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»Ich hätte sterben können«

Ex-Radprofi Jörg Jaksche aus Ansbach bringt neuen Schwung in den Fuentes-Prozess

  • Von Jonathan Sachse
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Prozess gegen Dopingarzt Fuentes geht die Zeugenvernehmung weiter. Am Montag war Ex-Radprofi Jörg Jaksche an der Reihe, der den Skandalmediziner schwer belastete. Entgegen dessen Darstellung sei es nie um die Gesundheit gegangen, sondern stets nur um Doping.

Mit einer ausführlichen Aussage hat der der ehemalige deutsche Fahrer Jörg Jaksche dem Prozess rund um die die Dopongmachenschaften des Mediziners Eufemiano Fuentes neues Leben eingehaucht. Der Dopingarzt Fuentes wurde vom Ansbacher schwer belastet: Jaksche sagte vor Gericht in Madrid aus, dass Fuentes ihn »nie aus gesundheitlichen Gründen« behandelt habe, sondern »allein um zu dopen«. Des weiteren beschuldigte er seinen ehemaligen Teamchef, den Mitangeklagten Manolo Saiz: Dieser habe die Dopingbeziehung ins Leben gerufen.

»Fuentes hat mit mir nie über die Risiken gesprochen... Bei Behandlungen wusste ich nicht, ob das Blut auch aus meinem Beutel stammte. Er bestätigte mir dies, aber ich konnte mir nicht sicher sein«, berichtete Jaksche am Montag während seiner mehr als vierstündigen Aussage vor Gericht. Auf einen falschen Blutbeutel angesprochen, den Ex-Profi Tyler Hamilton erhalten haben soll, beschrieb er eigene Ängste: »Ich hätte sterben können.«

Diese Aussagen könnten dem Angeklagten Fuentes zu schaffen machen. Denn beim Prozess gegen ihn und die vier Mitangeklagten geht es vordergründig nicht um Doping. Da zum Zeitpunkt der Offenlegung des Dopingnetzwerkes im Mai 2006 noch kein staatliches Antidopinggesetz existierte, stehen die Angeklagten auf Grund eines »Verbrechens gegen die öffentliche Gesundheit durch Handel mit schädlichen Substanzen und deren Verabreichung« vor Gericht.

Fuentes verteidigte sich in den vergangenen zwei Wochen stets mit gesundheitsfördernden Motiven, die ihn bei der Behandlung der zahlreichen Athleten geleitet hätten. So hätten laut Fuentes die Fahrer einen zu niedrigen Hämatokritwert gehabt, so dass eine Behandlung bei den geforderten Leistungsansprüchen notwendig gewesen sei. Diesem Motiv widersprach Jaksche mit seinen gestrigen Aussagen deutlich.

Vieles hatte Jaksche bereits gegenüber anderen Institutionen verraten: Dem Bundeskriminalamt 2006, der Staatsanwaltschaft Ansbach 2007 oder zuletzt vor der USADA 2012. Ein paar Schilderungen der Dopingpraxis waren bislang aber unbekannt.

So berichtete Jaksche von einem Besuch bei Fuentes 2006. Damals habe der Dopingdoktor ihm eine Karte aus dem offiziellen Tour-Programmheft gezeigt, in der Codenummern mit eingezeichnet gewesen seien, die für die jeweiligen Etappen die Transfusionen von Fahrern terminierten. »Man konnte ganz Frankreich auf der Karte nicht mehr sehen«, schilderte Jaksche den Umfang der geplanten Blut-Reinfundierungen. Dieser Plan wurde nach den Razzien in den Wochen vor der Tour 2006 aber nicht mehr umgesetzt.

Bereits gestern hatte Jörg Jaksche im Interview mit »nd« wenig Hoffnung in den Prozess gelegt, der von der Richterin Julia Patricia Santamaría geleitet wird. In den nächsten Wochen wird Fuentes noch viel Gelegenheit bekommen, sich gegen die Jaksche-Aussagen zu wehren. Mehr als 20 Fahrer werden noch verhört. Am Montag wurde nach Jaksche der Italiener Ivan Basso über eine Videokonferenz aus Teneriffa in den Gerichtsaal hinzugeschaltet. Ähnlich hatte es Alberto Contador für den 22. Februar geplant. Doch das Gericht beschloss am Montag, dass der Spanier vor Ort erscheinen muss. Parallel hat die spanische staatliche Anti-Doping-Agentur AEA ein Verfahren gegen den Fußballklub Real Sociedad San Sebastian begonnen. In der vergangen Woche veröffentlichte die Zeitung »El Pais« Dokumente, welche Dopingverbindungen zwischen dem spanischen Erstligisten und Fuentes belegen sollen. Die Leiterin der AEA saß am Montag ebenfalls im Gerichtssaal und beobachtete den Prozess von der Zuschauertribüne aus. Ihre Ermittlungen gehen bis in höchste Kreise des spanischen Fußballverbandes - bis hin zu José Luis Astiazarán. Der ist seit 2005 der Präsident der spanischen Fußballliga und Vizepräsident des Fußballverbandes. Er soll in den Jahren zuvor - als Präsident von San Sebastian - die Dopingmittel persönlich bei Fuentes geordert haben.

Unabhängig vom finalen Richterspruch in Madrid kann dem Prozess gegen Fuentes somit schon etwas Gutes abgewonnen werden. Wäre das Verfahren gegen Fuentes nicht mehr aufgenommen worden, hätten die Recherchen zu weiteren Kunden von Fuentes womöglich nie begonnen.

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