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Sklavereivorwürfe in Sotschi

Genau ein Jahr vor Olympia überschatten Beschwerden von Menschenrechtsaktivisten die Countdown-Feier in Russland

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Zumindest ein Wermutstropfen mischt sich in den Freudenbecher, mit dem sich Russlands Präsident Wladimir Putin und das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei den heutigen Feierlichkeiten zum Countdown der weißen Olympischen Spiele in Sotschi zuprosten wollen. In genau einem Jahr fällt dort der Startschuss für den ersten Wettkampf. Spielverderber ist die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Sie wirft Russland und den Herren der Ringe vor, Gastarbeiter wie Sklaven auszubeuten. Sie würden für einen Hungerlohn zwölf Stunden täglich malochen, seien in überfüllten Baracken zusammengepfercht und hätten ihre Pässe abgeben müssen, weil die Organisatoren - zu Recht - Fluchtgefahr befürchten, heißt es in einem 67 Seiten starken Report.

Unter den gut 16 000 Serben, Ukrainern, Armeniern, Usbeken, Kirgisen und Tadschiken, die seit 2009 rund um Sotschi schuften, gibt es dem Papier zufolge erschütternde Schicksale. Hunderte Arbeiter wurden von HWR-Mitarbeitern interviewt. Das IOC müsse heute beim Countdown-Fest von Russland »die Achtung von Menschenrechten« einfordern.

Kreml und Regierung haben indes anderes vor. Russland will die Spiele dazu nutzen, sich als jenes »Land der Träume« in Szene zu setzen, das der damalige Präsident Dmitri Medwedew beschwor, als er den Westen als Partner für die Modernisierung Russlands umwarb. Die Spiele sollen zeigen, dass die Modernisierungspläne bereits weit gediehen sind - auch ohne den Westen. Und sie sollen das Russland-Bild aufpeppen. Koste es, was wolle.

Es kostet viel. Umgerechnet 37,5 Milliarden Euro wurden bereits verbaut. Es könnten 50 Milliarden werden, die Spiele von Sotschi daher die mit Abstand teuersten aller Zeiten. Ob der Ertrag den Kosten auch nur annähernd entspricht, bleibt abzuwarten. Experten wie Jewgeni Jassin von der Moskauer Hochschule für Ökonomie haben da ihre Zweifel. Selbst die risikofreudigsten Propheten wagen bisher keine Prognosen zu Besucherzahlen. Auch wenn Russland während der Spiele die umständlichen Einreiseformalitäten vereinfachen und Hotelbesitzern diktieren will, was sie von den Touristen maximal für Übernachtungen kassieren dürfen.

Hinzu kommt der ungelöste Konflikt um das nahe Abchasien, seit 2008 de facto russisches Protektorat, für Georgien aber nach wie vor Teil seines Staatsgebiets. Zwar ist ein neuer Krieg unwahrscheinlich, doch verbales Säbelrasseln durch die neue Führung in Tbilissi halten Kenner für sicher. Allein schon, um den Nachbarn die Spiele zu vermiesen.

Spiele, um die Russland hart gekämpft hat. 2006, als das IOC dem Außenseiter überraschend den Zuschlag gab, hatte Sotschi die Infrastruktur eines Entwicklungslandes. Inzwischen sind zumindest die Wettkampfstätten fertig und haben in Weltcups auch schon den Praxistest bestanden. Dafür hinkt der Bau der Bettenburgen dem Zeitplan hinterher. 24 der insgesamt 43 Hotels sind noch nicht mal im Rohbau fertig.

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