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Streit um's Fleisch

In Heinersdorf machen Anwohner und Rechte gegen eine türkische Fleischfabrik mobil

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Pankower Ortsteil Heinersdorf ist eine ruhige Gegend. Inmitten viel Grüns reihen sich hier Einfamilienhäuser mit kleinen Vorgärten aneinander. Doch Anwohner fürchten nun, dass es mit der Idylle bald vorbei sein könnte. Seit 2012 bekannt wurde, dass sich im momentan ungenutzten Gewerbegebiet an der Blankenburger Straße eine Fleischverarbeitungsfabrik ansiedeln will, wird in Heinersdorf Protest gegen die Baupläne laut. Das türkische Unternehmen Hacilar plant auf insgesamt 20 000 Quadratmetern eine 60 Meter hohe und mindestens 300 Meter lange Halle zur Verarbeitung von Lamm-, Rind-, und Geflügelfleisch. Im 24-Stundenbetrieb sollen hier angelieferte Fleischwaren zerlegt und weiter verarbeitet werden. Fast 16 Millionen Euro soll der Neubau kosten. Der bisherige Standort des 1988 gegründeten Familienunternehmens Hacilar in Moabit ist für die großen Produktionsmengen des Betriebes zu klein geworden. Am neuen Standort in Heinersdorf will das Unternehmen eigenen Angaben zufolge rund 200 neue Arbeitsplätze schaffen.

Die in der »Zukunftswerkstatt Heinersdorf« organisierten Anwohner befürchten durch die geplante Anlage eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität. Lärmbelästigung, Verschmutzung und übelriechende Ausdünstungen seien vorprogrammiert. »Das Gewerbeareal liegt mitten in einem Wohngebiet und ist deswegen völlig ungeeignet. Wir kämpfen bereits seit längerem dafür, dass dieser Bereich in Wohnflächen umgewandelt wird«, erklärt Sandra Caspers von der Zukunftswerkstatt. Die lokale Bürgerinitiative gegen eine neue Autobahnausfahrt »Kontra AS Karow-Buch« ist bezüglich der Fleischfabrik eher geteilter Meinung. Es gebe Stimmen für und gegen das Projekt heißt es dort.

Nachdem beim Bezirksamt über 1000 Beschwerden eingegangen sind, liegt das Bauvorhaben vorerst auf Eis. In der letzen Woche fand zudem eine öffentliche Anhörung zum Thema im Bezirksausschuss statt. Die zuständige Abteilung für Stadtentwicklung will im Rahmen eines Planverfahrens nun alle Vorbehalte bezüglich Verkehrsaufkommen sowie Umwelt- und Lärmschutz überprüfen und nötigenfalls Anpassungen vornehmen. Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) begrüßt grundsätzlich das Vorhaben des Unternehmens. »Gewerbegebiete sind dazu da, Gewerbe anzusiedeln. Ich kann das Engagement des Investors nur begrüßen.« Kirchner weist auch darauf hin, dass das Gewerbegebiet bereits seit den 1960er Jahren als solches genutzt wird. »Bisher hat das auch noch nie jemand ernsthaft in Frage gestellt«, so der Bezirksstadtrat. Daran, dass das Projekt letztendlich genehmigt wird, gibt es kaum Zweifel. Allerdings könnte es Auflagen zu Umfang und Größe der Halle geben.

Der aktuelle Fall ruft Erinnerungen an die Proteste gegen die Ahmadiyya-Moschee vor nunmehr fünf Jahren hervor. Damals hatten sich Anwohner zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen und gemeinsam mit NPD-Kadern und Mitgliedern islamfeindlicher Gruppen immer wieder gegen den Bau des Moscheegebäudes in Heinersdorf protestiert. Der rechtsextreme Protest war letztlich wirkungslos. Seit dem Herbst 2008 ist die Ahmadiyya-Gemeinde in Heinersdorf ansässig. Auch dieses Mal unterstützen wieder rechte Gruppierungen den Protest. Allen voran die rechtspopulistische und islamophobe Splitterpartei des ehemaligen CDU-Mitgliedes René Stadtkewitz, »Die Freiheit«. Unter dem Titel »Keine Halalfleischfabrik in Heinersdorf« wettert Generalsekretär Yorck-Alexander Mayer auf der Internetseite der Partei gegen »diesen weiteren Schritt zur Islamisierung Heinersdorfs«. Caspers von der Zukunftswerkstatt erklärte derweil gegenüber »nd«, dass keine Allianzen zwischen ihrem Verein und rechten Stimmungsmachern bestehen würden. »Die Freiheit« will die Bürger jedenfalls weiterhin in ihrem Protest gegen die Fleischfabrik unterstützen. Ob sich eine Mehrheit der Anwohner anders als 2008 diesmal deutlich von den Rechten distanzieren wird, bleibt abzuwarten.

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