Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Das Chaos nicht totordnen

Das Techno-Kollektiv Brandt Brauer Frick meldet sich zurück

Bestimmt steckt in unserer Musik der Impuls, das Chaos zu ordnen», sagt Paul Frick. «Allerdings probieren wir, darauf zu achten, dass wir das Chaos nicht totordnen.»«

Die Präzisionsmusik des Brandt-Brauer-Frick-Trios hat man als detailgenau geordnet in Erinnerung: deutsche Exaktheitsmusik. Man denkt unwillkürlich an straff gebügelte Hemden und sauber geknotete Krawatten. Selbst das äußere Erscheinungsbild der Musiker gemahnt an die Menschmaschinen-Ästhetik von Kraftwerk, das Klangbild ist durchweg rhythmendominiert. Wann hätte man je sonst davon gehört, Klavier oder Tuba vor allem als Rhythmusinstrumente zu verwenden? »Unsere alten Sachen waren eine aufgeräumte Sache. Ganz klare Patterns.« Paul Frick hat Komposition an der Berliner Hochschule der Künste studiert. Auf den Techno und elekronische Musik stieß er später als andere, bekennt er: »Ich habe mich sehr für Kompliziertes interessiert, genauso sehr aber für die Qualität der Einfachheit, der Reduktion und den Geist des Minimalismus.«

Der eisern getaktete Loop-Techno-Groove, den man von den ersten beiden Alben kennt, ist bis heute nicht gänzlich verschwunden, wenngleich auf »Miami«, dem neuen Album, die Drum-Beats erkennbar »nicht mehr so klinisch aufgeteilt« klingen, wie Frick zu verstehen gibt. »Wir hören ja auch mal Rock oder was von Neil Diamond, Musik, die noch dreckig und lebendig klingt. Aber was wir heutzutage absolut unnötig finden, ist so eine Art perfekte, super produzierte Rockmusik.«

Das Studio des Trios stellte man sich naturgemäß stets als staubfreie, blütenweiße Arbeitsklause vor, die man nur mit sauberen schwarzen Lackschuhen betreten darf. Doch der im Herzen des Berliner Stadtbezirks Neukölln gelegene schrundige Hinterhof, den man betritt, wenn man das Studio aufsucht, wirkt nicht gerade wie ein Ort, an dem man Stil- und Ästhetikfetischisten wie Brandt Brauer Frick wähnt.

Das Studio, vollgestopft mit Instrumenten jeder Art, macht auf den Besucher den Eindruck eines angenehm verwahrlosten Hobbyraums einer Schülercombo: Eine Wand ist zur Gänze mit grauen Eierkartons beklebt, um den Schall zu dämmen. Ein Gutteil des ebenerdigen Raums wird von einem großen Konzertflügel eingenommen. In einer Ecke steht ein niedriger Tisch, darum herum eine alte, braune Ledercouchgarnitur, auf der wir uns niedergelassen haben. Frick trägt ein ungebügeltes Hemd und ein schwarzes Jackett.

Was die Entdeckung bzw. Verwendung sogenannter moderner klassischer Musik und von Jazzelementen für den Techno angeht, können Brandt, Brauer und Frick heute als stilbildend gelten. Das ungetrübte reine Bummtschack haben sie in komplexe, kunstvoll arrangierte rhythmische Strukturen überführt, ihren warmen, pulsierenden Techno-Sound produzierten sie früher mithilfe eines Orchesterensembles, ganz ohne Drumcomputer. Beats wurden beispielsweise allein mittels des Hallraums eines Konzertflügels oder per spezieller Saitenzupftechniken erzeugt. »Eine aufregende Synthese aus Clubmusik und Konzerthaus«, nannte der britische »Guardian« das Ergebnis. Von einer »Brücke zwischen Minimal Techno und Minimal Music«, schrieb der »Tagesspiegel«.

Doch als ein Crossover aus mehreren Stilen will das Trio seine Musik auch heute nicht verstanden wissen. »Unsere Musik wird eher aus Bauklötzen bzw. Bausteinen generiert. Man übernimmt ein technisches Element und kombiniert es mit etwas anderem. Wir wollen nicht alles mit allem mischen.«

Ihre Vorliebe für den Minimalismus von Komponisten wie Steve Reich wird von der Band nicht verheimlicht. »Ein Verbindungspunkt ist immer die Hypnose. Wir mögen sehr repetitive Musik, die einen reinzieht«, sagt Daniel Brandt. »Wir wollen sehr hypnotische Musik machen. Bei der fortwährenden Wiederholung musikalischer Elemente passiert das natürlich schneller.«

Beim neuen Album »Miami« habe man jedoch »mehr Chaos zugelassen«. Und tatsächlich klingt viel des neuen Materials verspielter, heterogener, vom Funk und Soul infiziert, reicher sowohl an Einflüssen als auch an scharfkantigen Elektrobeats, wenngleich die rhythmischen Grundstrukturen, das dampfmaschinenhaft Stoische an ihnen oder die Nutzung des Klaviers als Rhythmusinstrument, beibehalten wurden.

»Die Platte rauscht sehr angenehm und sie hat viele dreckige, ganz feine Höhen, ziemlich viel Verzerrungen. Wir sind jetzt auf jeden Fall auf Chaos getrimmt.«

Statt des zehnköpfigen Orchesterensembles arbeitete man diesmal mit verschiedenen Sängern und Gastkünstlern zusammen, etwa dem Soul-Sänger Jamie Lidell, Gudrun Gut (Malaria!, Einstürzende Neubauten) oder dem Produzenten Om'mas Keith, der etwa für Frank Ocean, Kanye West und Jay-Z tätig war. »Es sind diesmal weniger Tracks, sondern eher Songs auf unserem neuen Album. Die Anfänge von Techno, Mitte der achtziger Jahre in Detroit, finden wir faszinierend. Zwar ist der Urgeist von Techno aus unserer Musik nicht wegzudenken, aber mit Techno im ureigenen Sinn haben wir fast nichts mehr zu tun, außer manchmal einer Vierviertel-Bassdrum«, meint Daniel Brandt.

Und was hat es für eine Bewandtnis mit den gut sitzenden grauen Anzügen, den adretten Frisuren und den ordentlich gebundenen Schlipsen, die von den drei jungen Männern häufig bei Auftritten getragen werden? Gehört der klassische Kleidungsstil zu einer Art Pop-Art-Gesamtkonzept, das schlichte Eleganz mit klarer Ordnung vereinbaren will? »Das hat sich so ergeben, weil wir am Anfang viel in Techno-Clubs gespielt haben«, erläutert Brandt. »Das war die New-Rave-Zeit, in der alle neonfarben angezogen waren oder komische bunte Leggins anhatten. Davon wollten wir uns abgrenzen. Da war es für uns cool, Anzüge zu tragen, um aufzufallen. Wir empfinden sie auch ein bisschen als Uniform. Und es hat den Beigeschmack, dass wir ein bisschen das Gefühl haben, wir gehen zur Arbeit.«

»Solche Kleidung ist einfach auch die beste, weil sie zeitlos ist«, sagt Frick. »Und wenn man in einem Club sehr betrunken ist und man ein Hemd und einen Schlips trägt, dann nehmen einen alle immer noch komplett ernst.«

Brandt Brauer Frick: Miami (!K7). Konzerte in den nächsten Tagen: 6.3. Frankfurt, 7.3. Berlin, 8.3. Köln, 9.3. Hamburg.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln