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Drei von der Zankstelle

Nationaltheater Mannheim: Theresia Walsers Diktatorengattinnen

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Über wen darf gelacht werden? Diese Frage ist nicht zum Lachen. Noch unser Witz geht durch die Schule der Vorsicht und des Selbstschutzes; auch vorm Kabarett stehen Zollwächter der Ikonographie - heilig gesprochene Bilder zerstören?, das wollen wir doch gar nicht erst einführen! Wahrer Witz zielt dorthin, wo es wehtut, und so muss gewarnt werden vor einem Besuch des Nationaltheaters Mannheim.

Dort holt »Frau Margot« aus der Umhängetasche eine Urne ihres Mannes Erich hervor, die stürzt natürlich zu Boden, »Frau Leila« hustet im hellen Aschestaub, und »Frau Imelda« kreischt angewidert etwas vom »Brandrückstand eines kommunistischen Staatstrottels«. Das Publikum amüsiert sich bestens.

»Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel« von Theresia Walser (Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti) bietet komödiantisch, kaskadensprachschnell drei Diktatorengattinnen, die sich auf eine gemeinsame Pressekonferenz vorbereiten - ihr Leben soll verfilmt werden. Rote Sessel, roter Vorhang. Zwischen den Frauen ein Dolmetscher, der vom wendigen Diener zum listigen Dirigenten der Szene wird, bis ihn ein heftiger Schub der Überforderung in die Zitterknie zwingt. Ein groteskes Spiel geistiger Absurditäten. Authentische Aussagen, mediale Kolportage, kabarettistische Thesen.

Frauen an der Seite der Mächtigen - sofort gespenstert Lady Macbeth durchs Gedächtnis. Ganz so schlimm wird's hier nicht. Walser führt Margot Honecker, die philippinische First Lady Imelda Marcos und Leila Trabelsi, Tunesiens Tyrannengattin, zusammen. Wortgefechte aus Missverstehen, Missgunst, Majestätsnostalgie und trotzig-grotesker Meidbewegung wider jede Realität. Posen des Märtyrertums: törichte Zappeleien in einer trostlosen Lage der längst vollzogenen Entmachtung, eine Lage, die der pfiffige Dolmetscher so umfasst: »Erst schämt sich die Wirklichkeit für eine Idee, dann rächt sie sich.« Frau Margot mobilisiert bei diesem Satz ein letztes wässriges Gemüts-Eis für einen müden kalten Blick.

Honeckers Frau war bereits vor zehn Jahren Bühnenfigur. »Margot & Hannelore« hieß die Text-Collage von Marc Becker, ein Werk für das Theaterhaus Jena. Da ließ sie eine rote Rose vom Bühnenlaufsteg herabfallen: ins Grab von Erich, dem »Häuptling Schutzwall«. Gleich vier Margots hatte das Stück: lederne Kampfesfurie, naives Proletarierkind, Zweifelnde, Gebrochene. Mehrere Persönlichkeiten hinter der Folie einer einzigen Person. Und immer trug das Klasse(n)-Weib das Wort Wahrheit wie ein Messer zwischen den Lippen. Große Worte der Agitation: wie schlechte Übersetzungen aus einer toten Sprache. »Alles war wahr, alles war gut, alles wird wieder gut.«

Und wie jetzt in Mannheim, so torpedierten sich auch in Jena die Macht-Matronen - der antike Chor gleichsam in seinem letzten, dem krähenden Stadium. Hannelore (Kohl): »Altstalinistischer Bauernbrummer, Sie!« Margot: »Genmanipulierte Aufziehpuppe, Sie!«

Hier nun, in Mannheim, erinnert sich Imelda an Honeckers Philippinenbesuch, der DDR-Chef gab damals einen Empfang, dicke schwarze Thüringer Würste hingen über den Tischen, schwangen über dem Kopf des Vegetariers Ferdinand Marcos, »und ich sag› zu meinem Ferdi‹«, so Imelda, »aus jedem, der über die Mauer will, machen die so eine Wurst.«

Anke Schubert gibt diese matronale Imelda als Blumenanbeterin, die wehmütig an ihre Tausenden Schuhe und die vielen gepanzerten Büstenhalter denkt, natürlich gab es ein Attentat auf sie, das war sie der Geschichte schon wert, nur leider geschah es unkultiviert und ekelerregend - mit einem rostigen Messer! Und wie gern aß sie Makrönchen, wie Ibsens Nora. Die ist auch Frau Leila wohlbekannt, denn schließlich studierte sie französische Literatur. Wenn diese Frau Leila in eine imaginäre Menge winken möchte, kontert die sonnenbebrillte Diva: »Wo kein Volk ist, muss auch nicht gewunken werden.«

Wo Schubert trumpft, thront, tulpig oder tönern trompetet, da zwitschert Sabine Fürsts junge, laufsteglüsterne, launisch lamentierende Leila alle Zickeneinfalt aus sich heraus, bis sie endlich unaufgefordert eines ihrer Gedichte aufsagen darf, Ghaddafis Lyrik nachempfunden: »Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel«. Die Honeckers verwechselt sie mit den erschossenen Ceausescus, und sich selbst bezeichnet sie als »Königin von Karthago«.

