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Anschluss mit Gänsefüßchen

Vor 75 Jahren wurde Österreich zur nazideutschen Ostmark

  • Von Hannes Hofbauer, Wien
  • Lesedauer: 3 Min.

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Kein österreichisches Feuilleton, das dieser Tage nicht ausführlich den 75. Jahrestag von Hitlers Einmarsch am 12. März 1938 begeht. Auch offizielle Gedenkfeiern werden stattfinden. Die Geschichte ist aufgearbeitet, der mit Gänsefüßchen geschriebene Anschluss der politische Kompromiss, mit dem alle leben können.

Am 12. März 1938 um 4 Uhr früh landete Reichsführer-SS Heinrich Himmler auf dem Flughafen Aspern in Wien, um sich an die Spitze der österreichischen Exekutive zu setzen. Zeitgleich überschritten 65 000 Soldaten der Wehrmacht die Grenze nach Österreich. Hitler zog unter dem Jubel Zigtausender in Linz und wenig später in Wien ein. Schon am selben Tag setzte eine Verhaftungswelle ein, die nun auch Austrofaschisten und Juden betraf; Linke waren bereits in den Jahren zuvor in Lager verschleppt worden. Österreich verschwand für sieben Jahre von der Landkarte. Die Ostmark war zum Aufmarschgebiet der Wehrmacht gegen Südosteuropa geworden.

Der Anschlussgedanke war im Jahr 1938 freilich nicht neu, er hatte bereits eine 20-jährige Tradition. Die Gründung der Ersten Republik als »Deutsch-Österreich« wurde durch den Einspruch vor allem Frankreichs rückgängig gemacht. Das Anschlussverbot bildete den Kern der Pariser Vororte-Verträge von 1919. An einen lebensfähigen Kleinstaat glaubten in jenen unmittelbaren Nachkriegsjahren nur die kleine kommunistische Partei und das Bankkapital sowie - später - die klerikalen Austrofaschisten. Insbesondere die Sozialdemokraten sehnten sich unter die Fittiche Deutschlands, wo sie sich als Nation und - wenn möglich - als Vertreter der Arbeiterklasse zu Hause fühlten. Doch selbst nach dem Einmarsch Hitlers rief der führende Sozialdemokrat und einstige Staatskanzler Karl Renner seine Landsleute dazu auf, bei der für den 10. April 1938 inszenierten Volksabstimmung über den Anschluss mit »Ja« zu stimmen. Es sollte dem Opportunisten nicht zum Schaden gereichen.

Die führenden Köpfe des offiziellen Österreichs, bestehend aus dem christlich-konservativen Präsidenten Wilhelm Miklas und dem diktatorisch regierenden Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg, traten aus Protest gegen das Vorrücken des NS-Regimes von ihren Ämtern zurück. Großbritannien und Frankreich stellten sich gegenüber Schuschniggs leise geäußerten Unterstützungserklärungen taub. Mexiko und die Sowjetunion verurteilten als einzige Staaten den deutschen Einmarsch.

75 Jahre danach hat sich die Wahrnehmung des 12. März 1938 in weiten Teilen der Öffentlichkeit auf eine Position eingependelt, die mit »sowohl Opfer, als auch Täter« umschrieben werden kann. Bis Mitte der 1980er Jahre dominierte die These, nach der Österreich das erste Opfer der NS-Aggression gewesen war. Die Ermordung von Schuschniggs austrofaschistischem Vorgänger Engelbert Dollfuß im Amt am 25.Juli 1934 durch damals illegale Nazis untermauerte die Opferthese. Mit dem von den USA - als Rache für dessen pro-palästinensische Politik als UN-Generalsekretär - betriebenen Nazi-Outing von Bundespräsident Kurt Waldheim im März 1986 kehrte sich die Opfer-These um 180 Grad. Nun war einzig von Österreichern als Tätern die Rede. Die am 15. März 1938 Hitler zujubelnden Massen am Wiener Heldenplatz unterstrichen dieses Bild ebenso wie die friktionsfreie Eingliederung der »Ostmärker« in die nazideutsche Kriegswirtschaft. Heute zeichnen seriöse Historiker und Medien ein differenziertes Bild der Lage, das mit der Täter-These nicht vollständig auf die Erkenntnis der Opferrolle verzichten muss. Der »Anschluss« 1938 wird folgerichtig mit Gänsefüßchen geschrieben.

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