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Kam nur bis zur Mitte?

Große Schau in Berlin über Martin Kippenberger: »Sehr gut / very good«

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 6 Min.

Er war ein Rastloser. Jetzt ist er angekommen in der Stadt, die ihn einst nicht mochte - und er nicht sie. Großer Bahnhof im Hamburger Bahnhof für: Martin Kippenberger. Das Berliner Museum für Gegenwart erinnert an den mit 44 Jahren Frühverstorbenen, dem Anerkennung das Lebenselixier gewesen wäre, anlässlich seines 60. Geburtstags. Das weiße Festkleid des Künstlers: Picassos Unterhosen. Das Kippenberger-Selbstporträt in Picasso-Pose - wahrlich ein Blickfang. Dieses radikale Zitat einer Bildikone heißt für den Künstler: im Intimen, noch in der Lächerlichkeit geniebewusst zu sein.

Intim auch der Blick, den die Schau in den Rieckhallen auf alle Facetten im Schaffen des Kunst-Chamäleons Kippenberger gewährt. Das sind nicht wenige, schließlich war er Workaholic (besessen Arbeitender und u.a. Alkoholiker). Er war Maler, Zeichner, Fotograf, Bildhauer, Plakat- und Plattencovergestalter, Dichter, manischer Briefeschreiber, Büchermacher und Performancekünstler (worunter auch fällt: Ideenverkäufer, Entertainer, Witzeerzähler, Musiker, begnadeter Rock'n'Roll-Tänzer, Partyfeierer, zeitweiliger SO36-Clubbetreiber, und schon allein wegen Letzterem Berliner Legende) - ein Alleskönner, ein frappant einfallsreicher Kunst(be)herrscher in, beziehungsweise mit allen möglichen und unmöglichen Techniken, Materialien, Gattungen, Stilen. Die auf dreitausend Quadratmetern ausgestellten 300 Werke wirken in den weiten hohen Rieckhallen als eine eher karge Hommage, gemessen an anderen großen Museumsausstellung nach Kippenbergers Tod 1996.

Die Berliner Museumsgranden nutzen die Gelegenheit, auf Kippenberger-Werke der Friedrich Christian Flick Collection in der Sammlung des Hauses zurückzugreifen (sie damit automatisch weiter aufzuwerten) und das Renommee des Museums zu bestätigen - ist Kippenberger doch inzwischen ein absoluter Hochkaräter auf dem internationalen Kunstmarkt, einer der teuersten Deutschen. So, kann man nebenbei studieren, greifen die Rädchen im globalen Kunstszene-System ineinander.

Kippenbergers Leben war eine einzige Tourboleske: schnell, turbulent, ausgeleuchtet von Dada-haftem Provozieren, in der Respektlosigkeit und der Ironie unterströmt von Sensibilität und im Zynismus von Verletzlichkeit und Verzweiflung. Er hat alles dramatisch ernst gemeint, auch seine permanenten - meist auf die Gesellschaft zielenden - Selbstinszenierungen und der Drang zur Kalauerei (darin war ein Hochtalent) zeugten davon. »Er wollte nach oben, aber er kam nur bis zur Mitte«, so ein selbstironischer Spruch. Käufer, Sammler seiner Kunst hatte er zu Lebzeiten kaum.

Wer die Stiere der deutschen Geschichte und der modernen Kunstgeschichte so bei den Hörnern packte wie er, der hatte nicht nur Anhänger (Freunde, die er auch nach Bedarf aussaugte wie ein Vampir - beklagen einige Weggefährten und kommen wohl mit »Kippis« Ruhm nicht klar, der sie überrollt und abgehängt hat). Sondern er hatte auch jede Menge Feinde und Missversteher. »Martin, ab in die Ecke und schäm dich« heißt denn auch die lebensgroße Plastik, die er 1989 als Selbstporträt schuf. Ein täuschend echt aussehender Mann steht tatsächlich, mit dem Gesicht zur Wand, in der Ecke - im ersten der Ausstellungsräume. Wen hat er damit zugleich veralbert? Joseph Beuys. »Jeder Künstler ist ein Mensch.« Kippenberger hatte das Beuys-Diktum »Jeder Mensch ist ein Künstler« gegen die damals einsetzende Beuys-Heldenverehrung in witziger Lakonie umgedeutet. Der Spruch gibt das Motto für diesen Raum, wie auch alle anderen Etappen des Parcours durch die überwiegend thematisch gruppierenden Räume mit einem Kippenberger-Zitat aufwarten. »Berlin muss neu gestrichen werden« lautet da eine weitere Sentenz, und wer Berlin kennt, findet sie auch heute in jeder Hinsicht höchst aktuell.

