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Eine Form der Selbstverteidigung

  • Von Dario Azzellini
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Wahl diverser Mitte-Links und linker Regierungen in Lateinamerika in den vergangenen 15 Jahren und die aktuellen Friedensgespräche zwischen der FARC-Guerilla und der kolumbianischen Regierung haben der Frage, ob denn der bewaffnete Kampf in Lateinamerika für die Linke noch eine Option darstelle, wieder Aktualität verliehen. Die Frage taucht seit Jahrzehnten mit aller Regelmäßigkeit wieder auf. So wurde der bewaffnete Kampf in Lateinamerika nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für obsolet erklärt und den kolumbianischen Guerillagruppen wurde damals ein rasches Ende, aufgelöst im Sog der Geschichte, vorausgesagt.

Das Gegenteil war der Fall. 1994 betrat die zapatistische Guerilla EZLN in Mexiko die politische Bühne und interpretierte den bewaffneten Kampf neu. In Kolumbien wuchsen die beiden Guerillas FARC und ELN wie nie zuvor. Das Entstehen und Bestehen von Guerillagruppen in Lateinamerika ist nicht von internationalen Faktoren abhängig, sondern von jeweils nationalen Kontexten.

»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«, so Karl Marx. Die Option des bewaffneten Kampfes ist in der Regel keine voluntaristische Entscheidung, sondern darauf zurückzuführen, dass die Bedingungen für eine legale effektive politische Betätigung fehlen.

Dies ist auch in Kolumbien der Fall. Vom 1. Januar 1986 bis 31. Dezember 2012 wurden insgesamt 2949 Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen ermordet. Kolumbien ist auch das Land Lateinamerikas, in dem die meisten Journalisten ermordet werden. Regierung, Eliten, transnationale Unternehmen und Drogenmafia arbeiten in wechselnden Konstellationen zusammen, um jegliche Opposition regelrecht zu vernichten. Der ehemalige Präsident Alvaro Uribe gehörte laut US-Geheimdiensten in den 1990er Jahren zu den 100 wichtigsten Drogenhändlern Kolumbiens und war zentral am Aufbau paramilitärischer Gruppen beteiligt, die in den vergangenen Jahrzehnten zehntausende Kolumbianer und Kolumbianerinnen ermordet haben. Ihre Dienste wurden von transnationalen Unternehmen wie Exxon/Esso, Nestlé, Chiquita und Coca-Cola in Anspruch genommen, und in Wahlen sorgen die Paramilitärs für die gewünschten Ergebnisse. Dabei konnte sich die kolumbianische Regierung stets der Unterstützung durch die US-Regierung und auch der europäischen Regierungen sicher sein.

Es sind also die Umstände, die den bewaffneten Kampf hervorbringen. Aus diesem Grund sind in Mexiko in den vergangenen 20 Jahren nach unterschiedlichen Quellen 150 bis 300 bewaffnete linke Organisationen entstanden. Die brutale Niederschlagung breiter linker Bewegungen und die Verhinderung linker Wahlsiege durch massiven Wahlbetrug bildeten den Nährboden für das Aufblühen des bewaffneten Kampfes. Es ist also kaum von Bedeutung, wenn Intellektuelle oder Journalisten den bewaffneten Kampf für obsolet halten, die Realität spricht eine andere Sprache.

Allerdings ist festzustellen, dass die Option einer bewaffneten Revolution in Lateinamerika obsolet ist. Ein militärischer Sieg wie etwa in Kuba oder Nicaragua kann heute weitgehend ausgeschlossen werden. Moderne Kriegführung ist technologisch derart hoch entwickelt, dass eine Guerilla nicht mithalten kann. Sollte wider Erwarten doch ein militärischer Geniestreich gelingen, würden es die USA ganz sicher nicht tolerieren, dass eine sozialistische Regierung bewaffnet an die Macht kommt. Allerdings zeigt Kolumbien aber auch, dass eine Guerilla mit langer Erfahrung und Verankerung in der Bevölkerung ebenfalls nicht besiegt werden kann. Es ist diese Pattsituation, die kolumbianische Guerilla und Regierung an den Verhandlungstisch bringt.

Zugleich lässt der Sturz der demokratisch gewählten linken Regierungen in Honduras 2009 und in Paraguay 2012 darauf schließen, dass die Rechte, die Oberschichten, transnationale Unternehmen sowie die USA und diverse europäische Staaten nicht bereit sind, demokratisch gewählte linke Regierungen zu akzeptieren. Während die nach dem Sturz der Präsidenten Zelaya und Lugo eingesetzten De-facto-Regierungen in Lateinamerika weitgehend isoliert blieben und nicht anerkannt wurden, können sie beide auf Anerkennung aus den USA und aus der EU zählen. Diverse Regierungen, Parteien und ihnen nahestehende Institutionen haben die Umstürze nicht nur wohlwollend anerkannt, sondern waren auch aktiv an ihrem Zustandekommen beteiligt, wie etwa die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung (FNS) im Falle des Militärputsches gegen Präsident Zelaya in Honduras oder der Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung für Putschisten in Venezuela.

Es ist also nicht der bewaffnete Kampf, der in Lateinamerika obsolet ist, sondern die Vorstellung der alle repräsentierenden Guerilla, die eine bewaffnete Revolution durchführt. Die Guerilla im 21. Jahrhundert in Lateinamerika füllt eher eine lokale Schutzfunktion aus, eine Art Selbstverteidigung der Basis. So nehmen die Auseinandersetzungen zwischen den Mapuche und den Holzunternehmen in Südchile zunehmend militärische Züge an, und in Venezuela bilden sich bewaffnete Gruppen, um sich gegen Killer von Großgrundbesitzern, Paramilitärs und Drogenmafia zu schützen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Bandenkriminalität und Drogenbusiness in den vergangenen Jahren in Lateinamerika weitaus mehr Todesopfer gefordert haben als die meisten Kriege.

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