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Keiner verschwand nach Hause

Tausende protestieren erneut für humaneres Asylrecht und gegen Rassismus

Fast eskalierte die Situation am Berliner Oranienplatz: »Verschwinde endlich nach Hause«, entrüstet sich lautstark eine Frau. »Einmal mit extra Fleisch«, lässt ihr Gegenüber die Zurechtweisung mit demonstrativer Coolness an sich abprallen. Der Streit zwischen gestresster Mutter und pubertierendem Sohn blieb ein Einzelfall an diesem Tag.

Jenseits des Dürum-Spezialitäten-Grills versammelten sich am Samstagnachmittag 2000 Demonstranten am Kreuzberger Oranienplatz. »Schluss mit Residenzpflicht, Lager & Deportation! Refugees› Revolution Demo!‹«, lautete das formelle Motto der Demonstration. »Asylsystem scheiße!«, brachten es immer wieder Flüchtlinge, die den Demonstrationszug anführten, auf den Punkt. Bessere Lebensbedienungen für Flüchtlinge und ein grundlegender Wandel der deutschen Asylpolitik waren die Forderungen, die durch Lautsprecher und auf Transparenten zu den Bewohnern von Berlin-Mitte und Kreuzberg drangen.

Die Demonstration bildete das Jubiläum jenes Protests, der genau vor einem Jahr von einer Gruppe Würzburger Flüchtlinge begonnen wurde. Einem mehrwöchigen Protestmarsch durch die Republik folgte ein neuntägiger Hungerstreik am Brandenburger Tor. Zuletzt machten die Flüchtlinge mit einer über 3000 Kilometer langen Protesttour und mit Kundgebungen vor über 30 Flüchtlingswohnheimen auf ihr Schicksal aufmerksam. »Dies ist das nächste Kapitel unserer Revolution«, die weitergehen werde bis die »psychische und physische Folter von Flüchtlingen durch die deutsche Regierung« beendet sei, kommentierte der aus dem Irak stammende Hassan den Protest.

Die Reden, die aus den Lautsprechern des gelb gestrichenen Koffer-Lkw krächzten, waren so leidenschaftlich wie unmissverständlich: »Wir sterben, und die deutsche Regierung tut nichts«, verwies einer der Redner auf das Schicksal der Flüchtlinge, die das »10 bis 15-jährige Herumsitzen in deutschen Lagern« in den Suizid treibe. Andere kritisierten fehlende Arbeitserlaubnisse und die geringe Anerkennungsquote von Asylsuchenden. Vor ganztägig beschäftigungslosen Hundertschaften der Berliner Polizei sorgte das Berliner »Bündnis gegen Rassismus« für die drastischsten Worte: Flüchtlinge seien zugleich Opfer des »konspirativen Schweigens der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft« wie des »neokolonialen Systems« von Regierungen, die »jeglichen Widerstand gewaltsam niederschlagen«.

Von deren Ausmaß berichtete am Rande der Demo auch der Somali Bilal. Er war dabei, als Kölner Polizisten vor zwei Wochen mit Schlagstöcken und Pfefferspray eine Kundgebung von Flüchtlingen auflösten. »Wir suchten Freiheit und endeten in Gefangenschaft«, sagt der 19-Jährige, der sich durch die Teilnahme an der Demonstration strafbar macht.

»Residenzpflicht scheiße«, skandierten er und andere zur Abschlusskundgebung in Hörweite von Bundestag und Kanzleramt. Und auch am Dürüm Spezialitäten Grill wurde es bei minus acht Grad noch politisch: »Natürlich sollen die Flüchtlinge vom Oranienplatz verschwinden«, sagt ein blasser Mitt-Dreißiger und leckt sich die Kräutersausce vom Finger: »Aber nicht, bevor sie ihr Ziel erreicht haben.«

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