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Das Gebrüll vom Millerntor

Wie Slime den Punkrock revolutionierten und dabei den FC St. Pauli erfanden - eine Bandbiografie

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 4 Min.

Wandel beginnt bekanntlich häufig mit Krawall. Die »Stonewall Riots« etwa, das Aufbegehren polizeilich drangsalierter New Yorker Lesben und Schwuler im Sommer 1969, an die bis heute der Christopher Street Day erinnert und die als der Ausgangspunkt der Lesben- und Schwulenbewegung gelten können, bestanden aus einer ganzen Serie gewalttätiger Demonstrationen. Ganz ähnlich verhält es sich, so lehrt es zumindest das jetzt bei »Heyne Hardcore« erschienene Bandportrait »Slime« des Journalisten Daniel Ryser, bei heute so konsensfähigen Zielen wie nazifreien Fußballstadien. Was heute jeder Profiverein vor sich herträgt, begann mit einer Massenschlägerei: Als nämlich 1985 während eines Spieles des FC St. Pauli gegen Rot-Weiß Essen mehrere Dutzend St. Pauli-Fans die Kurve der Essener stürmten und jedem, der Nazisymbole präsentierte, »ordentlich aufs Maul« hauten, wie Ryser einen Protagonisten zitiert.

Erst zu dieser Zeit und auf Betreiben in etwa derselben Leute, die den Block der Essener stürmten, wurden im Millerntor-Stadion von den Fanartikeltischen die Reichkriegsfahnen, »Ich-bin-stolz-ein-Deutscher-zu-sein«-Aufnäher und all das hässliche Zeug, das damals in Stadien normal war, entfernt. Zugleich tauchte die Totenkopf-Fahne aus der nahen Hafenstraße auf den Rängen auf. All das muss im Rückblick als Auftakt zur kultig-coolen Wiedergeburt des bis dahin unauffälligen Sportvereins gelten. Und all das hat nicht nur im übertragenen Sinn mit der Punkband Slime zu tun. Eine informelle Kumpel-Gruppierung vor allem um den Slime-Sänger Dirk Jora, die Ryser die »Slime-Gang« nennt, schlug sich bei solchen Gelegenheiten stets in der ersten Reihe.

Jora, der sich ohne Reue als »linker Hooligan« vorstellt, war zuvor von Michael Kühnens Horden von der HSV-Tribüne geprügelt worden. Um so tiefer identifizierte er sich nach der ersten Auflösung der Band im Jahr 1984 mit St. Pauli. Jahrelang, schreibt Ryser, tat Jora kaum etwas anderes, als sich dem Fußballverein zu widmen, u.a. als Mitbegründer der Fan-Zeitschrift »Millerntor Roar« (»das Gebrüll vom Millerntor«), der wohl besten ihrer Art. Dass den Punks die Übernahme gelang, hatte auch mit seiner Präsenz im Fanblock zu tun: Hier gab es - »Alle gegen Alle« oder »Deutschland muss sterben« waren längst erschienen - einen veritablen Punkrock-Star zwar nicht zum Anfassen, aber zum zusammen Kämpfen.

Wie folgenreich der »neue« FC St. Pauli gewesen ist, müssen auch Anhänger anderer Vereine einräumen. Er half, das abschreckende Milieu des 1980er-Fußballs, das der frühere St. Pauli-Torwart Volker Ippig im Buch so treffend als »rechts von bürgerlich« beschreibt, einmal kräftig durchzulüften. Er machte jene schöne neue Fußballkultur, der sich das Land zuletzt so gerne hingibt, in vielerlei Hinsicht erst möglich. Schon deshalb verdient die Band oder Gang Slime, verdient vielleicht vor allem der Sänger Dirk Jora das kulturgeschichtliche Denkmal, das Ryser der Gruppe nun mit diesem Buch gesetzt hat. Es war sogar längst überfällig.

Während Die Ärzte die Frage, was denn »noch Punkrock« sei, zuletzt in »Aspekte« diskutierten und Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen am Theater inszeniert, wollte nämlich das »Bildungsbürgertum« mit Slime, ganz wie der vor allem in Übersee populäre Alec Empire (»Atari Teenage Riot«) im Buch sagt, »lieber nichts zu tun haben.« Die einen schreckt der Ruch des »Extremismus«, erst jüngst durch die Indizierung des uralten Stücks »Bullenschweine« aktualisiert. Aber auch in der linken Szene geriet vor allem Joras ewig virile Straßenkämpferpose ab den späten 1990er Jahren in Verruf. Zeitweise fand man Slime allenfalls heimlich gut.

Tatsächlich kann man über das musikalische Erbe von Slime trefflich streiten. Es lässt sich auch die Meinung vertreten, die Gruppe habe einen verbalradikalen Bekenntnispunk etabliert, der bei Nachahmern oft zum Fremdschämen war und das dreiste Spiel mit der symbolischen Unordnung, das die »Sex Pistols« ausgemacht hatte, in eine bierernste Mission verwandelte. Nicht zu bestreiten ist jedoch, dass Slime eine geschichtlich prägende Band sind - und bis heute den Straßenkämpfer-Song spielen können wie niemand anders im deutschen Sprachgebiet. Wer von Dirk Joras Präsenz und Energie keine Gänsehaut bekommt, war nie ein Punk.

Um so interessanter ist es daher, dass sich das Denkmal zu bewegen beginnt. Zuletzt waren »Slime« 2010 auf »Sich fügen heißt Lügen«-Tour, mit einem Repertoire verpunkter Mühsam-Gedichte. Zur Band gehört mit Nici von den »Mimmis« aus Bremen erstmals eine Frau und selbst mit dem Hamburger Sänger Jan Delay, der sich gerade anschickt, Udo Lindenbergs Platz einzunehmen, hat Jora jüngst im Duett gesungen. Nach dem Erscheinen von Rysers Buch ist die Gruppe nun wieder unterwegs - abwechselnd mit Konzerten und Lesungen.

Diese Lesungen sollen von einem »unplugged set« begleitet werden. Das klingt in etwa so wahrscheinlich wie Heinos kürzlich erschienenes Punkrock-Cover-Album. Und ist insofern wirklich etwas, worauf es sich zu warten lohnt.

Daniel Ryser: Slime. Deutschland muss sterben, Heyne Verlag München 2013, 275 Seiten Hardcover

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