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Tragik eines roten Napoleons

Vor 120 Jahren wurde Michail Tuchatschewski geboren

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»Wenn ich mit Dreißig nicht General bin, begehe ich Selbstmord«, soll er als 20-jähriger Student an einer zaristischen Offiziersschule ehrgeizig verkündet haben; in der Tat schloss er die Smolensker militärische Kaderschmiede als einer der drei Lehrgangsbesten ab. Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski, vor 120 Jahren, am 16. Februar 1893 in einer adligen Familie geboren, war eine Ausnahmeerscheinung im sowjetischen Militär. Die Verwandlung der vor nunmehr 95 Jahren gegründeten Roten Armee zu einer der modernsten und schlagkräftigsten Streitkräfte des 20. Jahrhunderts verdankt sich vor allem ihm. Der 23. Februar wird übrigens noch im heutigen Russland als Tag der Streitkräfte begangen.

Genial und grausam

Schon mit 27 Jahren erwies sich Tuchatschewski im Bürgerkrieg auf Seiten der Sowjetmacht als herausragender Heerführer. Seine strategischen Entscheidungen im Kampf gegen die Weißen werden von Militärhistorikern als geniale Schachzüge gefeiert. Tuchatschewski hatte frühzeitig die Vorzüge eines mechanisierten Bewegungskrieges erkannt. Seine Erfolge beruhten jedoch auch auf gnadenloser Härte gegen jeden, der als Feind ausgemacht war. So ließ er den Tambower Bauernaufstand 1921 unter Einsatz von Giftgas und mit Geiselerschießungen niederschlagen. Ende der 20er Jahre unterbreitete er dem ZK der KPdSU das Projekt einer vollständigen Militarisierung der Volkswirtschaft und den Aufbau einer riesigen Panzerarmee; sein Plan wurde verworfen. Tuchatschewski, genannt auch »Roter Napoleon«, polarisierte. Er erkannte die Autorität des Verteidigungsministers Woroschilow nicht an, bezeichnete diesen gar öffentlich als Dummkopf. Der persönliche Konflikt sollte spätestens Mitte der 30er Jahre eine verhängnisvolle politische Dimension erreichen.

Damals befand sich die Sowjetunion trotz gewisser Erfolge auf außenpolitischem Parkett (Aufnahme in den Völkerbund) noch immer in internationaler Isolation. Stalin ging davon aus, dass es unabwendbar zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem imperialistischen Umfeld kommen würde, unklar war nur wann und gegen wen konkret. Die Gefahr nahm Gestalt an, als Hitlerdeutschland seinen Vier-Jahresplan zur Schaffung einer kriegstüchtigen Armee startete und Großbritannien sowie Frankreich untätig zusahen. Der Kampf in Spanien verlief nicht wie von Antifaschisten erhofft. Und die japanische Armee eroberte die Mandschurei.

Aus Stalins Sicht musste nun schnellstens eine hoch qualifizierte und ihm absolut ergebene Armeeführung installiert werden. Das sowjetische Militär schien tief gespalten und handlungsunfähig durch die Fehde zwischen Woroschilow und seinem 1. Stellvertreter und Generalsstabschef Tuchatschewski. Während letzterer Armeegeneräle wie Gamarnik, Uborewitsch und Jakir auf seiner Seite wusste, hielten zu Woroschilow der legendäre Marschall Budjonny sowie Jegorow und Stalins Duzfreund Schaposchnikow. Die Lage spitzte sich zu, als Tuchatschewski im Mai 1936 von Stalin die Absetzung des Ministers verlangte. Der Herr im Kreml hielt an dem ihm treu ergebenen Woroschilow fest. Noch im gleichen Jahre begann die Verhaftung hochrangiger Offiziere. Bis Ende 1937 waren Tuchatschewski und 14 weitere hohe Generäle erschossen. Angenommen wird, dass bis 1938 zwei Prozent der Armeeoffiziere hingerichtet wurden. Unter jenen vom Rang eines Brigadegenerals aufwärts gar 50 Prozent. Auffallend war der hohe Anteil von Offizieren nicht-russischer Nationalitäten unter den Opfern der »Säuberung« in der Roten Armee.

Stalin glaubte, sich diesen Aderlass leisten zu können, da eine neue Generation von hoch qualifizierten und weniger von den politischen Wirren und Fraktionskämpfen der 20er/Anfang 30er Jahre belasteten Kommandeuren herangewachsen sei. Zudem hatte die jüngere Garde bereits Kriegserfahrungen gesammelt, so in Spanien und am Chalchin Gol. Sie war tatsächlich den deutschen Armeeführern nicht nur ebenbürtig, sondern sogar überlegen, wie sich erweisen sollte. Die faschistische Generalität wurde im Großen Vaterländischen Krieg von Schukow, Wassilewski, Konew, Rokossowski, Malinowski, Tschuikow, Bersarin u. a. geschlagen.

Stalins Irrtum

Es zu bezweifeln, dass die Ermordung Tuchatschewskis und all der anderen schuld an den katastrophalen Niederlagen und den ungeheuren Verlusten der Roten Armee 1941 war. Vielmehr war es Stalins Irrtum, dass Hitler keinen Zwei-Fronten-Krieg riskieren würde. Er glaubte nicht den ihm auf verschiedenen Wegen, unter anderem vom britischen Premierminister Churchill und dem eigenen Kundschafter Richard Sorge aus Tokio übermittelten Hinweisen auf die unmittelbar bevorstehende deutsche Aggres-sion. Die Unterschätzung der Gefahr nährte sich aus ziemlich exakten Informationen zum Militärpotenzial Hitlerdeutschlands, zur Stärke der Wehrmacht, der Rüstungsproduktion und Treibstoffversorgung, die aus diversen Quellen zu Stalin gelangten, vor allem durch die sogenannte Rote Kapelle, namentlich durch Leopold Trepper und Alexander Rado sowie die deutschen Antifaschisten Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack. Stalin mochte nicht glauben, dass Hitler die Sowjetunion tatsächlich für einen »Koloss auf tönernen Füßen« hielt, den die deutsche Armee in zwei Monaten zerschlagen würde. Die daher völlig unvorbereitete Rote Armee hatte in den ersten Monaten des am 22. Juni 1941 beginnenden Krieges denn auch keine Chance gegen den Aggressor. Die schließlich kriegswendenden Siege von Stalingrad und Kursk über die deutsche Wehrmacht verdankten sich großteils den strategischen Konzepten und der Aufbauarbeit Tuchatschewskis, der derweil längst vergessen war.

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