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Das Leben hat was

Mit Gisela Steineckert im Gespräch

Sie hat viele Bücher geschrieben, unzählige Gedichte und Liedtexte. Menschen - vor allem jene, die in der DDR aufgewachsen sind, haben die Lieder im Ohr - mitunter ohne zu wissen, wer sie verfasst hat. Der »Einfache Friede«, »Komm, wir malen eine Sonne« oder »Als ich fortging« stammen der Feder dieser Künstlerin. Gisela Steineckert: Mit ihr ist Irmtraud Gutschke über viele Monate im Gespräch gewesen - über ihre künstlerische Arbeit, die Erfahrungen ihres Lebens, über Glück und Ängste, über Liebe und Älterwerden. So entstand der Band »Das Leben hat was«, der dieser Tage in der Editionsreihe von »neues deutschland« und dem Verlag Das Neue Berlin erscheint.
Das Leben hat was

nd: Entstehen Lieder manchmal auf Bestellung? Kommen Interpreten zu dir und wünschen sich was?
Steineckert: Wenn es so ist, mache ich mir erst einmal ein Bild: Wie er oder sie ist, und wie er oder sie sein könnte. Ich freue mich, wenn es dann heißt, mir sei ein Text gelungen, der passt. Das sind meine Gedanken, das sind meine Gefühle, das sind meine Absichten, das ist meine Weltanschauung - so sagten es Angelika Neutschel oder Gisela May. Oft aber ist der Mantel, den ich demjenigen umlege, eigentlich noch zu groß, da muss er oder sie erst reinwachsen. Das wünsche ich mir ...

Ich kann nicht für jemanden schreiben, den ich nicht erkenne. Und: Ich will, dass mir die Interpreten die Lieder wegnehmen, dass sie ganz und gar zu ihnen gehören. Ich höre, ob das gelingt. Wenn Jürgen Walter auf der Bühne steht, für den ich etwa 400 Lieder geschrieben habe, oder Frank Schöbel oder Veronika Fischer, dann denken sie schon nicht mehr daran, dass es meine Lieder sind.

Vielleicht dein bekanntestes Lied: »Als ich fortging« für Dirk Michaelis. Gab es einen bestimmten Anlass dafür?
Eines Tages stand ein blutjunger Kerl vor meiner Tür mit seiner hochschwangeren Frau - lange Haare, kurze Hosen - und überreichte mir eine, heute altmodische, Kassette: Das ist eine Ballade, die musst du machen. Ich habe sie liegen lassen. Als ich die Kassette schließlich zurückzuschicken wollte, dachte ich: Jetzt muss ich es wenigstens anhören. Er wird mich ja fragen. Setzte mich hin, schaltete meinen Kassettenrekorder ein ... Lieder sind ja sehr lebendige Wesen, Kobolde, sind Aufdecker von vielen Gedanken, die man nicht mal zugeben würde.

Was ich alles empfunden habe an diesem Vormittag im Jahr 1986. Die Haushälterin war laut, mein Mann war da, das Telefon hat geklingelt. Und ich saß da und habe aufgeschrieben, was mir die Musik erzählte. Jetzt wollen manche aus mir rauskriegen, dass es ein Lied des Abschieds von der DDR gewesen ist.

Seltsam, bei mir kam das überhaupt nicht so an.
Auf andere hat es so gewirkt: »Nichts ist von Dauer, was keiner recht will«. In meiner Seele können viele Dinge gewesen sein. Dirk Michaelis jedenfalls hat mir gestanden, dass er wie erschlagen war: Was er sich als kleiner Junge bei dieser Melodie gedacht hatte, habe ihm der Text erzählt. Seine Mama sei verlassen worden, war todtraurig, er wollte ihr ein Geschenk machen und hat diese Musik für sie auf dem Klavier komponiert. Er hat sie mir ja erst über zehn Jahre später gegeben, erst als die Mama ihm zugeredet hat.

