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Engagiertes Händeschütteln

»Geh doch rüber!« - In seinem Buch beschreibt Jan Korte, wie er erfolgreich zum Ost-Linken wurde

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Wenn bekannte Politiker Bücher schreiben oder von einem Ghostwriter verfassen lassen, handelt es sich beim Endprodukt in den allermeisten Fällen um Reklame fürs eigene Politiksortiment: Wählt mich, ich bin sozial gerecht, kompetent und sympathisch, ich bin so authentisch, wie ihr es seid.

Und wer ein solches Buch lesen muss, dem geht es nach ein paar Seiten Lektüre wie dem Zahnarztpatienten, der den Fehler gemacht hat, auf die Betäubung zu verzichten. Die Schinken haben für gewöhnlich Titel wie »Wo das Herz schlägt«, »Mein Weg nach vorn« oder »In der Mitte liegt die Kraft«, erscheinen in aller Regel pünktlich vor den Wahlen und sind vorgesehen für den schnellen Absatz. Drei Wochen später finden sich die Schwarten (»stark preisreduziert«) in der Ramschkiste wieder.

Zu dieser Sorte Gratisphrasenkataloge gehört das Büchlein mit dem schönen Titel »Geh doch rüber!« nicht. Und sein Autor, Jan Korte, geboren 1977, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, ist auch unverdächtig, ein Schaumschläger und Werbetreibender in eigener Sache zu sein.

Wie viele Westlinke seiner Generation ist er in einer katholischen Kleinstadt aufgewachsen und in den 90er Jahren aus Protest gegen das alles beherrschende piefige CDU-Milieu zunächst den Grünen beigetreten. »Klar war für mich, dass ich nicht zu den Sozen gehen konnte, da dort ja schon mein Vater war. So landete ich bei den Grünen. Jeder macht Fehler im Leben.« Später wechselt er, dem allgegenwärtigen Antikommunismus wacker trotzend, in die PDS: »Das war für die gesellschaftliche Reputation nicht wirklich der Bringer. Wir blieben doch eher politische Outlaws.«

Korte, der schließlich 2005 in den Bundestag gewählt wurde und sich selbst einen »lern- und integrationswilligen Wessi« nennt, bescheinigt seinem Wahlkreis im eher tristen Sachsen-Anhalt »eine angenehme Eigenschaft. Es gibt fast keine Grünen.« Zumindest seien es »bedeutend weniger als im Westen, wo ja mittlerweile ganze Großstädte von jenen regiert werden, die mit ihrem Volvo-Kombi zum Bio-Supermarkt fahren, um dort im November die Öko-Erdbeeren aus Neuseeland zu kaufen«.

Er ist der Typus des uneitlen Politikers, der auf den großen Auftritt mit jederzeit abrufbarer Lächelgrimasse keinen allzu großen Wert zu legen scheint. Offizielle Termine wie das Durchschneiden eines roten Bandes und ähnliche sinnlose Politiksimulationsrituale versucht er nach Möglichkeit zu umgehen. Zu den »mehr oder weniger Wichtigen, die Lust haben, mit zwanzig anderen einen Knopf zu drücken«, wolle er nicht zählen, schreibt er.

Auch um die »großen politischen Fragen« ginge es ihm in seinem Buch nicht, so Korte. Und das ist erholsam, wenigstens für jenen Leser, der von der Wachstumsdelle, der Schuldenbremse oder dem Inflationshebel nichts mehr hören mag. Stattdessen versammelt der Verfasser kleine Beobachtungen und Reflexionen, Autobiografisches, Erlebtes und Anekdoten aus dem Alltag eines linken Politikers, der vom Westen der Republik in den Osten ging.

Und gelernt hat er viel in seiner »Sitzungssozialismusanfangszeit«: dass Streit und harte Polemik im Osten bis heute nicht - wie im Westen - als Zeichen lebhaften demokratischen Austauschs begriffen wird, sondern als Unsitte, Ordnungsverstoß oder fehlende Bereitschaft zum Konsens. Dass man im Osten interessante Zeitungsartikel akribisch »mit Lineal und Kugelschreiber markiert«, ausschneidet und aufhebt. Dass man als Politiker nicht umhinkommt, »ernsthaften Kontakt zu den Kleingärtnern zu pflegen«, wenn man etwas erreichen möchte.

Auch wir, die Leser, lernen dazu - Korte ist leidenschaftlicher Angler - und erfahren beispielsweise über das Wesen des Angelsports hochgradig Erregendes, das wir schon immer wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: »Mit der Rute zieht man Blechköder oder Gummifische durch das Wasser. Immer wieder, stundenlang. Bis etwas anbeißt oder eben nicht. Meistens fang ich nichts. Aber darauf kommt es nicht an.« Eine erfreuliche Einstellung, die von erstaunlicher Gelassenheit zeugt. Ja, im Grunde haben wir es hier mit einer zen-buddhistischen Weisheit zu tun.

Geschrieben hat der Politiker seine hier versammelten Geschichten »im Zug, beim Warten« oder »während spannender Fraktionssitzungen«. Herausgekommen ist ein Buch über Deutschland und das absurde Theater, zu dem Politik hierzulande oft gerät. Eines, das angehende Berufspolitiker lesen sollten, um zu erfahren, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich in das tägliche Kleinklein des Politbetriebs begeben.

Im Osten der Republik, wo es »konsequente Handschüttel-Gegenden« gibt, wie Korte lernen muss, ist die Kulturtechnik des »engagierten Händeschüttelns« tief verwurzelt. Im Westen hingegen sorgen »Händeschüttelauftritte eher für Skepsis und den Verdacht der Wichtigtuerei«. Korte hat in den Osten rübergemacht und sich dort eingewöhnt: »Ohne Händeschütteln geht bei mir seither nichts mehr.« Die CDU würde, was seinen Fall angeht, von vorbildlichen Integrationsleistungen sprechen: »Wenn man im Osten bei der Linken ordentlich mitdiskutieren will, besser gesagt, wenn man up to date sein will, braucht man Lineal, Kuli und das ›nd‹.«

Jan Korte: Geh doch rüber! Feinste Beobachtungen aus Ost und West. Verlag Neues Deutschland, 91 S., brosch., 9,90 €.

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