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Carsten, der »Zauberer«

NSU-Ausschuss-Frage: Führte der Verfassungsschutz Neonazis oder war es umgekehrt?

Statt dass die Geheimdienst- und Polizeibehörden aus Bund und Ländern ihre Fehler bei der Abwehr des »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU) offen legen, halten sie Informationen zurück. Wie aus dem Nichts sind gestern weitere Kontaktlisten des Jenaer Bombentrios aufgetaucht und ehemalige V-Leute-Führer vermochten sich an kaum an etwas zu erinnern.

Die Listen mit weiteren Adressen und Telefonnummer stammen ebenso wie eine erste, bereits bekannte Kladde aus einer von den Neonazis zum Bombenbau genutzten Garage in Jena. Man fand sie im Januar 1998. Warum die Daten des Netzwerkes nicht für die Fahndung nach Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe genutzt wurden, ist unklar. Ebenso ist zu fragen, warum das Bundeskriminalamt die Listen erst jetzt an den Untersuchungsausschuss des Bundestages weitergeleitet hat.

Eigentlich war bei der gestrigen Sitzung des Untersuchungsausschusses das Thema V-Mann-Führer aufgerufen. Zwei führten in Thüringen die »Quelle 2045« - das war der Führer des Thüringer Heimatschutzes und NPD-Landesvize Tino Brandt. Der dritte kam aus Brandenburg und war einer von drei Geheimdienstlern, die Carsten Szczepanski, Deckname »Piato«, an der Leine hatten.

War »Piato« wirklich dicht dran am NSU?

Recherchen lassen fragen: Wer hat wen benutzt? Eine Antwort zu Ungunsten des Staates lässt der Innenminister der Brandenburger Landesregierung, Dietmar Woidke (SPD), nicht gelten. »Piato« habe, sagt Woidke, eine ganze Reihe militanter Kameradschaften auffliegen lassen. 120 gefährliche Neonazis seien Dank des V-Mannes »hochgegangen«.

Um den linken Koalitionspartner von einer V-Mann-Notwendigkeit zu überzeugen, erzählt der Minister, Szczepanski habe den damaligen PDS-Funktionär und heutigen Fraktionschef der Linkspartei in Brandenburg vor der Ermordung bewahrt. Eine Mär, wie damalige Nazikameraden von Szczepanski versichern. Der habe die angebliche Todesliste, auf die Woidke sich bezieht und auf der auch Stephan Ludwig gestanden hat, selbst verfasst und dann zum Dienst getragen.

Winfriede Schreiber, Verfassungsschutzchefin in Potsdam, assistiert ihrem Minister. Bundesweit sei niemand so dicht am NSU-Mördertrio dran gewesen wie Brandenburgs »Piato«. Mit den nun endlich vorgelegten V-Mann-Berichten lässt sich das jedoch nicht belegen. Fehlt etwas oder hat »Piato« nicht alles berichtet, was er über die Terroristen wusste?

Noch heute bestreitet der unter neuer Identität im Zeugenschutzprogramm Untergebrachte, dass er überhaupt etwas vom NSU wusste. Bei einer Vernehmung durch das BKA am 7. Juli 2012 gab er zu Protokoll, er wisse nur, »was ich aus den Medien erfahren hab›‹«. Ihm ist nicht einmal erinnerlich, was er am 14. September 1998 - in dem Jahr war das spätere NSU-Trio abgetaucht - dem Brandenburger Verfassungsschutz berichtet haben soll. Dabei war das höchst brisant. Inhalt: Sachsens Blood&Honour-Sektionschef Jan Werner sollte für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe Waffen beschaffen, damit die weitere Überfälle begehen können. Diese Information wird offenbar durch eine abgefangene SMS von Werner an das Verfassungsschutz-Handy von »Piato« belegt. Gesendet und empfangen wurde die verräterische SMS am 25. August 1998 in Chemnitz. Was tat »Piato« in Chemnitz? Schließlich war die sächsische Stadt weit außerhalb des Freigängerbezirks der Haftanstalt Brandenburg, in der »Piato« wegen versuchten Mordes gerade einsitzen musste.

Starke Namen auf der Besucherliste

Behördlich nicht bestätigt wird, dass der Brandenburger Verfassungsschutz »Piato« nach Chemnitz gebracht hat, damit der an einer Führerbesprechung der militanten Blood&Honour-Organisation teilnehmen konnte. Bei der Beratung wurde an einem eigenen »Combat-18«-Konzept gefeilt. »C 18« war jene militante britische Terrorgruppe, deren führerlose Taktik der NSU adaptierte.

Die Waffenbeschaffung für das Trio durch Jan Werner wird als Tatsache behandelt. Doch gegenüber dem Neonazi Thomas Starke, der inzwischen als V-Person 562 auch der Berliner Polizei bekannt ist, sagte Werner, Szczepanski wolle ihn reinreiten. Mag sein. In der V-Mann-Branche gilt: Je bedeutender die Meldung, umso höher das Honorar. »Piatos« Wert war mit 1000 Mark pro Monat üppig angesetzt.

Szczepanski kennt Starke. Man kann den Namen Starke auf Szczepanskis Besucherliste der JVA Brandenburg finden. Worüber sprachen die beiden? Und hat »Piato« später vielleicht erfahren, dass Starke den geflüchteten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe die erste Wohnung in Chemnitz besorgte? Das war Ehrensache, schließlich war Starke mit der NSU-Frau Beate Zschäpe mal liiert.

Womöglich hat »Piato« ja auch von Antje Probst etwas über das NSU-Terrortrio erfahren. Probst besuchte Szczepanski bereits 1996 im Knast. Sie verschaffte ihm einen Job in ihrer Nazi-Devotionalienfirma nahe Chemnitz und damit dem Verfassungsschutz ein Alibi für »Piatos« Freigänge. Nicht lange, dann bewirkte der Geheimdienst die vorzeitige Haftentlassung von »Piato«, indem er das zuständige Gericht täuschte. Der Anlaufpunkt bei Probst muss dem Verfassungsschutz wie ein Sechser im Lotto vorgekommen sein. Schließlich wollte Probst Zschäpe ihren Pass überlassen.

Der Brandenburger Dienst wird noch einiges zu erklären haben.

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