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Unrecht kennt keinen Verrat!

Peter Kalmbach über die Wehrmachtsjustiz, ein Instrument des Terrors

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Das offizielle Gedenken an die Widerständler des 20. Juli ist heute selbstverständlich. In den 50er Jahren galten diese noch als Landesverräter. Im Remer-Prozess 1952 führte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer jedoch den Nachweis, dass das NS-Regime überhaupt nicht hochverratsfähig gewesen sein konnte. Er brachte es in seinem Schlussplädoyer auf den Punkt: »Unrecht kennt keinen Verrat!«. Dieser Ausspruch ist Grundlage für eine Betrachtung der NS-Justiz, die sich dem Humanismus und der »Majestät des Rechts« verpflichtet fühlt. Das NS-Justizsystem im Allgemeinen und die Wehrmachtsjustiz im Speziellen waren eben keine »normalen«, rechtsstaatlich funktionierenden Institutionen. Sie waren Teil des »gesetzlichen Unrechts«, so der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch, bzw. des brutalen »Maßnahmenstaates«, wie der deutsch-amerikanische Jurist Ernst Fraenkel urteilte. Besonders die Verbrechen der Wehrmachtsjustiz wurden in der Bundesrepublik jahrzehntelang verschwiegen und bagatellisiert. Dabei verhängte diese Mörderjustiz über 30 000 Todesurteile, wovon über 20 000 vollstreckt wurden. Erst 2009 wurden die sogenannten Kriegsverräter durch den Bundestag rehabilitiert.

Peter Kalmbach hat nun ein umfangreiches Buch zur Geschichte und Funktion der Wehrmachtsjustiz vorgelegt, das einen detaillierten Blick auf die Strukturen dieses durch und durch nazistischen Herrschaftsinstruments wirft. Kalmbach zeichnet nicht nur die Strukturen der Wehrmachtsjustiz nach, sondern benennt auch deren ideologische Antriebsfeder. Neben der Vorbereitung des Krieges war der Ausbau der Wehrmachtsjustiz auch davon angetrieben, brutale Mechanismen zu schaffen, die eine Revolution wie 1918 mit allen Mitteln verhindern sollte. Zentrale ideologische Kategorie für die Tätigkeit der Wehrmachtsjustiz war die Einteilung von Soldaten in »Ehrenhafte« und »Ehrlose«. Dies war die »Grenze, jenseits derer man ›schädliche Elemente‹ verortete, die eine Gefahr für die Streitkräfte bedeuteten«. Die Wehrmachtsjustiz radikalisierte sich in diesem Sinne immer weiter und fand ihre mörderischen Höhepunkte mit den Jahren 1944/45, in denen die Standgerichte eine Blutspur quer durch Europa hinterließen.

In seiner Untersuchung macht Kalmbach drei Phasen der Entwicklung der Wehrmachtsjustiz aus: Von 1933/34 bis 1939 wurde die Wehrmachtsjustiz wiedererrichtet und war Teil der Kriegsvorbereitungen; 1939 bis 1944 wurde sie gestärkt und den Erfordernissen des Vernichtungskrieges weiter angepasst; in der Endphase des Krieges schließlich wurden alle Verfahren »in rücksichtsloser Manier und grausamer Härte« durchgesetzt, das »fliegende Standgericht« wurde zum Sinnbild einer völlig enthemmten, alle zivilisatorischen Standards negierenden Militärjustiz.

Kalmbachs Buch ist besonders für diejenigen ein reicher Fundus, die sich intensiv mit der Frage von Funktion und Wirkung der Wehrmachtsjustiz beschäftigen wollen. Doch darüber hinaus dürfte es für historisch und aktuell-politisch interessierte Zeitgenossen höchst aufschlussreich sein. Nicht von ungefähr ist das Vorwort von Ludwig Baumann verfasst. Der Wehrmachtsdeserteur und heute unermüdliche Vorsitzende der Bundesvereinigung Opfer der Militärjustiz e.V. bietet vorweg, was in den geschichtspolitischen Diskussionen der letzten 60 Jahre oft zu kurz kam: nämlich den Blick durch die Brille der Opfer und dem Umgang mit ihnen nach 1945.

Peter Kalmbach: Wehrmachtsjustiz. Militärgerichtsbarkeit und totaler Krieg. Metropol-Verlag, Berlin. 344 S., br., 24,90 €.

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