Ein Stück weiter auf der Strecke durchs erfindungsreich Durchgeknallte, durchs pulsierende Chaos der Experimentierfreude kommt man zu einer seiner bekanntesten, skandalträchtigen Arbeiten: dem gekreuzigten Frosch, nicht von seiner Hand ausgeführt, sondern bei einem Herrgottschnitzer in Auftrag gegeben. Außer der Plastik aus Naturholz sind drei weitere, pop-farbene Versionen zu sehen. »Die Füße zuerst« (1990) hat Kippenberger übrigens die menschen-lebensgroßen Skulpturen genannt. (Sein Talent, mit einem einzigen Bildtitel in mehrere Richtungen zu schießen, und in einer Art, die man bloß der Neuen Frankfurter Schule zutraute, war überragend.)

Der ans Kreuz geschlagene Märtyrer, der Frosch, aus dessen Maul die Zunge jämmerlich heraushängt (der Bierseidel in der genagelten Hand ist leer), muss, als sei des Leidens nicht genug, obendrein ein Ei (er-)tragen. Das Ei, Fruchtbarkeitssymbol und Zeichen des Ursprungs aller Kunst - es ist ein Spiegelei. Bei einem klebt es wie ein Lendenschurz auf dem Schoß, beim nächsten ist es hinuntergerutscht auf den Froschschenkel, beim dritten klebt es an der Stirn, halb auf einem Auge. Heute sagen wir klar, ohne in Blasphemieverdacht zu geraten: Da hat jemand Dreck am Stecken. Gemeint aber hat Kippenberger angeblich sich selbst, seinen Zustand nach einer Entziehungskur, und den leidenden Künstler überhaupt. Ein Jahr später dann: »Was Gott im Herrschen, bin ich im Können« schreibt er in erhoffter sich selbsterfüllender Prophezeiung auf ein Plakat.

Aus der Flick-Collection ist unter anderem ein Gemälde zu sehen, das damals, als der Flick-Erbe seine Sammlung der Nationalgalerie lieh, mit zum Hochschlagen der Wellen beitrug. »Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken« (1984) - den Titel des abstrakt wirkenden Bildes voller Balken- und Winkelgewirr legte man dem Flick-Enkel als Geste des Hohns aus: Als Demonstration der Verweigerung anzuerkennen, dass an seiner Kunstsammlung das Blut der Zwangsarbeiter klebt, da sie mit dem geerbten Geld des Kriegsprofiteurs Friedrich Flick zusammengekauft wurde. Kippenberger hatte mit diesem Werk sowohl die Vergangenheitsverdrängung der Deutschen in seinem persiflierenden Blick als auch Künstlerkollegen wie Anselm Kiefer oder Gerhard Richter, die sich mit Pathos und »deutscher Tiefe« an die künstlerische Aufarbeitung der Nazi-Zeit machten. Er schaffte das mit lakonischem Humor, und überdies früher als andere.

Man sollte zum Besuch der Retrospektive so viel Zeit und Ausgeruhtheit mitbringen, dass die Schau- und Hörlust trotz der langen Wege durch die Säle nicht erlahmt. Denn es stehen Monitore und Leinwände bereit mit kurzen Filmen, in denen man Kippenberger quasi live erleben kann. Beispielsweise beim Zulabern einer Fernsehfrau als Notwehr-Parodie aufs Totquatsch-TV. Und wie herrlich ironiesatt sein Song »Yuppi Du« (1984) ist, den Lifstyle der Yuppies in der angebrochenen Kohl-Ära aufs Korn nehmend: »Es wäre gescheiter, das Leben ginge weiter«, singt er da. Für ihn ging es nicht lange weiter, und das Refrain-Yuppidu, das beim weiteren Rundgang im Ohr bleiben möchte, vergeht einem, wenn man auf die Fotos innerhalb seiner großartigen Werkreihe zum Gemälde »Das Floß der Medusa« des jungverstorbenen Théodore Géricault stößt. Der Schamlosigkeit der Wahrheit bewusst, ließ er sich selbst 1996 in Posen des Schiffbrüchigen fotografieren, die dem Géricault-Gemälde abgeschaut sind: ein aufgedunsener, unfassbar schnell gealterter Mann, den eigenen Tod vor Augen. Nie war seine Ironie, sein Spiel mit dem Thema Künstlergenie so bitter.

»Sehr gut / very good« - die beste Note hat er sich mehrfach selbst ausgestellt, und hier sehr zu recht: auf den »Weißen Bildern« (1991). Sie werden - aus technischen Gründen - abseits der Rieckhallen im oberen Stockwerk des alten Hamburger Bahnhofs gezeigt. Elf Leinwände sind in die Museumswand fugenlos eingelassen und somit Teil des White Cube, des beschwörten ultimativen Museumsraums. Auf ihnen knappe Bildbeschreibungen von Kippenberger-Gemälden in fast unsichtbarer Schrift von Kinderhand und mit Rechtschreibfehlern. Die Benotung hatte Kippenberger dem Kind vorgegeben, nämlich jeweils »sehr gut«. Typisch Kippenberger'sche Pointensetzung: Selbst ein Kind kann erkennen, welche Bedeutung er in der Kunsthistorie einzunehmen hat. Die aktuelle Ausstellung ist deren fraglose Unterfütterung.

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