Und wie hast du die Musik verstanden?
Als die Geschichte eines Mannes, der weiß, er muss eine Frau verlassen. Es tut ihm weh, und er spürt auch ihre Schmerzen. Aber es muss sein. Ach, ich habe inzwischen so viele Briefe gekriegt mit Auslegungen dieses Textes. Ein Mann schrieb mir, dass es um einen Ehemann mit drei Kindern geht, der sich von seiner Frau trennt wegen einer Geliebten, und ich als Autorin würde ihm sagen, er solle nach Hause zurückkehren und sich um die Kinder kümmern. Das steht überhaupt nicht drin, aber es ist wohl seine Geschichte.

Ich merke immer: Wenn Dirk anfängt, das zu spielen, erst mal nur die Musik, rücken sich die Leute zurecht. Um fünf Zentimeter näher, oder sie trennen sich. Tränen rinnen. Sie erinnern sich an sich selber. An Dinge, die sie erlebt haben. Andere gucken nach unten, weil sie sich genieren. Ein Glücksfall, wenn ein Lied hilft, dass Menschen für ihr eigenes Leben Gefühle zulassen können.

Eines deiner Bücher heißt »Das Schöne an den Frauen«. Da denke ich zuerst an das Mütterliche ...
Die Arme zu öffnen und ein Wesen, das jetzt diese Wärme braucht, einfach aufzunehmen, ohne nachzurechnen, was es kostet und was es bringen könnte. Und hinzu kommt die Fähigkeit, mit Niederlagen so fertig zu werden, dass man mit einer Idee daraus hervorgeht. Müssen Frauen ja, sie können ihre Brut nicht im Stich lassen und sich selber auch nicht.

Die bei Frauen anzutreffende Selbsterkenntnis haben Männer oft nicht. Frauen können durchaus eigene Schwächen und Grenzen anerkennen, ohne ständig gegen sie anzukämpfen. Das heißt nicht, dass diese Grenzen bestehen bleiben müssen. Auch halte ich es für eine weibliche Eigenschaft, es in keiner Weise für ehrenrührig zu empfinden, wenn man sich etwas erklären lässt, um es zu begreifen.

Wovor Männer Hemmungen haben, weil sie untereinander konkurrieren?
Genau. Und es ist auch eine weibliche Eigenschaft, dass nur intellektuelle Emanzen einen Genuss daran haben, andere Frauen auszustechen.

Dagegen ist es ein großes, sinnliches und intellektuelles Vergnügen, Frauen zu helfen, sich von ihnen helfen zu lassen, einfach mit ihnen gut zu sein. Das habe ich nicht gewusst, als ich 30 war. Da wollte ich auch Siegerin sein über andere. Aber das Leben hat mich gelehrt, wie viel leichter die Welt ist, wenn man sich auf die andere verlassen kann ...

Und was ist »Das Schöne an den Männern«, wie ein anderes Buch von dir heißt?
Das Schöne ist, dass sie allmählich ihre Maßstäbe verändern, dass sie aufhören, das Soldat-Sein in sich zu pflegen. Meine Generation wurde ja noch konfrontiert mit Männern, die solche Vorstellungen sogar mit in die Ehe brachten. Männer wie Kompanieführer, die ihre Mannschaft - das heißt also Frau und Kinder - auf Zack bringen wollten.

Selbst der wunderbare, von mir sehr verehrte Victor Klemperer hat doch immer wieder diesen Adam herausgekehrt, indem er Eva aufzuhalten suchte: »Die soll nicht komponieren.« Vierpfotig nennt er es, wenn sie mit jemandem Orgel spielt. Und wirklich sind ihre Bilder, ihre Kompositionen alle verloren, aber seine Tagebücher sind gerettet, unter Lebensgefahr hat sie das getan.

Das Schöne an den Männern ist für mich, wenn man auf selbstverständliche Weise mit ihnen reden kann, wenn Hilfe als Teil der gemeinsamen Arbeit betrachtet wird, Kochen oder Denken, egal. Ich setze mich deinem Urteil aus, wenn ich dir vertrauen kann.

