Werbung

Helden und Kuriositäten

»Die Welt in Waffen: Stalingrad« - Filmreihe im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums

Stalingrad - kein Name klang während des Zweiten Weltkriegs in deutschen Ohren furchterregender und in sowjetischen Ohren triumphaler als jener der Großstadt an der Wolga. Die legendäre Schlacht um Stalingrad versetzte dem NS-Vernichtungsfeldzug einen Schlag und läutete Anfang 1943 die militärische Wende des Krieges ein.

Auch im Film ist das fünfmonatige Großgefecht widergespiegelt, sei es in zeitgenössischen Kriegs- und Propagandafilmen von deutscher oder alliierter Seite, sei es in Spiel- oder Dokfilmen, die vom Kalten Krieg oder der Wende beeinflusst waren. Mit der Symbolik und den langfristigen historischen Folgen der Schlacht beschäftigt sich nun die Filmreihe »Die Welt in Waffen: Stalingrad«, die heute im Zeughauskino beginnt.

Durch den Sieg der Roten Armee in Stalingrad festigte die Sowjetunion bei den USA ihre Stellung als Alliierter im Kampf gegen den NS-Staat. So erklärt sich auch die Entstehung des US-amerikanischen, pro-sowjetischen Propagandafilms »The Battle of Russia«. Als fünfter Teil der von Hollywood-Größe Frank Capra produzierten Doku-Serie »Why We Fight« schildert er den deutschen Angriff auf die Sowjetunion bis zur Niederlage der 6. Armee bei Stalingrad.

Mit berechtigtem Lob für das wehrhafte sowjetische Volk und mit historisch fahrlässigen - im propagandistischen Kontext aber förderlichen - Unterschlagungen der Fehler und Verbrechen Stalins (etwa des Hitler-Stalin-Pakts oder der vernachlässigten Evakuierung der Stalingrader Zivilbevölkerung) rekonstruiert diese US-Doku sehr packend den Kriegsverlauf im Osten. Einsprengsel von Eisenstein-Filmen sowie harte Bilder ziviler Opfer machte sich der aus der Ukraine stammende US-Regisseur Anatole Litvak für sein Kino-Manifest zunutze. Dieses kuriose, aber hoch spannende Zeitdokument - im Kalten Krieg wurde es geächtet - kontrastiert aufs Schärfste mit etwas früher gedrehten NS-Wochenschauen.

Mit schwer zu ertragendem antisemitischem Furor und demagogischen Bildern werden etwa in der »Wochenschau Nr. 566« der Angriffskrieg und die Ermordung der Zivilbevölkerung gerechtfertigt. »Volltreffer« jubelt der zynische Kommentar bei der Bombardierung ziviler Ziele und suggeriert eine angebliche militärische Überlegenheit der Deutschen.

Wie die NS-»Wochenschauen« die Niederlagen der Wehrmacht mit längst veralteten Bildern froher, gut ausgerüsteter Soldaten verschwiegen, erläutert der Dokumentarfilm »Erinnerungsbetrieb Stalingrad« (1993) von Thomas Kufus. Er thematisiert - auch anhand unveröffentlichter inszenierter Sowjet-Propagandabilder - die unzulängliche Beweiskraft des Filmmaterials per se. Zudem kritisiert die Doku eine 50 Jahre später betriebene Erinnerungskultur, die sich in Floskeln erschöpfte und auf massenkompatible TV-Standardformate zurechtgestutzt wurde.

Doch Stalingrad diente pazifistischen Künstlern in Adenauers erzkonservativer BRD der 1950er Jahre auch als Argument dafür, dem eigenen Gewissen folgen zu müssen angesichts der Remilitarisierung der Gesellschaft. Der westdeutsche Anti-Kriegsfilm »Unruhige Nacht« (1958) spielt kurz vor der Offensive auf Stalingrad und handelt vom seelischen Beistand eines Militärpfarrers (Bernhard Wicki) für einen zum Tode verurteilten Deserteur (Hansjörg Felmy). Regisseur Falk Harnack, 1943 selbst desertiert, demontierte ebenfalls den Mythos der »sauberen« Wehrmacht. Filmisch missglückt ist die Liebesgeschichte des »Fahnenflüchtigen« mit einer ukrainischen Dorfschönheit, deren finnische Darstellerin Ann Savo in heimeliger Holzhütten-Romantik viel schlechtes Russisch spricht. Dafür überzeugt die damals keineswegs selbstverständliche Wehrmachts-Kritik des Werks.

Ein künstlerischer Glücksfall ist schließlich Alexej Germans sowjetischer Anti-Kriegsfilm »20 Tage ohne Krieg« (OmenglUT). Das Schwarz-Weiß-Opus schildert den dreiwöchigen Fronturlaub eines Kriegsjournalisten, dem nach der Hölle in Stalingrad das zivile Leben fremd geworden ist. Er fährt durch zerstörte Landschaften, trifft verstörte Landsleute und erlebt eine flüchtige Romanze. Ohne Heroisierungen und Euphemismen erzählt dieser stille Film eindringlich vom alltäglichen Überlebenskampf einfacher Menschen.

Vom 26.1. bis 6.2. im Zeughauskino, Unter den Linden 2, www.zeughauskino.de

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln