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Der Schmerz weiß nicht wohin

Malte Schlössers Theorietheaterschraubendrehung

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Theatertheoretischer Diskurs. Würde sicher sehr intelligent aussehen, jetzt auf dieser Ebene zu bleiben und zu schreiben. Denn »Kunstkunstkunst« meint Malte Schlösser mit seinem neuen Stück »Zeig doch mal positiv, wie Du mit Schmerz umgehst«, das er im Theaterdiscounter vorstellte. Das Interesse war groß. Alle Vorstellungen ausverkauft.

Vier Schauspieler »bauen« ein Stück. Alles mit viel Konfetti und Kostüm. Auch der personifizierte, ratlos herumlaufende Schmerz ist in eine Decke eingewickelt. Er weiß gar nicht, wo er hin soll. Immerzu wird er an den Rand geschoben. Kann man Schmerz »bauen«? Getrieben vom Thema überholen sich die Agierenden fast selber und spielen durch, wie sie die Überforderung überspielen könnten. Eine Theorie jagt die nächste.

Tatsächliche und gefühlte Anforderungen sind Schlössers Thema. Das lässt ihn nicht los. Vor zwei Jahren schrieb und inszenierte er im Theaterdiscounter »Kann ich Deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?« Auch da ging es um selbst verursachte und von anderen ausgelöste Überforderung im alltäglichen Leben und die Möglichkeit, von anderen zu lernen, um alles besser zu packen. Man soll möglichst perfekt dastehen. Das ist ein Zwang. So wird das doch erwartet. Oder? Nun der Schmerz. Keine schlechte Wahl. Sagt man doch, dass er nach der anfänglichen Betäubung etwas Antreibendes an sich habe.

Schlösser lässt die Schauspieler schwimmen. Er nimmt ihnen alles weg. Sie beginnen nach Möglichkeiten zu suchen. Nirgends ist etwas, woran sie sich festhalten können. Alles ist möglich. Sie tasten sich vor und spielen ihre Ideen durch. Schmerz werde immer so dramatisch dargestellt. Da könne man sich darauf verlassen, dass es klappt. Aber wie könnte man den positiv empfundenen Schmerz »rüberbringen«? Zeig mal! Mal sich verkleiden, mal in einen mit Konfetti angefertigten Kreis springen, als wäre das ein neuer, ein fremder Raum. Man kann auch Ratlosigkeit durch Aktionismus übertünchen wollen, wird bravourös vorgeführt. Aber sie verschwindet dadurch nicht.

Wie macht man das denn nun? Das Gefühl, dem sie auf die Spur kommen wollen, lässt sich nirgends ausmachen. Das tut weh. Alle decken sich gegenseitig mit Fragen zu oder bleiben im eigenen Monolog stecken. Die Ideen, mit Schmerz positiv umzugehen, lassen sich kaum von anderen übernehmen. Da muss jeder selbst durch. Das ist etwas Persönliches.

Diese Schraubendrehung weiter in Schlössers Konzept von Theorietheater stößt allerdings bei Zuschauern an die Schmerzgrenze. Da gehen welche, knallen die Tür. So. Bei wem erreichte Schlösser nun mehr? Bei den Türknallern oder bei den am Ende heftig Applaudierenden? Schwer zu sagen.

Was er hier aufs Korn nimmt und ins Komische bringt, ist das so genannte Kopftheater. Wer solches erlebt, erkennt bei gesundem Menschenverstand, dass die jeweiligen Macher sich um sich selber drehen. Wie der Furz im Taschentuch, hieß so etwas bei den Altvorderen. Kein feiner Zug, ja eigentlich nahe der Scharlatanerie, dafür noch Geld zu nehmen, während man auf dem Wege der Selbsterkenntnis irgendwohin abgezweigt oder in ein Loch gefallen ist.

Schlössers Inszenierung ist ein Lehrstück für Theatermacher, sich über Selbstgeschraubtes klar zu werden. Auch über Verantwortung, darüber, was sie anderen antun. Das bietet viel Diskussionsstoff. Insofern ist das Stück mit den engagierten, sich selbst amüsierenden Schauspielern Juliane Bartsch, Gina-Lisa Maiwald, Dominik Meder und Thomas Schmidt sehr gut gelungen.

Herrlich das Schlussbild mit dem Schild »Wir wissen nicht mehr, wie›s nach Hause geht‹«.

Nächste Vorstellung: 1. März

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