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Wunder der Gnade

Nellja Veremej: »Berlin liegt im Osten« - ein Roman der Ernüchterungen und der Träume

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ein großartiger Roman, der durchaus den Preis der Leipziger Buchmesse verdient hätte. Aber damit hätte der kleine Salzburger Verlag Jung und Jung schon zum wiederholten Male einen Platz auf dem Siegertreppchen besetzt. Das wollte ihm die Jury offenbar nicht zugestehen. Aber die Jung und Jung-Autorinnen Melinda Nadj Abonji und Ursula Krechel erhielten 2010 und 2012 den Deutschen Buchpreis in Frankfurt am Main. Da wäre eine Ehrung für Nellja Veremej in Leipzig gerade recht gewesen.

Ihr Buch passt dorthin; das Wort »Osten« im Titel darf getrost als Signal verstanden werden. Ostdeutsche finden hier viel Kluges zu ihrer Identität gesagt, Westdeutsche werden in eine für sie fremde Lebenswelt geführt. Sollte es diese Ost-West-Unterschiede denn immer noch geben? Es dauert lange, bis Erfahrungen zusammenfließen, länger als man denkt. Vielleicht ist Nellja Vermej einer jener bedeutsamen Romane zur »Wende« gelungen, nach denen die Literaturkritik immer wieder ruft.

Dabei ist es ihr erstes Buch. Was allein schon erstaunt: Sie wurde 1963 in der Sowjetunion geboren, lebt erst seit 1994 in Berlin und schreibt in einem so farbigen, nuancenreichen Deutsch. Sie ist so klar im Benennen, weil sie so wach im Beobachten ist.

Deutsch schreibende Autorinnen aus osteuropäischen Ländern - wie Marjana Gaponenko, Marica Bodrozic oder eben besagte Melinda Nadj Abonji - verzauberten in der Vergangenheit immer wieder durch ihren frischen Blick auf hiesige Wirklichkeit im Spannungsfeld Heimat und Fremde. »What the fuck is Heimat«, liest Lena, die Ich-Erzählerin in Nellja Veremejs Roman, als leuchtenden Slogan im Foyer eines Berliner Clubs. Ein ihr fremder Zynismus: Sie will zu Hause sein, will sich verwurzeln. Bei ihrer Ankunft im Westen meinte sie, ihre Herkunft abschütteln zu können. Inzwischen weiß sie, dass es nicht geht.

»Wir sind halt Ossis«, sagt Lena auf Seite 44 und meint nicht nur sich selbst, sondern auch Herrn Seitz, den sie als Altenpflegerin betreut. Er ist nur einer ihrer Patienten, aber der wichtigste für sie. Fast achtzig, ehemaliger Journalist einer DDR-Zeitung, »nüchtern im Gemüt, beherrscht und auch etwas pedantisch - er ist genau so, wie wir Russen uns einen kultivierten Deutschen vorstellen«.

Russen und Deutsche - ein wichtiges Thema im Roman, in dem der Autorin, wie von selbst, große Gedankenbögen gelingen: von Lenas Beoachtungen, wenn sie in der Nähe des Alexanderplatzes aus ihrer Wohnung tritt, über ihre Erinnerungen an die kleine Siedlung Kema nahe eines Militärflughafens »am Rand des endlosen, verschneiten, ehemaligen Imperiums«, an das Städtchen im Kaukasus, wohin die Familie nach dem Tod des Vaters zog, an die Studienzeit in Leningrad zur Perestroika-Zeit, bis hin zu größeren geschichtlichen Zusammenhängen; sogar Richard Sorge kommt darin vor. Da ist Ulf Seitz mit seiner Familiengeschichte eine wichtige Gestalt im Buch.

Dabei ist es der Autorin gelungen, Lenas Nachdenklichkeit in eine abwechslungsreiche, ja mitunter geradezu spannende Handlung einzubauen: die Erlebnisse in ihrem Beruf, die Auseinandersetzungen mit der Tochter Marina, die schon in Deutschland aufgewachsen ist und sich der Mutter in vielem überlegen fühlt, die Zusammenstöße mit dem Ehemann Schura, von dem sie getrennt lebt und der dauernd in irgendwelche dubiose Geschäfte verwickelt ist, der Besuch ihrer Mutter, die begeistert den Weltuntergang prophezeit, die Reise in den Kaukasus, aber die Mutter war schon tot ...

Und nicht zuletzt Lenas Bemühungen, mit 43 aus ihrer Einsamkeit herauszukommen. Wie froh wäre sie gewesen, wenn es mit jenem Mann im feinen Jackett, Arzt in der Charité, zu mehr als einer Nacht gekommen wäre.

Dem Buch vorangestellt sind zwei Zitate - von Chamisso über den Schatten, der einem angeboren ist, und von W. G. Sebald: »Auffällig viele unserer Ansiedlungen sind ausgerichtet und verschieben sich, wo die Verhältnisse es erlauben, nach Westen.« Der Westen, wo man »nicht sät, nicht sichelt, nicht kränkelt und nicht stirbt«, hatte in Lenas Geburtsort schon am Ural begonnen. Jetzt läuft sie über den Berliner Weihnachtsmarkt, wo eine »verdrossene Menge ... kauft und kaut«.

Das Bild hat man im Kopf, wenn man 34 Seiten weiter von ihren Kinderträumen liest, die sie im Aufsatz »Meine Stadt im Jahre 2000« festgehalten hat. Utopien und Ideale, die nicht eingelöst worden sind: »Wir vergessen unsere Träume, schieben sie in eine entlegene Ecke, vernachlässigen sie, um sie zu bewundern und zu beweinen, wenn ihre Haltbarkeitsfrist längst abgelaufen ist.«

Ernüchterung und Sehnsucht - mitunter mag es scheinen, als ob es für Lena keinerlei Glücksversprechen mehr gibt. Sie geht zu Herrn Seitz, um mit ihm Silvester zu verbringen, bereitet mit ihm den Karpfen so wie einst seine Mutter, sie stoßen auf das russische Neujahr an. Irgendwann später kommt sie ihm näher, als sie wollte. Sie zieht sich zurück, aber dann, ganz plötzlich, die Angst, er könnte tot sein, weil sie ihn fallengelassen hat. Sie sucht und findet ihn in einem Bett der Charité. Sie putzt seine Wohnung, damit alles gemütlich ist, wenn er zurückkommt.

Wunder der Gnade. Und dann sieht sie auf der Straße unter den Pennern und Junkies ihren Mann, der natürlich immer noch den Kopf voller Spinnereien hat. Wie oft hatte sie ihm Geld in die Hand gedrückt, ihn dann aber ärgerlich weggeschickt. Nun bittet sie ihn zu sich nach Hause, serviert Bratkartoffeln mit Speck. Nichts ist gelöst, aber das Buch ist durchstrahlt von Licht. Güte kann sein, auch wenn das Paradies nicht erreichbar ist.

Nellja Veremey: Berlin liegt im Osten. Roman. Verlag Jung und Jung. 318 S., geb., 22 €.

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