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Bedrohter Frieden

»Peaceful Places« - Malerei von Henning Kappenberg

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Überaus hintergründig sind die Werke von Henning Kappenberg, die man derzeit im ARD-Hauptstadtstudio besichtigen kann. Was meint: Ihre wahre Dimension erschließt sich erst bei genauerem Hinsehen sowie in Kenntnis geopolitischer Zusammenhänge. Krieg, Identität und Länder gibt der 1965 bei Peine geborene, an der Hochschule für Bildende Kunst zu Braunschweig graduierte, heute in Berlin ansässige Künstler als zentrale Themen an. Beinah 20 Arbeiten umfasst die Schau »Peaceful Places«, auch dies erweist sich als bewusst irreführender Titel. Denn friedlich geht es an den porträtierten Orten eher nicht zu.

Kappenberg zeigt sie auf seine ganz eigene Weise. Da sind zum einen seine handgemalten oder zumindest von Hand übermalten Landkarten. Wie beinah alle der ausgestellten Arbeiten, ob extremes Hoch- oder Querformat, ob Kleinbild von 30 mal 40 Zentimetern oder Panoramasicht von 200 Zentimetern Länge, sind sie mit Acryl auf Leinwand entstanden, wobei die Farben mit einer Injektionsspritze auftragen werden. Das verleiht ihnen, etwa durch Überlagerung von verschiedenen Schichten, Tiefe in der Fläche, erzeugt reliefartige Strukturen und gestattet das Aufbringen winziger »Noppen«, die wie Punkte herausragen. Diese spezielle Technik, bei der außerdem glatt lackierte Flächen auf mattierte stoßen, macht den ästhetischen Reiz der Exponate aus.

Die inhaltliche Intention stößt einem nicht gleich beim ersten Blick auf. »Guernica«, im Namen wohl auf ein Schlüsselwerk von Picasso anspielend, ist »nur« eine schwarz-weiße Landkarte von Nordspanien. Santander, San Sebastián, Bilbao als bekannte Orte liest man darauf, aber eben auch, nachträglich eingefügt, jenes Guernica, das von der deutschen »Legion Kondor« während des Spanischen Bürgerkriegs zerstört wurde. Wie edel »Sultanabad« auch ausschauen mag mit seinem vergoldeten linken Teil - bei Nennung des Namens dieser Stadt in Pakistan ahnt man eine Referenz auf terroristische Aktivitäten.

Zwei der extremen Hochformate nehmen Bezug auf Städte, die zum Teil schwer zerstört wurden, Sarajevo und Osijek, beide gelegen in Kroatien. Kappenberg setzt scharf das klüftige Weiß eines irgend gearteten Himmels gegen schwarze Häuser, denen glänzende und matte Teile eine gewisse Dreidimensionalität geben, Fenster und Hausgiebel, Fialen auf Kirchen erkennen lassen. Bedrohlich düster wirkt dieser Frieden. Osijek war Wehrmachtsstandort, mit Vertreibung der Donauschwaben nach dem Krieg, und geriet im Kroatien-Krieg 1991-1995 zwischen die Fronten, war Fluchtort für die einen, Zuflucht für andere. »Birma« schließlich, mit dem Entstehungsdatum 1989 das älteste der Exponate, bringt in Tempera ein verschliertes, verschlungenes, unruhevoll erregendes Farbdickicht auf die Leinwand, von Ocker bis dunklen Blautönen, als habe Kappenberg bereits damals die gedrückte Atmosphäre der Bevölkerung, ihr späteres Aufbegehren gespürt.

Ob ein Blick auf Landmassen aus dem Flugzeug herab oder lediglich Farbvision - die Arbeit sticht unter den neueren Werken hervor. Deren Mehrzahl nämlich stellt Eislandschaften dar. Meist setzt Kappenberg hier wieder Schwarz und Weiß gegeneinander, zeigt zerklüftete Bergmassive unter fast ängstlich blauem Himmel, den er glänzend lackiert hat. Ohne Lichtquellen auszumachen, weisen die Landschaften Schattenbereiche auf, aus denen die Gletscher aufsteigen. Einzelberge können das sein, wie im Fall des »Mount Everest« mit seiner Rasterstruktur und dem porösen Eisesweiß über dem Gesteinsschwarz, oder beim »Wetterhorn« mit kleinem See am rechten Rand. Idyllisch wirken sie ebenso wenig wie die Breitwandansichten von Spitzbergen oder Island. Das Meer ist im Vordergrund schon aufgebrochen; in blauen Lachen spiegeln sich Massive, schwimmen Eisbrocken; ein weißer Pfad führt durch die Mitte in eine Ewigkeit, in der Horizont und Himmel ineinander übergehen. Ein Gletscher scheint aus türkisfarbenem Grund in lichtes Blau zu wachsen, schaut zwischen den lackierten Grenzen blass, wie im Vergehen aus. Es mag diese Erkenntnis sein, die Kappenberg seinen Betrachtern mitgeben möchte: Auch eine jede Ewigkeit hat ihr Ende, und die des Eises führen wir Menschen gegenwärtig aktiv und vorzeitig herbei.

Bis 22.3., ARD-Hauptstadtstudio, Wilhelmstr. 67a, Mitte, Telefon 22 88 11 09, www.ard-hauptstadtstudio.de
http://www.wartist.org/blog/?p=1251

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