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Mit Hypotenusen schmusen

Christoph Sauer singt neue Texte zur Musik der Zwanziger Jahre

Groß und schlank, markantes Gesicht, Anzug und Krawatte - Christoph Sauer könnte tatsächlich als Entertainer der Zwanziger Jahre durchgehen. Aber wenn er auf einmal von Handys ohne Anruf-Funktion singt, wird klar: Diese Lieder sind neu. Das aktuelle Programm des aus Mainz stammenden Wahlberliners heißt »Heute Nacht hab ich Besuch von einer Dame«. Und schon das erste Lied enthält einen Vers, der als Leitspruch des Abends gelten könnte: »Eine schöne Melodie schadet nie.« Sauers Kompagnon am Klavier ist nämlich Roland Kühne alias Lando. Er schreibt die eingängigen Melodien und schwungvollen Begleitungen zu Sauers Texten; im Stil der Goldenen Zwanziger, der für nostalgischen Glanz sorgt.

Mitte Februar stellten die beiden ihr Programm im Zimmertheater Steglitz vor, einer Oase der Urgemütlichkeit, wo bei dreißig Besuchern schon die Luft knapp wird. Der Saal ist so niedrig, dass sich der hochgewachsene Sauer bei einem Sprung an der mit Lichterketten verzierten Decke stoßen würde. Neben ihm verausgabt sich Lando an einem dumpfen Kneipenklavier. Mit seiner gepunkteten Fliege und dem liebenswürdig verschrumpelten Antlitz erinnert der Pianist an einen aus der »Feuerzangenbowle« entsprungenen Gymnasialrat. Immer wieder sortiert er seine handbeschriebenen Notenblätter, die über und über mit roten Korrekturen versehen sind.

Der geborene Thüringer machte übrigens schon die Showbühnen des Ostblocks unsicher, unter anderem als Keyboarder bei Regina Thoss und ihren »Evergreen Juniors«. Später komponierte er für ostdeutsche Rundfunk- und Fernsehsender. Der 38-jährige Christoph Sauer hat einen ganz anderen Background: Er studierte in seiner Heimat Mainz Musikwissenschaft, absolvierte eine private Gesangsausbildung und zog vor drei Jahren nach Berlin.

Die beiden lernten sich beim wohl härtesten Show-Geschäft der Welt kennen: als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff. Vielleicht ist Christoph Sauer ja an Bord das Vorbild für seinen Song »Marlene« begegnet: eine Frau, die beim Schönheitschirurgen das volle Lifting- und Botox-Programm mitmacht. »Dein Augenbrauenpaar ist nicht mehr, wo es war. Auch scheint, bis zu den Ohr‘n, dein Lächeln eingefrorn«, singt er mit seinem zarten, aber ausdrucksstarken Bariton.

Sauers Texte widmen sich dem prallen, skurrilen Alltag in Berlin, vor allem dem allgegenwärtigen Beziehungs- und Zweisamkeitskuddelmuddel. Da geht es ums Probewohnen vor der Ehe und um die zarte Annäherung zweier Rentner per Fernglas. Zeitgemäß ist das Lied über die Pollenallergie, die heutzutage romantische Waldspaziergänge verhindert. Den schönsten Reim aber enthält der Song über einen Mann, der eine Mathematikerin liebt. Er müsse »mit Hypotenusen schmusen«, jammert er.

Manchmal ist Sauer einfach nur albern. Er selbst bezeichnet diesen lausbubenhaften Zustand als »gewisse Hirnrissigkeit«. Er kommt dann auf flapsige Wortwitze wie jenen von der »guten Stute Ute«, mit aktuellen Anspielungen auf den Pferdefleischskandal. Oder er lässt sich das Lied vom »Osterhase Supernase« einfallen, dem die Eier geklaut werden. Lustig daran ist vor allem, wie Lando mit professoralem Gesichtsausdruck den zweideutigen Refrain mitsingt.

Man kann sich darauf verlassen, dass Christoph Sauer niemandem auf den Schlips tritt. Eine schwarzhumorige, kritische Ironie à la Georg Kreisler ist seine Sache nicht. Aber wer sich ohne Hintergedanken bei guter Musik amüsieren möchte, der ist bei dem Duo Sauer und Lando richtig. Die nächste Gelegenheit dafür gibt es am Donnerstag auf der Lesebühne »Brauseboys« in den Weddinger Osram-Höfen.

7. März, »La Luz«, Osram-Höfe, Gebäude C, Oudenarder Str. 16-20

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