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Nicht immer ein kluger Kopf

Wie Frank Schirrmachers Bücher entstehen

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Wie hat der militärisch-ökonomische Komplex unter Zuhilfenahme der Spieltheorie die marktkonforme und marktförmige, »egoistische« Maschine Mensch geschaffen? Darum geht es im neuen Buch des »FAZ-Herausgebers« Frank Schirrmacher. Beschrieben werde darin, so die »Süddeutsche Zeitung«, der Siegeszug eines »inhumanen Modells – des Homo oeconomicus – über die realen Individuen, ihre Lebenswelt (…) ihre Demokratie«. »Vom Fetisch der Ware, vom Mehrwert, von der Ausbeutung« finde sich kein Wort in dem Buch, stellt die »SZ« beruhigt fest, was daran liegen könnte, dass all das Schirrmacher gar nicht kümmert. Ein »FAZ«-Herausgeber ist nun mal kein linker Ideologiekritiker. Sein Buch stürme »assoziativ, selektiv, zugespitzt und beschwörend voran, statt ruhig und analytisch einen Schritt nach dem anderen zu machen«. Es ist demnach eher ein Geraune als eine politische Analyse. Die Mittel der Darstellung seien »unakademisch« und würden »mit Suggestivkraft eingesetzt«. So kann man es freilich auch sagen.

Andere sagen es anders. Das Buch sei ein aus »dünnen Brettern« zusammengezimmertes »windschiefes Gedankengebäude« (»Welt«). Georg Seeßlen nennt es im »Freitag« eine »Verbindung von Foucault light, Finanzkapitalismuskritik, einer Spur Anti-Amerikanismus und Verschwörungstheorie« für Leser, denen andere Lektüre »zu links, zu schwierig« sei.

Wer in den vergangenen Jahren aufmerksam die Beiträge Frank Schirrmachers in der »FAZ« verfolgte, hat es schon vorher gewusst: Auch der präzise Umgang mit der Sprache ist nicht seine Sache. Dass der Mann, der hierzulande als einflussreicher Intellektueller gilt, häufig Singular und Plural nicht unterscheiden kann, ist ein offenes Geheimnis.

Nun sind Schirrmachers mangelhafte Deutschkenntnisse nichts Ungewöhnliches in einer Branche, die vom Kaputtmachen der Sprache lebt. Und sie wären deshalb auch nicht weiter von Belang. Die Unfähigkeit, einen Gedanken sprachlich korrekt wiederzugeben, scheint in einer Gesellschaft wie der unsrigen geradezu eine der Voraussetzungen zu sein, wenn man es als Journalist zu etwas bringen will. Denkt man jedoch an den pathetischen Gestus (»Dahinter steckt immer ein kluger Kopf«), mit dem ausgerechnet die »FAZ« jederzeit das abendländische Kulturerbe, und den gelehrten Bildungsbürger (der heute so gut wie ausgestorben ist) zu verteidigen vorgibt, gewinnt die Frage, ob man es beim Verfasser von »Ego« mit einem Blender und Windmacher zu tun hat, an Bedeutung.

Rechtzeitig vor dem Erscheinen von Schirrmachers neuem Buch hat nun der Lektor und ehemalige »Konkret«-Autor Joachim Rohloff dessen 2009 publiziertes Buch »Payback«, in dem es um das Internet und die computerisierte Gesellschaft geht, einer genauen Prüfung unterzogen und seine Ergebnisse in einer vergnüglich zu lesenden Textanalyse zusammengefasst, die in der neuen Ausgabe der Monatsschrift »Merkur« veröffentlicht wurde und auch online zu lesen ist. Rohloff kommt zu dem Ergebnis, dass Schirrmacher einen »sprachlichen Schrotthaufen« erzeugt hat: »Hier muss ein Komma, dort ein Wort eingefügt oder gestrichen werden, hier muss man den Numerus, dort das Tempus oder den Modus eines Verbs korrigieren, bis man meint, man habe es nicht mit dem Kulturkopf der ›FAZ‹ zu tun, sondern mit einem Praktikanten von ›Kicker online‹.«

Tatsächlich wird dem Kulturkopf eine Unzahl von Fehlern nachgewiesen: Zeichensetzung per Zufallsgenerator, Fehlinterpretation von Quellentexten, wirre Satzkonstruktionen, falsche und den Sinn des Originals verdrehende Übersetzungen, sinnentstellende Weglassungen, sprachliche Schlampereien und Ungereimtheiten. »Die Artikel werden, wenn sie nicht sowieso fehlen, vollkommen sinnlos über die Seiten verstreut.« Rohloff weist en detail nach, wie Schirrmacher oft mit seinen Quellen verfährt, nämlich so, wie ein Schlachthofarbeiter eine Maniküre mit der Axt macht. Sagen wir‘s mal so: Er stürmt assoziativ und beschwörend voran, statt ruhig und analytisch einen Schritt nach dem anderen zu machen.

Doch wird auch das neue Buch des »FAZ«-Herausgebers, das in demselben Verlag erscheint, der das vorherige zu verantworten hat, nicht etwa der Lächerlichkeit preisgegeben, wie man annehmen müsste. Vielmehr scheinen die Kollegen vor lauter Ehrfurcht vor dem vermeintlichen Großdenker Schirrmacher strammzustehen. Die »Zeit« nennt ihn einen »rhetorischen Kosmiker«.

Also wird das Buch wohl »monatelang auf der Bestsellerliste des ›Spiegel‹ stehen« und »in allen Zeitungen mit ernster Gebärde rezensiert werden«, wie Rohloff schreibt. Dass der Verlag, wie übrigens andere auch, »mit einem solchen Buch wohl eine Million machen möchte, sich aber nicht bemüßigt fühlt, 300 Euro für eine anständige Textkorrektur auszugeben«, sagt viel darüber aus, wie weit es in diesem Land und diesem Gesellschaftssystem her ist mit der Kulturbewahrung, der Bildung und dem »Qualitätsjournalismus«, mit Dingen also, die der »FAZ« angeblich so viel bedeuten.

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