Auferstanden aus Ruinen

Gerhard Lamprechts Trümmerfilm »Irgendwo in Berlin« von 1946 im Bundesplatzkino

»Wenn ick ’nen Fuffz’jer hätte, würd’ ick uff’n Rummel jeh’n - wenn’s eenen jäbe«, wünscht sich einmal vergebens ein Junge in Gerhard Lamprechts Film »Irgendwo in Berlin«. Denn die Spree-Metropole hat anno 1946 wahrlich andere Prioritäten als Jahrmärkte. Berlin ist ein einziger Trümmerhaufen: Ruinen allerorten, Berge von intakten und kaputten Ziegelsteinen, Häuser, deren Zimmer zur einen Seite offen stehen, weil das Nachbarshaus eingestürzt ist. Und mitten drin benutzt ein Rudel Jungs die Nachkriegskulisse als Abenteuerspielplatz und genießt eine quasi anarchische Freiheit in einem Ambiente, in dem Autorität und Glaubwürdigkeit der Erwachsenen angeknackst sind.

Wie soll man auch vor einem kriegsversehrten, irre gewordenen Ex-Soldaten Respekt haben oder vor einem abgerissenen Kriegsheimkehrer? Den restlichen, ständig nörgelnden Erwachsenen schmettert der 11-jährige Willi stets ein gepfeffertes »Sie ham ma janüscht zu sagen« entgegen.

In diesem Trümmerfilm - es war die dritte DEFA-Produktion überhaupt - prallen zwei Welten aufeinander: die der Erwachsenen, die den Krieg bewusst ge- und erlebt haben und jene unschuldiger Kinder, deren Bandenstrukturen allerdings auch Hierarchien oder Hinterlist kennen.

Gerhard Lamprecht, Regisseur des legendären »Emil und die Detektive« (1931), demonstrierte mit diesem Werk einmal mehr sein Geschick für das Erzählen von Jungsgeschichten. In der ca. 20-köpfigen Bande stechen zwei Figuren hervor: Gustav (dargestellt von Charles Knetschke, der in den 1980er Jahren als Charles Brauer den »Tatort«-Kumpel von Manfred Krug gab), ein aufgeweckter, sensibler Junge, dessen Mutter auf die Rückkehr des Vaters wartet und sein Freund Willi, ein Flüchtlingskind ohne Eltern. In Ermangelung einer Vaterfigur gerät Willi an einen Schieber und hilft ihm kindlich naiv bei dessen kriminellen Geschäften.

Andererseits ist »Irgendwo in Berlin« natürlich kein normaler Jungsfilm. War die Kästner-Verfilmung noch von der Aufbruchsstimmung der Weimarer Ära geprägt, ist in dem Film von 1946 das »Tausendjährige Reich« zusammengebrochen. Nicht nur Gustavs apathischer, aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrender Vater erweist sich als seelisches Wrack. Auch die Kinder leiden trotz ihrer - spielerischen - Akzeptanz des Jetzt an den Folgen des Krieges. So wird der eltern- und heimatlose Willi durch einen moralisch fragwürdigen dramaturgischen Kniff zum kindlichen Märtyrer stilisiert (inklusive einer geschmacklosen, nicht enden wollenden Sterbeszene).

Doch sein Tod wirkt auch als Katalysator für einen Neuanfang der Figuren. Sie beginnen nun mit dem aktiven Wiederaufbau der Ruinen. Abgesehen von narrativen Schwächen und allzu demonstrativen Szenen ist der in Charlottenburg und dem Anschein nach auch in Kreuzberg gedrehte Film heute allerdings ein faszinierendes Berlin-Dokument. Zum einen erfrischt die Berliner Schnauze der jugendlichen Helden. Zum anderen sieht man neben den Trümmerlandschaften unverhofft immer wieder völlig intakte Straßenzüge und bestaunt so ein Berlin, das sich wie die Filmfiguren in einem Schwebezustand zwischen Alt und Neu befindet.

Regisseur Gerhard Lamprecht wird dieser Tage nicht nur mit diversen Veranstaltungen als Mitbegründer der Deutschen Kinemathek geehrt, die ihr 50-jähriges Jubiläum feiert. Durch eine Vorführung wie diese im Bundesplatz-Kino kann man auch seine Werke wieder entdecken.

Über die Schuld der Deutschen am Krieg wird in »Irgendwo in Berlin« - im Unterschied zu Wolfgang Staudtes Meisterwerk »Die Mörder sind unter uns« aus demselben Jahr - nicht reflektiert. Dafür wirbt der Trümmerfilm fast rührend um Hoffnung und beschwört trotz aller Sympathie für die Jungen-Rasselbande ein Ende der Nachkriegs-Anarchie sowie eine vorsozialistische Solidargemeinschaft, ohne die ein einsamer Junge wie Willi keine Zukunft hat.

24. und 25. 3. um 15.45 Uhr im Bundesplatzkino, www.bundesplatz-kino.de, Tel.: (030) 85 40 60 85

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