Aber du hast auch das Gegenteil erlebt?
Wenn das, was in mir eigenständig sein wollte, bekämpft wurde als ein Mangel an Liebe. Ein Mangel an Zusammengehörigkeit. Als Untreue. »Warum schreibt die Gedichte, wenn die mit mir verheiratet ist? Warum hört die nicht auf, ihre eigenen Urteile zu finden, warum? Ich habe ihr doch gesagt wie es ist?« Das denkt er vielleicht nicht mal bewusst. Aber die Männer der Generation, mit der wir es aufnehmen mussten, sahen es in der Regel so: »Es ist gesagt, was Sache ist, also brauchst du doch nicht länger zu grübeln. Macht bloß hässlich, back lieber einen schönen Kuchen.«

Gibt es Dinge, von denen du sagst, das habe ich versäumt?
Augenblicke. Da sehe ich merkwürdigerweise sofort Bilder vor mir. Den unvergleichlichen Sonnenuntergang am Attersee zum Beispiel, wo ich mal als Zwölfjährige war. Als erwachsene Frau konnte ich sehen, was ich damals nicht erkennen konnte. Aber ich habe die Eile von mir Besitz ergreifen lassen, statt in Ruhe zu schauen. So habe ich in vielen Situationen meines Lebens versäumt, auf mir selbst zu bestehen. Ich habe fremden Wünschen, Forderungen oder vermeintlichen Zwängen nachgegeben. Ich habe versäumt, meine eigene Haltung so zu festigen, dass man sie mir nicht ausreden konnte. Ich habe mir Dinge einreden lassen, die in der Tiefe meiner Seele nicht ankamen, die aber so fundiert schienen, dass ich mir nicht zutraute, sie zu widerlegen. Ich habe versäumt, Pausen zu machen, als ich sie dringend gebraucht hätte, um zu mir selber zu kommen. Eine Trauer wirklich auszuleben, einen Verlust zu verwinden. Oder einen Gewinn zu genießen. Es hat mich immer weiter getrieben.

Auf sich selber hören - etwas, das jüngere Leute vielleicht besser können?
Ich denke, man muss es lernen. Schon als Laura, meine Enkelin, zwei Jahre alt war, habe ich immer nachgefragt: Möchtest du das? Gefällt dir das? Findest du das schön? Ich habe ihr immer die Wahl gelassen. Anders als in meiner Kindheit, als es keine Wahl gab, nur Befehle. Der Druck, dem ich ausgesetzt war, hat bewirkt, dass ich mein eigenes Urteil über Dinge die mir wichtig waren, nur heimlich, nur mit schlechtem Gewissen ausbilden konnte. Das betraf das Lesen ebenso wie das Nachdenken, das Einfach-Dasitzen. Aber wenn man ein Kind in diesem Sinne frei lässt, entsteht ein völlig anderes Selbstbewusstsein. Das merke ich an meiner Enkelin, die niemals vor uns Angst gehabt hat. Die sich als kleines Mädchen schon vertrauensvoll an uns gewandt hat, um unsere Kraft in Anspruch zu nehmen, aber nie in dem Sinne, dass sie sich geringer gefühlt hätte.

Bei mir aber hat es Jahrzehnte gedauert, dass ich mich getraut habe, auf meiner Empfindung, auf meiner Abneigung oder meinem Wunsch, etwas zu tun, tatsächlich zu bestehen. Bis heute bin ich von Leuten irritiert, die glauben, in allem recht zu haben und auf andere herabschauen. Und eine Situation, in der mich jemand schlecht, niederträchtig, herablassend behandelt, bringt den ganzen Schrecken meiner Kindheit wieder hoch.

Von deinen Liedern bis zu deinen Veranstaltungen: Siehst du es auch so, dass in deiner Kunst ein therapeutischer Ansatz steckt?
Da gebe ich dir recht. Ich betreibe das natürlich nicht wie ein Gewerbe, manchmal geschieht es auch unbewusst. Aber in meinen Liedern stecken wohl die Erfahrungen, die ich als höchst verletzbares kleines Wesen gemacht habe, mit Gewalt, mit Unmoral, mit dem Hässlichen in einem umfassenden Sinn.

