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Bilder aus bewegter Zeit

Martin-Gropius-Bau: »Margaret Bourke-White. Fotografien 1930 - 1945«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Margaret Bourke-White, Fotojournalistin und Kriegsfotografin - die erste Frau von Rang in diesem Metier - wollte das »Auge der Zeit« sein. Sie wurde Chronistin einer welthistorisch bewegenden, verhängnisvollen Epoche. Der Martin-Gropius-Bau zeigt einen Teil ihrer populärsten Fotos, entstanden in den geschichtsprallen Jahren zwischen 1930 und 1945.

Als die in der New Yorker Bronx geborene Tochter eines jüdischen Ingenieurs Ende der 1920er beginnt, technische Architektur aufzunehmen, ist sie 25. Beim Wirtschaftsmagazin »Fortune« ist sie zeitweilig einzige Bildreporterin und fängt, in ihrer Faszination ganz Kind der Zeit, mit der Kamera Großbauten ein. Dank Präsident Roosevelts Politik des New Deal, mit der die Wirtschaftskrise von 1929 überwunden werden soll, schießen die Fabriken aus dem Boden. Nicht der tätige Mensch steht im Zentrum der spektakulären Aufnahmen, sondern das, was er mit Fleiß und Erfindergeist geschaffen hat: einen Wald aus Aluminiumstäben und ihre Lagerhalle; gewaltige Dampfkessel; heiße Schlacke, wie sie in Güterwaggons gischtet; Batterien von Generatoren; eine Entrindungsmaschine für Holz zur Herstellung von Papier; eine Maschine zum Verseilen von Draht zu Kabeln; eine Spinnspule für Kunstseide. Auch Flugzeuge über Manhattan, weit über den Wolkenkratzern. Maschinen in ihrer Schönheit, Eleganz, Zweckdienlichkeit. Manifeste des Glaubens an eine bessere Welt durch technischen Fortschritt.

Im Auftrag von »Fortune« fotografiert Bourke-White 1930 das industrielle Deutschland: riesige Schiffe auf Werften; Hände, wie sie eben Schaltanlagen regieren; den Kulissenbau bei der Ufa; Soldaten auch beim Marsch am Brandenburger Tor. 1932 wird die Reichswehr ihr Thema. Sie besucht ein Übungsgelände in Berlin-Spandau, wo man aufrüstet für das, was kommen wird, und wo man noch in den Unterkünften herumlümmeln kann.

Bourke-Whites Neugier zieht sie weiter, in die Sowjetunion, ein Staat im gigantischen Aufbruch vom Agrarland zur Industrienation. Als Erste überhaupt darf sie in Anlagen fotografieren, ist von den Menschen so beeindruckt, dass sie vom bloßen Maschinenbedienern zu Porträtierten werden. Beim Brückenbau, im Traktorenwerk und am Fließband, in der Kantine, an Dreh- und Hobelbank. Beim Festzurren von Schraubenmuttern auf einem Generatorengehäuse in luftiger Höhe. Stolz lehnt sich der Chefingenieur an sein Werk, ernst beraten sich Gestalter einer Textilfabrik. Schüler einer Klasse blicken verschreckt in die Linse, Frauen warten auf Lebensmittel. Porträtiert sind Priester, Schriftsteller, Stalins Großtante. Stalins Mutter: liebevoll, der Diktator selbst: steif und unnahbar.

Bourke-White besucht 1938 die Tschechoslowakei für das Magazin »Life«, fotografiert Ortschaften, Feldarbeit, die Rüstung in den Betrieben, die Sieg-Heil-Pose der sudetendeutschen Massen. Von der US-amerikanischen Luftwaffe akkreditiert wird sie von Beginn bis Ende des furchtbarsten aller Kriege zur leidenschaftliche wie mutige Chronistin als der ihr unser Respekt gebührt. In Nordafrika erlebt sie die Zerstörung eines Luftstützpunkts der Wehrmacht, in Italien die verlustreiche Schlacht um den Monte Cassino, in Moskau - vom Dach der US-amerikanischen Botschaft aus und im Hotel am Roten Platz - das deutsche Bombardement. Ihre Fotos erscheinen in den USA, geben wieder, was in Europa geschieht.

1945 darf sie mit Militärs nach Frankfurt am Main mitfliegen. Sie fotografiert in Weimar die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Erschütternden Aufnahmen. Sie dienen später als Beweismaterial im Nürnberger Prozess gegen Kriegsverbrecher. Ein Foto geht um die Welt: Häftlinge hinter Stacheldraht, »Die lebenden Toten von Buchenwald«. Bourke-White zeigt auch die andere Seite, den Stadtrat von Leipzig, der sich in letzter Minute feige vergiftete, in seinem Arbeitszimmer liegend.

Und wie sich zaghaft das Leben neu regt. Zwei Steppkes posieren mit großer Schaufel, ein Alter wird verhört. Menschen hocken im zerstörten Anhalter Bahnhof, drängen sich in überfüllten Zügen, enttrümmern. Kinder warten in Borkum auf die Milchausgabe, eine junge Frau in Frankfurt sitzt neben ihrem Rad auf Mauerresten, orientierungslos.

Was die Ausstellung nicht mehr umfasst: Nach dem Krieg interessiert sich die Fotografin für Gandhi und seinen gewaltlosen Widerstand, schlägt Südafrikas Apartheid und die unmenschlichen Lebensbedingungen der Schwarzen in Bilder, dokumentiert das Leid des Korea-Kriegs.

1971 erliegt sie einer Parkinson-Erkrankung.

Martin-Gropius-Bau: Margaret Bourke-White. Fotografien 1930 - 1945. Bis 14. April

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