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Ein Sprungbrett für Talente

30 Stunden Theater - heute beginnt das Festival 100 Grad

Knapp 30 Stunden Theater in vier Tagen auf neun Bühnen und diversen anderen Nebenspielstätten - das bietet ab heute die aktuelle Ausgabe des Festivals 100 Grad im HAU und den Sophiensaelen.

Aus der Taufe gehoben wurde diese Plattform für Schauspieler, Tänzer, Regisseure und Choreografen vor zehn Jahren vom damaligen HAU-Intendanten Matthias Lilienthal. Zuerst stellte es ein Beruhigungsbonbon für all jene Künstler dar, die nach der neuen Programmatik keinen Platz mehr im internationaler ausgerichteten Programm des Hauses finden sollten. Schnell wurde es - weil keinerlei Gagen gezahlt werden, aber auch keinerlei kuratorische Filter bestehen - zu einer Art Nachwuchsfestival der Berliner Szene.

Seit einigen Jahren ist die nationale und internationale Aufmerksamkeit auch gegeben. »Inzwischen kommen viele Kuratoren und Dramaturgen von großen Häusern und wichtigen Festivals, um sich bei 100 Grad einen Überblick zu verschaffen. So viel können sie sonst selten in so kurzer Zeit wahrnehmen«, meint Tom Stromberg, früherer Leiter des »Impulse«-Festivals, Ex-Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg und vor allem selbst Entdecker und Förderer der Generation, die gegenwärtig die Sterne am Horizont der freien darstellenden Kunst sind wie etwa Rimini Protokoll und She She Pop.

Vor allem dank der Einführung von Preisen starteten bei 100 Grad veritable Karrieren. Die Objekttheatertruppe »Lovefuckers« ist solch ein Beispiel. Vor vier Jahren an der Puppenspielabteilung der Hochschule Ernst Busch gegründet, gewann sie vor drei Jahren den Jurypreis bei 100 Grad, war dann im Kontext von Sophiensaele, Kampnagel Hamburg und Brut Wien unterwegs und kehren dieses Jahr als Mitternachtssprecher zurück. 100 Grad ist ein Talentsprungbrett geworden.

Allerdings weiß der Besucher vorab nie, ob er gerade einen künftigen Star erblickt oder nur einen von sich selbst überzeugten Dilettanten. Ja, er weiß nicht einmal, ob er fähig wäre, im Gesehenen die Konturen eines künftigen Großkünstlers zu erkennen. Aber genau dies macht den Reiz von 100 Grad aus.

Obwohl das Festival von der alten Bauernregel »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst« geprägt ist, haben sich einige thematische Linien herauskristallisiert. »Wir haben einen Geschwisterschwerpunkt, einen Hochzeitsschwerpunkt und einen Burlesque-Tag«, erzählt Anne Herwanger, Kuratorin an den Sophiensaelen. Die drei Schwestern Elisabeth, Christina und Theresa Schelhas begeben sich in die Szenerie der »Drei Schwestern« von Anton Tschechow und lassen darin auch einfließen, dass eine von ihnen Trisomie-21-krank ist (Do, 20 Uhr). Zwillinge gar sind Viviana und Alessandra Defazio. Sie wollen herausbekommen, wo das Ich beginnt und was alles noch schwesterliches Territorium ist: von Kleidung angefangen über gemeinsame Hobbys, die Berufswahl und vielleicht ja auch die Liebsten. »I›ve got you under my skin‹« gibt Auskunft darüber (Do 19 Uhr). Nicht neokonservative Schwärmerei, sondern ein Spiel damit, was bei so einem Hochzeitsfest alles schiefgehen kann, steht im Mittelpunkt der durchgehend im Treppenhaus der Sophiensaele gezeigten Wedding-Performances am Samstag (ab 16 Uhr).

Im HAU wird ähnlich universellen Dingen nachgegangen wie etwa einer Studie darüber, was Freundschaft ist: »FRIENDSHIP IS- Ein Diavortrag über Ponyville, in Kostümen« (Sa, 20 Uhr). Aber auch das Gegenteil wird in einer Vorurteilsermittlungsperformance von Mercimax (So ab 17 Uhr) erkundet. Als neues Format ist bei 100 Grad eine Zusammenarbeit mit den jungen Autorinnen und Autoren des Studiengangs Szenisches Schreiben der Universität der Künste enthalten, die neben inszenierten Stücken auch Hörstationen und Textinstallationen vorbereitet haben.

Eine Diskussion über die Qualität des Gezeigten liefern nicht nur die bewährten Mitternachtssprecher in beiden Häusern ab. Der Landesverband freie darstellende Kunst LAFT lädt am Samstag um 15 Uhr auch zu einer Debatte über Qualitätsverbesserungen in die Sophiensaele ein. »Wir sind inzwischen stark genug, um auch Schwächen und Fehler zugeben und das Tabu, über schlechte Produktionen nicht zu reden, brechen zu können«, sagt Max Schmacher, der als Vorstandsmitglied des LAFT die Diskussion moderiert. Es gehen also immer neue Impulse aus von diesem Festival.

HAU und Sophiensaele, Do ab 19, Fr ab 18, Sa/So ab 16 Uhr

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