Vielleicht liegt es mir deshalb so am Herzen, für liebevollen Umgang, für Verständnis, Friedfertigkeit miteinander zu werben. Nicht Versöhnung mit allem und jedem, da gibt es Grenzen. Aber inmitten unserer sterblichen Meute, die wir alle eine Mischung sind aus Fehlverhalten und richtigem Trachten nach Lösungen, muss es möglich sein, einander zu helfen.

Das meine ich eigentlich: helfen. Das ist etwas, was mich zutiefst befriedigt, wenn es gelingt. Mich neben jemanden zu stellen, dem gerade Unrecht geschieht, mich an das Glockenseil zu hängen und zu läuten: Hier geschieht Unrecht, mitten in der DDR, mitten im Alltag. Da braucht man Hilfe. Jochen Hoffmann, der Kulturminister, hat mir in solchen Situationen mehrmals beigestanden. Er hat es mir schon angesehen: »Bist du wieder unterwegs mit deiner Hebammentasche?« Wenn ich ihn bat, du musst helfen, ich schaffe es alleine nicht, hat er mir beigestanden.

Auch Egon Krenz konnte ich um Hilfe bitten. Wenn da zum Beispiel irgendwo für die Singebewegung, für die ich mich ja engagiert habe, wie du weißt, Befehle erlassen wurden, dass man keine Jeans anhaben darf, wenn man auf der Bühne ein politisches Lied singt, oder dass die Jungs keine langen Haare haben sollen.

So ein Blödsinn! Dass man sich überhaupt damit auseinandersetzen musste ...
Du hattest es in der DDR doch mit solchen Starrsinnigkeiten zu tun, wenn du im Lande agieren, es besser machen wolltest und es dir nicht genug war, dich ärgerlich zurückzuziehen. Das war etwas, was meinen Mann und mich, als wir zusammengekommen sind, aufs Innigste verbunden hat. Der war genau so. Der war nicht vorsichtig. Der war überzeugt - wir waren uns einig darin, dass man eines nicht werden darf vor sich selber: schäbig. Vor der ganzen Welt, davor ist man nicht gefeit.

Mich fasziniert immer, wie du in Lesungen eine Aura um dich verbreitest, die etwas geradezu Heilendes hat. Es gibt Kunst, die in Bezug auf das Publikum zweckfrei ist. Es findet dann Widerhall, wie eine gequälte Seele sich entäußert. Bei dir ist aber, wie es scheint, eine Absicht dahinter: Etwas wieder heil zu machen. In den Menschen, die das lesen, die das hören, in dir selber auch.
Ich kann gar nicht anders. Das ist meine Art. Ein Drang, aus dem alles erwächst, was ich mache. Wenn mir jemand ein Buch zum Signieren hinhält und mit meinem Namenszug zufrieden wäre, frage ich erst mal: Wie heißt du denn? Und wer kriegt das Buch? Die Leute in der Schlange sind dann ganz geduldig, sie denken, die fragt mich dann auch. Das sind Begegnungen, die nachwirken in mir. Was ich aus Bedürfnis und mit Leichtigkeit gebe, davon kriege ich viel mehr zurück. Diese Freundlichkeit, in erhabenem Sinne Freundlichkeit, die sich zwischen den Menschen und mir abspielt, davon lebe ich.

Das ist mein tiefstes Lebensgefühl: Wir gehören zusammen. Wir wissen voneinander. Ich weiß nicht, ob wir uns schon mal gesehen haben, aber so, wie du mich anschaust, so schaue ich dich an. Ich lege meine Hände auf den Bauch einer im neunten Monat Schwangeren und sage: Glück und Segen für dich da drin, hab's gut und dann komm raus, schau dir alles an. Später ruft mich die Mutter an, dass sie in derselben Nacht ihr Kind geboren hat. Das ist nicht durch eine Kraft zu erklären, die ich hätte, es ist nur ein Impuls: In dem Moment will ich das so, brauche ich das so.

Ich würde unglücklich sein, wenn man das, was ich zu machen versuche, nur als Selbstentäußerung verstehen würde.

Buchpremiere:

nd im Club, 20. Februar . 18.30 Uhr

Shopartikel:

Irmtraud Gutschke: Gisela Steineckert. Das Leben hat was

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