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Nur eine kann sich noch befreien

Favoritin Darja Domratschewa gewinnt doch noch den WM-Titel, der Deutschlands Biathleten verwehrt blieb

  • Von Oliver Händler, Nove Mesto
  • Lesedauer: 5 Min.

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Bis zuletzt hatten die deutschen Biathleten noch auf den viel beschworenen Befreiungsschlag bei dieser WM gehofft. Doch der gelang einer anderen Favoritin.

»Yes! Odin«, brüllte Klaus Siebert englisch und russisch ins Funkgerät. Nur »einen« Fehler hatte sich seine Athletin Darja Domratschewa beim letzten Schießen dieser WM geleistet. Genug, um endlich Gold zu gewinnen. »Das ist ein Befreiungsschlag«, freute sich der Trainer des Teams Belarus nach dem Massenstartrennen. »Darja hatte sich immer mit einem schlechten Schießen die Ergebnisse versaut. Heute war das Glück auf unserer Seite.«

Auch Domratschewa fiel ein Stein vom Herzen. Die schnellste Frau im Feld der Biathletinnen war wie das deutsche Team als Favoritin in die WM gestartet, doch nie war sie in die Nähe der Medaillen gelaufen. »Ich bin so glücklich, denn die WM war sehr schwer für mich - bis heute«, sagte Domratschewa. »Ich wusste, dass meine Form stimmte, nur hatte ich viel Pech am Schießstand. Als ich wusste, dass es reicht, dachte ich nur: Endlich, endlich, endlich!«

Während also der einen Vorläuferin die Erlösung glückte, blieb die andere komplett medaillenlos. Miriam Gössner hatte bis zu jenem letzten Schießen, das Klaus Siebert jubelnd ausrasten ließ, selbst noch Chancen auf Gold, doch drei Fehler warfen sie zum zweiten Mal in Nove Mesto auf Rang sechs zurück. »Schade, dass es mit der Medaille nicht geklappt hat, aber dafür habe ich einfach jedes Mal zu viele Fehler geschossen. Beim nächsten Mal muss ich es besser machen«, bilanzierte Gössner diese Biathlon-WM. Nun fährt sie weiter zu den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften nach Italien. »Ich freue mich auf die Langläufe. Hoffentlich kann ich die Mannschaft verstärken.«

Im Massenstartlauf der Männer konnten die Deutschen beim Sieg des Norwegers Tarje Boe keine Medaille mehr gewinnen. Tags zuvor hatten sie mit Staffelbronze wenigstens eine errungen. Bis zum letzten Schießen waren hier Simon Schempp, Andreas Birnbacher, Arnd Peiffer und Erik Lesser fehlerfrei beim Schießen geblieben und hatten Kontakt zu den überragend laufenden Norwegern halten können. Doch Lesser kassierte noch zwei Strafrunden und wurde auf der Schlussrunde vom Franzosen Martin Fourcade überholt.

»Wir freuen uns sehr über Bronze, aber ich brauche noch ein bisschen dafür«, gab Lesser zu. Erst als er am Abend auf dem Marktplatz die Medaille erhielt, konnte er wieder lachen. »Ich hatte schon befürchtet, dass es wieder nicht reicht, aber Erik hat es nach diesem Frustrationserlebnis noch geschafft, eine super Schlussrunde hinzulegen« lobte Kollege Peiffer.

Die Medaille konnte trotzdem - gemessen an den eigenen Ansprüchen - das dürftige Gesamtergebnis der Mannschaft nicht kaschieren. Thomas Pfüller, Generaldirektor des Deutschen Skiverbands, hatte mindestens fünf Medaillen als Ziel ausgegeben, letztlich wurden es zwei. »Wir sind mit hohen Zielen angereist. Doch in drei Rennen haben wir bei nur einem Schießen sichere Medaillen aus der Hand gegeben. Wir sind enttäuscht. Jetzt müssen wir die Ursachen analysieren«, sagte Pfüller. Dabei verteidigte er seine Vorgabe, auch wenn sich kaum ein Athlet selbst Medaillenziele gesetzt hatte. »Wer im Weltcup aufs Podest läuft, will das auch bei der WM. Dass sich jeder einzelne öffentlich den Druck nicht selbst aufbaut, ist doch auch klar«, so Pfüller. Personelle Konsequenzen schloss er aus: »Das sind die Trainer, die uns in den vergangenen zehn Jahren jedes Jahr eine Mannschaft präsentierten, die Medaillen abgeräumt hat. Ich stehe zu diesen guten Trainern«, versicherte Pfüller.

Mit einem waren letztlich aber alle zufrieden: Die WM in Nove Mesto übertraf alle Erwartungen. »Mit so einem Hexenkessel haben wir nicht gerechnet«, sagte An-dreas Birnbacher. »Wir fragten uns vor der WM noch, wie die Tschechen das Riesenstadion voll bekommen wollen. Dann kommt man zum Rennen, und es ist alles voll, und die Stimmung ist großartig. Das war perfekt«, so Birnbacher. »Die Leute haben sich viel Mühe gegeben, dass wir uns hier wohl fühlen«, bestätigte auch Miriam Gössner. Trotzdem war sie nun froh, dass sie in den kommenden zwei Wochen niemand mehr nach Schießfehlern fragen wird.


Gesten der Übermacht

Ole Einar Björndalen störte sich nicht an seiner Trikotnummer »3«. Er stellte sich zum Auftakt des Staffelwettbewerbs trotzdem auf Startbahn Nummer 1. Der Franzose Simon Fourcade musste ihn per Schulterklopfer daran erinnern, dass auch mal die anderen vorn sein dürfen, selbst wenn es nur in der Startaufstellung sein sollte. Norwegens Biathleten dominierten diese WM auf eine Art, dass sie selbst offenbar schon von ihrer Unbesiegbarkeit überzeugt waren.

Die nächste Geste der Übermacht lieferte dann Emil Hegle Svendsen, ohne Zweifel König der WM von Nove Mesto. Nach dem letzten Schießen der Staffel vom Samstag stellte er sich in Supermannpose auf: Brust raus, Bauch rein. Seht her! Wir sind die Größten. Manch einer mag das als überheblich empfunden haben, schließlich stand Erik Lesser noch neben ihm. Aber mal ehrlich: Svendsen hatte jede Berechtigung. Lesser hätte ihn selbst ohne Schießfehler nicht halten können. Fünfmal trat Svendsen an, viermal gewann er Gold, einmal Bronze.

Trotz insgesamt acht Goldmedaillen für Norwegen in elf Wettkämpfen wollte der Präsident des Weltverbandes nicht von schädlicher Dominanz sprechen. »Im Nationencup führen die Russen und der Weltcupführende ist Franzose«, begründete Anders Besseberg seine Einschätzung. Der Mann ist übrigens Norweger. Und für den Nationenweltcup interessieren sich nicht einmal die Russen selbst. »Das Ministerium fordert nur Medaillen«, sagte deren Trainer Wolfgang Pichler.

Am letzten Abend trafen sich die deutschen Journalisten noch einmal zum Essen. Die Stimmung war ganz nett, bis etwa 40 feiernde Norweger einkehrten. »Woher kommt ihr?«, fragte uns ihr Anführer auf Englisch. »Germany«, antworteten wir. »I am very sorry for you!«, sprach der Vertreter der Übermacht. Das war dann doch einer zu viel.

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