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Europa kündigt der Überfischung den Kampf an

Thilo Maack von Greenpeace über die Entscheidungen des EU-Parlaments zu FischereirefromT

Es war ein historischer Moment für den Meeresschutz, auf den wir und viele andere Meeresschutzverbände lange hingearbeitet haben: Am frühen Mittwochnachmittag hat das Europaparlament mit klarer Mehrheit für eine massive Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik in Europa gestimmt: 502 Parlamentarier stimmten für das Reformpaket, 137 dagegen, 27 enthielten sich - ein historischer Sieg im Kampf gegen die Ausbeutung der Meere! Denn die Fischbestände in Europas Meeren sind nach wie vor überfischt. Die komplett verfehlte EU-Fischereipolitik bedarf dringender Änderungen.

Die wichtigsten Ergebnisse: Ab dem Jahr 2014 soll für die Fischer ein schrittweises Rückwurfverbot gelten. Das bedeutet, sie dürften Meerestiere, die ihnen neben den Zielarten in die Netze gehen, nicht mehr ins Meer zurückwerfen. Unerwünschter Beifang landet gerade bei der industriellen Trawlfischerei in großen Mengen im Netz, wird an Bord aussortiert und tot oder schwer verletzt über die Kante gekippt. Zukünftig soll er an Land gebracht und auf die Fangquote angerechnet werden. Damit schmetterten die Parlamentarier den Versuch der Gegenseite ab, die Rückwurfregelung zu schwächen. Im Gegenteil, die Parlamentarier verschärften sie sogar zu einem klaren Verbot. Allerdings sind nicht regulierte Arten davon ausgeschlossen. Dazu gehört zum Beispiel die Nordseekrabbe und es bleibt abzuwarten, was das Rückwurfverbot für die Krabbenfischer entlang der deutschen Nordseeküste bedeutet. In diesem umsatzstarken Fischereizweig landen besonders viele Beifänge wie Krebse, aber auch Jungschollen und andere Speisefische im Netz. Das muss aufhören! Letztendlich werden die neuen Regeln die europäischen Fischer zwingen, ihre Fangmethoden zu verändern. Sie sollen künftig stärker kontrolliert werden. Ein Fischer, der mehrfach gegen die EU-Auflagen verstößt, soll dann von EU-Beihilfen ausgeschlossen werden.

Auch das Geschachere um Fangquoten soll ein Ende haben. Setzt sich der Vorschlag des Parlamentes in der jetzt folgenden Ratsdebatte durch, sollen effektive Maßnahmen ergriffen werden, um die Fischbestände bis 2015 so stark anwachsen zu lassen, dass sie nachhaltig nutzbar sind. Mehrjahresquoten sind vorgesehen und die Fangmengen sollen nicht höher sein, als es die Wissenschaft empfiehlt. Eine echte Chance für bedrohte Fischbestände, wie dem Nordseekabeljau, sich zu erholen. Die Fischereiregeln sollen für europäische Fangschiffe auch außerhalb europäischer Gewässer gelten. Greenpeace hat im vergangenen Jahr dokumentiert, wie die europäischen Industrieschiffe die Meere vor der westafrikanischen Küste ausbeuten. Die neuen Fischereiabkommen mit dieser Region sollen wesentlich stärkeren Nachhaltigkeitskriterien folgen.

Soweit die guten Nachrichten - nun gilt es, die Erfolge des EU-Parlamentes im Ministerrat zu konsolidieren. Länder wie Frankreich und Spanien vertreten dort die Interessen der Überfischungsindustrie und haben sich in der Reformdebatte der letzten Monate hartleibig gezeigt. Die Verflechtungen zwischen Fischereipolitik und -industrie sind massiv. Greenpeace belegte gerade am Beispiel des britischen Fischereiverbandes, wie ausländische europäische Fischereibarone die englische Fischereilobby lenken und die Regierung beeinflussen.

Das EU-Parlament will außerdem der kleinen, handwerklichen und nachhaltigeren Fischerei bevorzugte Zugangsrechte zu den Fangmöglichkeiten gewähren. Auch das ist ein Riesenerfolg, der hoffentlich durch die Fischereiminister nicht weiter aufgeweicht wird. Nur so kommt der dringend notwendige Paradigmenwechsel in der europäischen Fischereipolitik wirklich zustande.

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