Ragna Pitoll, dunkel gekleidet, die einzige Frau in Hose, spielt mit eiserner, aber giftig züngelnder Gefasstheit ihren Margot-Part. Abweisung und Arroganz. Süffisanter Stolz auf die Feinde, die man hatte. Zischende Zuversicht, dass das geschichtliche »Samenkorn«, das gelegt wurde, irgendwann aufgeht. Am Lauf der Geschichte verzweifelt diese Katechistin des Kampfes nie, höchstens daran, dass man ihr hier nicht mal eine Cola beschaffen kann.

Heroinen-Hingabe der Honeckerin: Stalins Atem hat sie einst gespürt, bei dessen Geburtstag, und in jener Nacht habe sie zum ersten Mal mit Erich geschlafen. Der Dolmetscher, peinlich berührt, übersetzt: Frau Margot habe Stalins Atem gespürt, als der zum ersten Mal Geburtstag hatte. Die Menschen, so Frau Margot, diese Verräter an der Sache, seien »empörungsgeil«, und ihr blödes Geschrei nach Freiheit sei so zu werten, als wollten die Fische endlich frei von Wasser sein. Pitoll: Kunst des zusammengekniffenen Mundes, der gleichsam Patronen spuckt; die Lippen manchmal wie Metallplatten, zwischen denen die Phrasen knorrig, knurrig knallen.

Sven Prietz als Dolmetscher Gottfried wieselt willig, ein Günther-Jauch-Typ, der mehr und mehr die Fäden der Manipulation strickt, der bewusst falsch übersetzt, der somit brenzlige Passagen stiftet, der dann wieder gummibiegsam schlichtet. Immer stärker zieht es ihn zu Frau Margot, er ist nämlich der gedemütigte DDR-Kleinmensch aus Jenas Knebelstraße(!) 7; vor der zerborstenen Erich-Urne verfällt er in einen letzten, verwirrten Pioniergruß - ehe er die Kontrolle über seine Übersetzer-Macht verliert, in die Texte einer Fischereikonferenz verfällt, die er zuvor gedolmetscht hatte, und wie irr von Karpfenläusen faselt. In Gottfried wirft sich der Motor des Stückwitzes an, da wohnt und wuchert das Sprachspiel, das den Abend treibt.

Walser porträtiert in den drei Frauen jenen Menschentyp, der starrsinnig ausblendet. Frau Margot als Muster für Weltanschauungsbeton, der weiter gehärtet wird, obwohl ihm aller Baugrund schwand. Also: kein Theaterabend für nachmalige Herzbluter des Volksbildungsministeriums, kein Aufmunterungsspaß für Freunde der trotzig erhobenen Faust.

Dass einst so Mächtige zu komischen Figuren werden - es ist Kälte, herrührend aus jener natürlichen Distanz, die den illusionslosen Nachkommen eines abschreckenden Jahrhunderts mitgegeben ist. Auch rücksichtslose Satire und respektlose Denkungsart sind Folgen jenes verhängnisvollen Furors Geschichte.

Kosminskis Inszenierung muss sich just wegen solcher Gedanken, die Theresia Walser auslöst, dennoch eine Vermutung gefallen lassen. Vielleicht nämlich hat das Stück - mit seinen Gleichzeitigkeiten von Palaver, Pointe und geradezu Bernhardschem Verwerfungspathos - die wahre Uraufführung noch vor sich: weniger Schwank, mehr Schwankungen. Und weit mehr Frost! Etwa wenn Imelda von der Veroperung ihres Lebens träumt - auf den Philippinen konnte es vorkommen, dass Menschen verhaftet und ohne Kopf wiedergefunden wurden, »in der Oper ist so etwas ein großer Moment.« Ganz lieb sagt sie es. Lustig, wie die Leute jetzt lachen.

Aber alle Akteure könnten stärker noch als in Mannheim mechanische Dämoniepuppen sein - und womöglich schauten plötzlich Gesichter (entstellt zwar, aber Gesichter) aus ihren Wunden heraus.

Nächste Vorstellung: 15. März

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