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Vivat! - Vivat?

Die Berliner Ausstellung »Mythos und Wissenschaft« gibt den Auftakt zum Jubiläum 125 Jahre Urania

Das ist mal wieder typisch: die DDR in der Schmuddelecke«, empörten sich einige Erstbesucher der Ausstellung »Mythos und Wissenschaft - 125 Jahre Urania« im Foyer des Hauses des Berliner Bildungsvereins. Nun hat der Kurator zwar in seinem Eröffnungsreferat selbst angemerkt, das Kapitel DDR sei »leider in der rechten Ecke gelandet«, was keine Geringschätzung impliziere. Doch die Frage bleibt, warum die fünf Tafeln zur ostdeutschen Urania (zwei mehr als zum Pendant in Westberlin) nicht chronologisch eingeordnet, sondern abseits aufgestellt wurden. Zumal Wolfgang Wippermann, der wiederholt betonte, allein vollverantwortlich für die Ausstellung und kritikaufnahmewillig zu sein, explizit die DDR-Urania lobte.

Deren Vorträge und Diskussionsveranstaltungen waren immens besucht, ihre Buchreihen und Periodika fanden reißenden Absatz. »Die Urania kannte in der DDR jeder, sie gehörte einfach dazu«, konstatierte der Professor von der Freien Universität. Anders als die Westberliner Urania, die bis in die 80er Jahre unter rückläufigen Besucherzahlen litt, erfreute sich die republikweit agierende DDR-Urania allzeit großer Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Dass es auch in diesem Fall 1990 keine Vereinigung gab, wird in der Schau verschämt mit drei lapidaren Sätzen umschifft: »Die Urania in der DDR ist 1990 aufgelöst worden. Sie ist wie die DDR selber Geschichte. Ihre Aufarbeitung sollte jenseits von Verherrlichung und Schuldzuweisung geschehen.« Kein Wort über Torpedierungen der Treuhand und die sich trotz aller Wirnisse tapfer neugründenden Urania-Vereine in Ostdeutschland.

Die DDR-Urania war am 17. Juni 1954 im Kulturhaus des VEB Kabelwerk Oberspree unter den Namen »Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kennnisse« ins Leben gerufen worden; erst 1966 nahm sie den geschichtsträchtigen Beinamen an. Sie hatte 50 000 Mitglieder und stolze zehn Millionen Konsumenten. »Sie war zwar staatsnah, wurde staatlich finanziert und gefördert, jedoch von den Bürgern als staatsfern wahrgenommen«, erläuterte Wippermann. Überschrieben ist der »abseitige« Ausstellungsabschnitt mit »Volksbildung und Volkspropaganda«. Zu sehen sind nur Funktionärsfotos (Honecker erhält die Goldene Ehrennadel etc). An die Mitbegründer der DDR-Urania, renommierte Wissenschaftler und Verfolgte des NS-Regimes wie die Professoren Samuel Mitja Rapoport, Theodor Brugsch und Hermann Duncker wird weder namentlich noch bildlich erinnert. Aber - und zu Recht - an Julius Schaxel, 1924 Mitbegründer des Urania-Verlages, 1933 im Zuge des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« ins Exil gejagt und 1938 in der Sowjetunion im Gefolge Stalinscher »Säuberungen« verhaftet; 1943 verstarb der Biologe in einem Sanatorium in der Nähe von Moskau unter bis heute ungeklärten Umständen.

Die Gründung der West-Urania, vom Kurator unter den Titel »Kontinuität und Neubeginn« gestellt, war bereits im November 1953 im Senatssaal der Technischen Universität Berlin erfolgt. Die Initiative ging von Otto Henning aus, der nach 1945 im sowjetischen Speziallager Buchenwald und in Waldheim inhaftiert war - nicht zu Unrecht, wie Wippermann bemerkte. Henning war ab 1936 Leiter des Vortragsamtes in Goebbels' Propagandaministerium, »also kein kleiner Nazi«. Bis zu seinem Tod 1970 amtierte er als Programmdirektor der West-Urania. Ob und inwieweit dies die Themenwahl tangierte, wird hier nicht erörtert.

Wohl aber setzt sich Wippermann kritisch mit der Urania im »Dritten Reich« auseinander. In dem nunmehr »gleichgeschalteten« und »arisierten« Verein referierten Größen des NS-Staates wie der spätere Generalgouverneur, »Schlächter von Krakau« Hans Frank und »Reichsjugendführer« Baldur von Schirach. Geboten wurden Vorträge zu »Rassenkunde« (mit »Richtlinien zur Gattenwahl«). Ein Plakat in der Exposition zeigt einen Wehrmachtssoldaten in voller Montur, dahinter Zivilisten mit Koffern. Der »Volksgenosse« wird gemahnt: »Erst siegen - dann reisen!« Mit dem Wissen von heute besonders bizarr erscheint die Ankündigung zu einer Veranstaltung am 8. Mai 1941: »Streifzug durch das europäische Russland«; anderthalb Monate später begann der räuberische und mörderisch Feldzug Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion. In Kriegsjahren dienten, so Wippermann, die Veranstaltungen der Urania der Ablenkung und Zerstreuung. Noch Anfang 1945, als die Rote Armee bereits die Oder erreicht hatte, lud man zu »Frühlingstagen in Dalmatien« ein.

Der Faschismusforscher stellt ein Beispiel mutigen Widerstandes gegen die Nazis heraus: Als im Oktober 1933 Hugo von Abercron, Berufsoffizier, Ballonfahrer und NSDAP-Mitglied, Chef der Urania werden sollte, zog Vorstandsmitglied Fritz Anselm Arnheim vor Gericht. Der Klage des jüdischen Anwalts, damals noch durch den Status »Frontkämpfer« geschützt, wurde stattgegeben. 1935 wurde Arnheim jedoch wegen »nichtarischer« Herkunft ausgeschlossen, 1942 mit Frau und Sohn nach Theresienstadt deportiert und von dort nach Auschwitz in den Tod. Wippermann empfahl der Urania-Leitung, im Jubiläumsjahr endlich eine gebührende Würdigung des von den Nazis ermordeten Juristen zu ermöglichen.

Doch zurück zu den Anfängen. Drei Väter hat die Urania. Die Idee eines »wissenschaftlichen Theaters« stammt vom Astronomen Max Wilhelm Meyer. Er fand einen Gefährten im Leiter der Berliner Sternwarte Wilhelm Foerster, Pazifist und Streiter gegen Antisemitismus. Dritter im Bunde war der sozial engagierte Unternehmer Werner von Siemens. »Die Verbindung von Wissenschaft, Theater und Kapital war genial«, urteilt Wippermann. Am 3. März 1888 fand die Gründungsversammlung statt. Als Namenspatronin wählte man die Muse der Astronomie. »Der Mythos sollte durch die Erkenntnisse der Wissenschaften überwunden und die Welt verbessert werden«, so Wippermann. Inwieweit vor allem letzteres gelungen sei, stellte der Referent seinen Zuhörern als (Nach-)Denkaufgabe anheim, bevor er sie mit einem munteren »Vivat, crescat, floreat Urania!« zum Rundgang durch die Ausstellung bat. Um in dieses »Vivat« einstimmen zu können, wünscht man sich von der Berliner Urania ein souveränes Traditionsverständnis, das den abgeschlagenen Zweig Ost aufpickt.

»Mythos und Wissenschaft - 125 Jahre Urania«, Am der Urania 17, 10787 Berlin, bis 14. Juni (außer 13. bis 25. März), www.urania.de

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