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Widersprüchliche Signale

Netzwerk stellt Lernprojekt zur NS-Geschichte vor / Topographie des Terrors kürzt Führungsangebot

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Jugendlichen fällt der Zugang zum Thema Nationalsozialismus häufig schwer. Diesen Satz würde mit Sicherheit auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sofort unterschreiben. Deshalb warb die Senatorin gestern gemeinsam mit der Initiative »Gesicht zeigen« für das neu gegründete Netzwerk »Geschichte in Bewegung«.

Acht Berliner Bildungseinrichtungen haben sich zusammengetan, um Schülern die Themen NS-Zeit und Demokratie näherzubringen. Zu den Partnern gehören bekannte Einrichtungen wie das Anne Frank Zentrum, das Haus der Wannsee-Konferenz und das Jüdische Museum, aber auch kleinere Projekte wie die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus.

An drei aufeinanderfolgenden Tagen sollen Schulklassen drei verschiedene Museen oder Gedenkstätten besuchen. Vor Ort lernen die Schüler in Workshops unterschiedliche Zugänge zu dem häufig im Geschichtsunterricht eher sperrig aufbereiteten Thema kennen. So werden die Jugendlichen in der Ausstellung »7 Mal jung« mit den Erfahrungen junger Menschen während der NS-Zeit konfrontiert. Die dabei aufgeworfenen Fragen orientieren sich an der Lebenswirklichkeit der heutigen jungen Generation. Welche Auswirkungen hätte für mich Telefonverbot? Was für junge Leute heute schwer vorstellbar ist, war für Juden im Dritten Reich ab Juli 1940 Teil der bitteren Realität.

»Wir wollten das Rad nicht neu erfinden, stattdessen Kompetenzen bündeln«, erklärte Jan Krebs, von der Initiative »Gesicht zeigen«. Vielen Lehrern fehlte bisher ein Überblick über die unterschiedlichen Angebote in Berlin, die sich mit den Themen NS-Zeit und Demokratie auseinandersetzen. Dabei existiere zwischen den zahlreichen Projekten oft ein inhaltlicher Zusammenhang, der nun mit den dreitägigen Workshops aufgegriffen werden soll. »Wir sind keine Einzelkämpfer«, sagte Petra Zwaka vom Jugend Museum in Schöneberg. Dieses Jahr können 16 Klassen an dem kostenlosen Programm teilnehmen. Schon jetzt sei die Nachfrage groß, verrät Jan Krebs. Ob das Projekt darüber hinaus weitergeht, hängt vom Senat ab. Bildungssenatorin Scheeres begrüßte die Ziele des neuen Netzwerkes, hielt sich mit finanziellen Versprechen aber zurück.

Dass die Situation vieler Bildungsangebote und Demokratieinitiativen grundsätzlich schwierig ist, zeigen Kürzungen im Angebot der Gedenkstätte Topographie des Terrors. Im aktuellen Wirtschaftsplan des Senats sind laut Angaben der Kulturpolitikerin Sabine Bangert (Grüne) für das Dokumentations- und Begegnungszentrum rund 65 000 Euro weniger an Fördermitteln vorgesehen.

Als Konsequenz daraus sollen künftig nur noch maximal 175 statt wie bisher fast 300 Führungen im Monat durch die Ausstellung angeboten werden. Der Vorschlag zu dieser Maßnahme stammt laut Aussagen Bangerts aus einer Antwort des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD), auf einen Protestbrief der von den Kürzungen betroffenen freiberuflichen Referenten. Wowereit ist neben seiner Funktion als Berlins Stadtoberhaupt gleichzeitig Kultursenator.

Besonders widersprüchlich erscheinen die Kürzungen deshalb, da Berlin derzeit das Themenjahr »Zerstörte Vielfalt« begeht, an dem sich auch die Gedenkstätte Topographie des Terrors beteiligt. Von den Kürzungen wären laut Bangert auch Führungen durch die anlässlich des Themenjahres geplante Sonderausstellung »Berlin 1933 - der Weg in die Diktatur« betroffen. »Die Führungen leisten einen wichtigen Beitrag zur Aufklärungs- und Bildungsarbeit junger Menschen«, so die Kulturpolitikerin. Kritik an den Kürzungen äußerte auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Deren Landesvorsitzende Sigrid Baumgardt forderte die sofortige Rücknahme der Kürzungen.

Mangelhaftes Interesse an der deutschen Vergangenheit gibt es jedenfalls nicht. Allein im letzten Jahr besuchten fast 950 000 Menschen die Gedenkstätte in der Niederkirchnerstraße.

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