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»Wie in einer Ehe«

Ulm liegt in Baden-Württemberg, Neu-Ulm in Bayern - eine interessante Familien-Gemengelage, finden die Stadtoberen

  • Von Christine Cornelius und Özlem Yilmazer, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Der große Bruder Ulm liegt am baden-württembergischen Donau-Ufer, die jüngere Schwester auf bayerischer Seite: Die Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm ist zwar durch Landesgrenzen geteilt, hält aber zusammen, wo es geht.

Ulm/Neu-Ulm. Auf den ersten Blick könnten die beiden Städte unterschiedlicher kaum sein. Ulm mit seiner reichen Geschichte und dem Münster ist ein Touristenmagnet - Neu-Ulm lassen Touristen auf einer Rundreise durch Süddeutschland hingegen eher aus. Dennoch verbindet die Nachbarn, die zwar durch die Donau verbunden sind, aber zu verschiedenen Bundesländern gehören, weit mehr als nur der Name.

Es gebe zahlreiche Beispiele der Zusammenarbeit, sagt Neu-Ulms Oberbürgermeister Gerold Noerenberg (CSU). »Man muss natürlich Toleranz entwickeln für den Partner, das ist aber ein Stück weit wie in einer Ehe auch.« Der Ulmer Rathauschef, Ivo Gönner (SPD), sieht in Neu-Ulm eher die jüngere Schwester mit mehr Beinfreiheit. Der ältere Bruder - Ulm wurde 854 gegründet, Neu-Ulm 1811 - müsse dagegen immer brav sein und mit gutem Beispiel vorangehen. »Das ist eine sehr interessante Familien-Gemengelage«, sagt Gönner. Rivalität gebe es nicht mehr.

Diese Verbindung bringt viele »Win-Win-Situationen«: Gemeinsame Stadtwerke, kooperierende Musikschulen, das Donaufest, ein gemeinsames Touristikunternehmen oder ein Stadtentwicklungsverband, der Gewerbeflächen in beiden Städten vermarktet. »Wir haben auch eine Einkaufsgemeinschaft für Büromaterial und sparen damit einen Haufen Geld, weil wir ganz andere Rabatte erzielen, als wenn jeder allein am Markt auftritt.« Spielraum gebe dabei die kommunale Selbstverwaltung, sagt Gönner. »Den nutzen wir auch positiv aus.« Grenzen wiederum gebe es etwa wegen der zwei Landesgesetzgebungen oder auch, weil Neu-Ulm eine kreisangehörige Stadt sei, Ulm hingegen ein eigener Stadtkreis. Unterschiede gibt es auch beim Thema Umweltzone. »Hier driften wir auseinander, weil es in Stuttgart beziehungsweise in München andere Herangehensweisen gibt«, sagt Noerenberg. Während Autofahrer in Ulm eine grüne Plakette brauchen, gelten in Neu-Ulm die gelbe und die grüne.

»Da bemühen wir uns auch immer wieder, das auf eine gemeinsame Ebene zu bringen, aber da sind wir halt nicht allein«, sagt der OB. »Da müssen wir schauen, dass wir die beiden Landesregierungen mit ins Boot bekommen, was nicht immer so gelingt.« Als Bindeglied zwischen beiden Ländern sieht sich die Ulm/Neu-Ulm Touristik GmbH. Es sei praktisch, dass es so etwa für Hotels nur einen Ansprechpartner gebe, sagt Geschäftsführer Wolfgang Dietrich. Ein junges Beispiel für die Kooperation ist die in Neu-Ulm vor gut einem Jahr eröffnete Ratiopharm Arena, die beide Städte für Veranstaltungen nutzen. Neu-Ulm hätte das Projekt nie allein stemmen können, sagt Noerenberg. »Ulm hätte es vielleicht gekonnt, hat sich so aber wesentlich leichter getan.« In Ulm habe es keinen geeigneten Platz gegeben. »Und so haben wir Ressourcen zusammengeschmissen und etwas bewegt, was ansonsten vielleicht nicht hätte passieren können.«

Da Ulm etwa doppelt so groß ist wie Neu-Ulm, gibt es einen »grundsätzlichen Finanzierungsschlüssel« von zwei zu eins, wie Noerenberg erläutert. »Ulm übernimmt zwei Drittel, wir übernehmen ein Drittel«, sagt er. »Natürlich profitieren wir von gewissen Dingen, die ohne Ulm nicht stattfinden könnten. Aber manches geht auch für die Ulmer nur gemeinsam, beziehungsweise sie profitieren, weil sie noch einen Partner im Boot haben.«

Vor 40 Jahren wurde im sogenannten Ernst-Gutachten die Fusion beider Städte vorgeschlagen. »Was zu einem Aufschrei führte«, erzählt Gönner. »Seitdem gibt es immer wieder noch Traumvorstellungen, dass das noch passiert.« Doch es sei eben nur ein Traum. Die Konsequenz daraus zogen Vorgänger der beiden OB mit einem Städtevertrag.

»Ganz grundsätzlich sehen die Bürgerinnen und Bürger von Ulm und Neu-Ulm die Doppelstadt als einheitlichen Lebensraum«, sagt Noerenberg. Andererseits sei klar: Die einen sind Bayern, die anderen Württemberger - und das nicht ohne Stolz. Ändern wolle das niemand.

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