notwendigkeit, in Zukunft nur noch Null-Energie- oder Plus-Energie-Gebäude zu schaffen, also Gebäude, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Das sagt ja sogar die europäische Richtlinie zur Energieeffizienz von Gebäuden, die ab 2019 in Kraft treten wird.

Heißt das, dass dann nur noch Null-Energie-Häuser gebaut werden dürfen?
Ja. Das gilt aber zunächst nur für Neubauten. Und da Neubauten weniger als ein Prozent des Gebäudebestands pro Jahr ausmachen, müssen wir uns auf den Gebäudebestand konzentrieren.

Ist denn das zur Zeit laufende gesellschaftliche Großprojekt der energetischen Sanierung möglichst aller Häuser richtig?
Ich weiß nicht, von welchem Großprojekt Sie sprechen. Es wäre ein wichtiges Großprojekt. Aber zum Beispiel in der neuen Energieeinsparverordnung 2013 - falls sie 2013 überhaupt kommt - ist sehr viel weniger an Auflagen für die energetische Sanierung enthalten, als erwartet worden war. Das haben die federführenden Bundesministerien für Bauen und Wirtschaft eher zurückgefahren. Genau da müsste man eigentlich ansetzen: dass, wenn Gebäude saniert werden, auch gewisse hohe Standards der energetischen Sanierung erreicht werden.

Liegt das daran, dass jetzt doch relativ viel Kritik laut geworden ist hinsichtlich Mietsteigerungen?
Das hängt damit sicherlich auch zusammen. Die Wohnungswirtschaft hat sich da ganz energisch dagegen gestemmt.

Heißt das, wir sind gefangen in dem Gegensatz von ökologisch und sozial?
Nein. Wir müssen unterscheiden: Betrachte ich nur kurzfristige Investitionskosten, oder betrachte ich langfristige Lebenszykluskosten? Energetische Sanierungen sind, auf den Lebenszyklus bezogen, die wirtschaftlichere Lösung.

Das hilft mir aber auch nichts, wenn ich jetzt nicht genug Geld habe, um die Miete zu bezahlen.
Ja, da müssen eben auch die entsprechenden Wohnungsbaugesellschaften investieren. Und da es sich langfristig rechnet, kann es auch langfristig für den Mieter günstig sein.

Heißt das, die Wohnungsbauwirtschaft sollte das Ganze so anlegen, dass die Rendite langfristiger einläuft und nicht möglichst früh möglichst hoch?
Ich bin kein Wirtschaftlichkeitsspezialist, aber ich denke, da gibt es Rechenmodelle, die nachhaltig sind und auch durchaus den Mieter nicht zu sehr belasten.

Kollegen von Ihnen erforschen den Temperatureffekt von verschiedenen Hausbegrünungen. Hilft uns das vielleicht bei diesem Thema weiter?
Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Verdunstungskühlung hat einen sehr, sehr großen Effekt. Fassadenbegrünungen schaffen diesen Effekt durch die Verdunstung an den Blättern, so dass dadurch ein Kühleffekt entsteht, der sich im Sommer positiv auf das Innenraumklima auswirkt.

Sollten wir also Häuser nicht nur dämmen, sondern auch, oder sogar stattdessen, begrünen?
Es muss nicht jedes Haus begrünt werden, aber das ist eine Komponente, die man nicht unterschätzen darf. Es würde im Klima unserer Städte Verbesserungen schaffen, wenn viel mehr Gebäude begrünt würden.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung